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TOCOTRONIC

Ort: Münster - Skaters Palace

Datum: 16.04.2008

Ende des Jahres können TOCOTRONIC aus Hamburg ihren 15. Bandgeburtstag feiern, dass sie in dieser Zeit nicht faul waren, beweisen neben diversen Best Ofs, Remixen, Live-Scheiben, EPs und Singles vor allem acht Studioalben, von denen das letzte 2007 unter dem Namen „Kapitulation“ erschienen ist. Grund genug für die Gründungsmitglieder Dirk von Lowtzow (Gesang & Gitarre), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Drums) und Rick McPhail (Gitarre), nach etwa zehn Jahren mal wieder in Münster aufzuspielen. Mehr als 1.000 Fans wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen und bevölkerten um 21.00 Uhr die damit gut gefüllte Konzertstätte am Dahlweg.

Ein bisschen mussten sie noch waren, bis zunächst ein TOCOTRONIC-Schriftzug auf der Leinwand im Hintergrund erschien und letztlich um 21.25 Uhr das Quartett unter Verzicht einer Vorband die Stage enterte. Dank „Hi-Fi Science-Fiction“ legten die Herrschaften mit feinstem Gitarrengeschrammel los und auch die Westfalen ließen sich nicht lange bitten. Weiter ging’s mit dem coolen „Sie wollen uns erzählen“ vom aktuellen Silberling, der erwartungsgemäß an diesem Abend die meisten Songs lieferte. Bei der überragenden Qualität des Werkes sprach dagegen auch gar nichts, also konnte zum flotten „Verschwör dich gegen dich“ weiter gerockt werden, während auf der Leinwand Fotos zu sehen waren. Aber auch ältere Titel hatten ihren Platz, so wurden die knackigen Gitarrenriffs von „Grenzen des guten Geschmacks“ vom 2000er „K.O.O.K.“ begeistert aufgenommen, was auch für „Aber hier leben, nein danke“ galt. Im Hintergrund prangte eine abstrakte Häuseransammlung, die visuell die Stakkatosounds begleitete. Für „Aus meiner Festung“ hatten TOCOTRONIC hier Schneegestöber ausgewählt, leider werden viele der Anwesenden diese Videoinstallationen gar nicht gesehen haben, da das Skater’s Palace aufgrund der baulichen Gegebenheiten nicht überall einen optimalen Blick ermöglicht. Dies hinderte aber niemanden am Mitklatschen und in den vorderen Reihen wurde sogar ausgelassen gepogt, bevor es mit „Luft“ etwas ruhiger, aber keinesfalls weniger energetisch zuging. Zwar hatte man während des gesamten Abends den Eindruck, dass sämtliche Gestik und Mimik Dirk vorbehalten war, da der Rest der Band fast schon statisch auf der Bühne agierte, trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) kamen TOCOTRONIC sehr intensiv rüber. Herr von Lowtzow ist einfach die Rampensau der Kapelle, die mit einer gewissen Theatralik agierte, sich offensichtlich sehr über die positiven Reaktionen seiner Fans freute und schon mal vermittels Kusshand für den Applaus bedankte. Ihm oblag es auch, Erklärungen zu den Texten abzugeben. So wie bei „Gegen den Strich“ von der „Pure Vernunft darf niemals siegen“-VÖ aus 2005, das allen Dandys gewidmet war und eine Lanze für das Unerreichbare brechen wollte – frei nach dem Motto: „Gegen den Spatz in der Hand und für die Taube auf dem Dach“. Fehlen durfte natürlich nicht der größte TOCOTRONIC-Charterfolg „Let There Be Rock“, der entsprechend abgefeiert wurde. So in Stimmung gebracht, war bei „Kapitulation“ und „Imitationen“ Party angesagt. Der letztgenannte Track behandelte die Vervielfältigung des eigenen Ichs und wurde optisch von allerlei weißen Laborratten untermalt. Glücklicherweise nur per Video, hätte sonst vielleicht mit dem einen oder anderen Mädel Stress gegeben, wenn plötzlich echte Nagetiere durch die Skatehalle geflitzt wären. „Sag alles ab“ überraschte mit punkigen Attitüden und Schreigesang, zu dem es ein Video mit einem Ausschnitt eines alten Schwarz-Weiss-Films gab, das auch RAMMSTEIN zur Ehre gereicht hätte. Im Auditorium stand inzwischen kein Bein mehr still und so durfte bis 22.45 Uhr weiter zu sphärischen Gitarren und Gute-Laune-Sounds getanzt, geklatscht und gesungen werden. Offensichtlich nutzte Dirk die kurze Pause, um seinen zwischenzeitlich völlig verwuschelten Seitenscheitel zu richten (was bei Ricks eher helmförmiger Frisur nicht nötig war), um dann mit „Mein Ruin“ weiter zu machen. Es folgten die stampfende Beats von „Jackpot“ und zu guter Letzt noch „Drüben auf dem Hügel“, das mich ein wenig an die PIXIES erinnerte. Es kam der zweite Abgang, den die Münsteraner so aber nicht akzeptieren wollten, deshalb wurden weiter energisch nach einer Zugabe verlangt, die mit „Explosion“ auch erfolgte.

Inzwischen war es nach 23.00 Uhr, so dass ich mich schweren Herzens schon vor dem absoluten Ende verabschiedet und auf den Heimweg gemacht habe. Der Umstand, dass mich nur eine kurze Nacht erwartete, konnte angesichts des grandiosen Konzertes aber getrost vernachlässigt werden. Toller „Diskurs-Rock“ (Hamburger Schule hören TOCOTRONIC nicht so gern) mit klasse Melodien und anspruchsvollen Texten!

Setlist TOCOTRONIC (ohne Gewähr)
Hi-Fi Science-Fiction
Sie wollen uns erzählen
Verschwör dich gegen dich
Grenzen des guten Geschmacks
Aber hier leben, nein danke
Aus meiner Festung
Luft
In höchsten Höhen
Gegen den Strich
Let There Be Rock
Das Unglück muss zurückgeschlagen werden
Kapitulation
Imitationen
Sag alles ab
Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen
Hi Freaks
Ich habe Stimmen gehört

Mein Ruin
Jackpot
Drüben auf dem Hügel

Explosion

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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