Konzert Filter

TOCOTRONIC

Ort: Osnabrück - Rosenhof

Datum: 20.10.2010

Für „Schall und Wahn“ hab es erstmals in der knapp 17-jährigen Bandgeschichte von TOCOTRONIC einen ersten Platz in den Albumcharts – kein Wunder das die Herren von Lowtzow (Gesang/ Gitarre), Müller (Bass), Zank (Schlagzeug/ Gesang) und McPhail (Gitarre & nach wie vor unsägliche Frisur) unter diesen Vorzeichen von der vielfach ausverkauften Frühjahrstour und den verschiedenen Sommerfestival-Terminen noch nicht genug hatten und für den Herbst noch mal eine Rundreise durch die Republik nachgelegt haben. Startpunkt der Hamburger, die nur ungern mit der gleichnamigen Schule in Zusammenhang gebracht werden und ihre Mucke lieber „Diskursrock“ genannt wissen, war der Rosenhof in Osnabrück, der mit annähernd 1.000 Besuchern ebenfalls sehr gut gefüllt war.

Auf einen Support hatte das Quartett verzichtet und so ging’s um kurz nach halb Neun auch gleich mit einem emotionalen Liebeslied vom besagten neunten Erfolgs-Longplayer in den siebten Gitarrenhimmel, bevor sich die aktuelle Singleauskopplung „Die Folter endet nie“ flott anschloss. Spätestens bei „Verschwör dich gegen dich“ vom 2007er „Kapitulation“ sollten sich alle warm getanzt haben können, zur Not konnte beim rasanten Geschrammel von „Sag alles ab“ jedoch noch ein kleiner Warm-Up-Spurt eingelegt werden. Erstaunlicherweise brauchten die sonst so zurückhaltenden Hasestädter bei den doch eigentlich ebenso zugeknöpften Hanseaten heuer gar keine lange Aufwärmphase und so ging es zum 2002er-Klassiker „This Boy Is Tocotronic“ vom selbstbetitelten sechsten Album in den ersten Reihen, in welchen sich das Jungvolk aufhielt, schon gut zur Sache. Die inzwischen doch in die Jahre gekommenen Anhänger der ersten Stunde, hielten sich hingegen dezent im Hintergrund und freuten sich bestimmt über ruhige Evergreens wie „Dieses Jahr“, das bereits 1997 auf „Es ist egal, aber“ das Licht der Plattenläden erblickt hat. Mit viel Drive und einem Protestsong aus 2005 („Pure Vernunft darf niemals siegen“) namens „Aber hier leben, nein danke“ gedachten Dirk von Lowtzow und seine Mannen der Dinge, die gerade in „Schland“ passieren, ehe es mit „Bitte oszillieren Sie“ endgültig in die Vollen ging. Derweil kam aus dem Publikum die dringende Bitte an den Fronter, doch was zu erzählen, aber mit dem Reden hat der jung gebliebene 39-jährige es wohl nicht so. Stattdessen gab’s zu kühlem, blauem Licht mit „Jenseits des Kanals“ zunächst zurückhaltende Töne auf die Ohren, die jedoch alsbald ins Bein gingen und von grandiosen Langäxten begleitet wurden. Für die Doppelnummer „Ich werde nie mehr allein sein/Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ gab Arne Zank seine Drumsticks an Gitarrengott Rick McPhail ab, um das Mikro zu entern. Es ging zurück in die TOCOTRONIC-Anfangstage und irgendwie hatte der seltsam monotone Gesang des Schlagzeugers auch was von ersten Gehversuchen einer jungen, aufstrebenden Indie-Band, die bestimmt ihren Weg machen wird – es war ein wenig strange, wurde jedoch heftig beklatscht und Spaß gemacht hat der Rollentausch dem Vierer allem Anschein nach auch. Was will man also mehr? Vielleicht einen Masterplan? „Jungs hier kommt der Masterplan“ (von der ersten Langrille „Digital ist besser“ aus 1995)! Straight ging’s wieder nach vorn – gefolgt von DER TOCOTRONIC-Hymne „Let There be Rock“ („K.O.O.K. – 1999), die natürlich auf keinen Fall auf der Setlist fehlen durfte und die bisher beste Singlecharts-Platzierung für die Kapelle darstellt. Der Song wurde gebührend abgefeiert und ging nahtlos in das aktuelle „Macht es nicht selbst“ über, das nicht minder großartig rüberkam und vom scheppernden „Drüben auf dem Hügel“ abgelöst wurde. Die gewollten Rückkopplungen und das Gefrickel an den Sechssaitern nahmen ihren fulminanten Lauf und so wurde zum blitzschnellen „Stürmt das Schloss“ auch ein Crowdsurfer gesichtet. Als letzter Track des regulären Sets fungierte „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ vom 1995er Debüt „Digital ist besser“ und es wurde noch mal ebenso emotional wie zu Beginn des Abends. Während im Hintergrund Bodenstrahler für stimmungsvolles Licht sorgten, gniedelten die TOCOTRONICer auf das Feinste vor sich hin, um schließlich einer nach dem anderen sang- und klanglos von der Bühne zu verschwinden. Das konnte natürlich nach 75 Minuten noch nicht alles gewesen sein und so durfte zu zur Ode an den Verfall, die den Namen „Mein Ruin“ erhalten hat, zu rotem Licht nochmals getanzt werden, während Dirk unter blauer Beleuchtung und begleitet von einem amtlichen Indie-Schrammel-Brett behauptete: „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“. Das schöne „Freiburg“ wurde schließlich mit verzerrtem Gesang und viel Hall abgefeiert, hier legte Lowtzow für einen Moment gar seine Gitarre beiseite, die aber beim zweiten Zugabenblock „Im Zweifel für den Zweifel“ wieder zu neuen Ehren kam, nachdem ganz kurz irgendein ein technisches Problem aufgetreten war, das aber umgehend behoben werden konnte.

Ein schöneres Ende mit derart viel Gefühl hätte es vermutlich gar nicht geben können und es war mir eine besondere Freude, die Hamburger im Rosenhof erleben zu dürfen, nachdem ich meine letzte Gelegenheit beim Deichbrand in Cuxhaven leider aufgrund besonders trauriger Umstände nicht nutzen konnte. Bis demnächst Jungs und viel Spaß bei Eurer Tour, Ihr wisst ja spätestens seit heute, dass Ihr in Osnabrück immer willkommen seid und es dort auch besonders schöne Konzertstätten gibt!

Setlist
Eure Liebe tötet mich
Die Folter endet nie
Verschwör dich gegen dich
Sag alles ab
This Boy Is Tocotronic
Dieses Jahr
Aber hier leben, nein danke
Bitte oszillieren Sie
Jenseits des Kanals
Ich werde nie mehr allein sein/Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
Jungs hier kommt der Masterplan
Let There Be Rock
Macht es nicht selbst
Drüben auf dem Hügel
Stürmt das Schloss
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit

Mein Ruin
Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen
Freiburg

Im Zweifel für den Zweifel

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu TOCOTRONIC auf terrorverlag.com