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TOCOTRONIC – SARAH AND JULIAN

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 16.10.2015

Am 01.05.2015 haben TOCOTRONIC ihre elfte Studioplatte rausgebracht. Einen Titel hat die Scheibe nicht bekommen und heißt ob der Farbe ihres Covers deshalb schlicht „das rote Album“. Der Longplayer erreichte einen respektablen Platz 3 in den Charts und berichtet von der Liebe in allen Schattierungen. Da fragte sich so mancher Fan, ob Dirk von Lowtzow (Gesang & Gitarre), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Drums) und Rick McPhail (Gitarre & Tasten) auf ihre alten Tage womöglich weich geworden sind. Die Langrille wird in Fankreisen auch durchaus kontrovers diskutiert, man durfte also gespannt sein, was die Hamburger Speerspitze des deutschen Diskursrocks ihrer Anhängerschaft auf die Setlist schreiben würde.

Um es vorwegzunehmen: Die Songauswahl war ein bunter Querschnitt der gesamten Bandgeschichte, die 1993 begann und 1995 das Debüt „Digital ist besser“ hervorbrachte. Bevor man sich dieser Nummer widmen konnte, galt es jedoch zunächst SARAH AND JULIAN die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Die Geschwister Muldoon eröffnen auf dieser Tour für TOCOTRONIC und standen in dieser Funktion pünktlich um 20 Uhr auf der Bühne der kleinen Ringlokschuppen-Halle. Im Gepäck hatten die Deutsch-Amerikaner getragene Singer-Songwriter-Musik, die am Piano und der Gitarre vorgetragen wurde. Dazu sangen Bruder und Schwester gemeinsam, etwa ihren Song „Like A Letter“, der auf der jüngst erschienenen, selbstbetitelten EP enthalten ist. Gleiches gilt für „Cold Wind“, das sich etwas munterer als seine Vorgänger präsentierte, was dem Vortrag der beiden durchaus gut tat. Eigentlich sind SARAH AND JULIAN auch mit einem Bassisten unterwegs, der allerdings an diesem Freitag aus was für Gründen auch immer verhindert war. Also setzten sich die beiden für ihr finales „Yesterday I Thought“ allein ans Tasteninstrument und bedankten sich mit ruhigen Melodien für das aufmerksame Zuhören und wurden mit freundlichem, wenn auch mitunter etwas dünnem Applaus bedacht. Für meinen Geschmack hätte der Support tatsächlich etwas lebhafter sein dürfen, aber die TOCOTRONIC-Anhängerschaft ist inzwischen ja auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen und muss sich womöglich seine Kräfte gut einteilen.

Zumindest konnte niemand den Beginn des Hauptacts verpassen, denn die Hanseaten setzten sich mit einem dramatischen Intro und blauem Licht gebührend in Szene, ehe sie mit dem „Prolog“ vom aktuellen Album starteten. Der Bass wummerte zu diesem Zeitpunkt noch ein wenig zu heftig, doch dieses Problem bekam man am Mischpult bald in den Griff, während „Pfarrer von Lowtzow“ zum Thema „offene Herzen und offene Grenzen“ sprach, das daraufhin musikalisch mit „Ich öffne mich“ abgehandelt wurde. Auch 1995 wurden bei TOCOTRONIC schon Liebeslieder geschrieben, das bewies „Du bist ganz schön bedient“ (von der LP „Nach der verlorenen Zeit“), bevor das temporeiche „Digital ist besser“ mit viel Beifall honoriert wurde und „Aus meiner Festung“ vom 2007er „Kapitulation“ zum Klatschen animierte. Derweil lud „Die Erwachsenen“ zum Tanzen ein und sorgte Mr. McPhail (übrigens mit langem Pony!) für die hohen gesungenen Töne bei dieser Nummer, um schließlich die Mitmach-Qualitäten der Ostwestfalen zu überprüfen. Welcher Song würde sich da besser eignen als „Aber hier leben, nein danke“? Der Track vom Longplayer „Pure Vernunft darf niemals siegen“ aus 2005 scheint ja wie gemacht zu sein für eine Stadt, deren Existenz vom allwissenden Internet sogar geleugnet wird. Die Bielefelder mussten sich zunächst in Stimmung schreien, dann klappte es mit den „Nein danke!“-Rufen jedoch ganz ordentlich und man verließ als neuerkorene Hauptstadt des Diskursrocks das zuvor bescheinigte niedrige Niveau eines „Wuppertaler Montags“. Wie auch immer: Am Ende brachte das großartige Stück Bewegung in die Menge, die beim sich anschließenden, ruhigen „Samstag ist Selbstmord“ Gelegenheit zum Luft holen bekam. Stoisch übernahm „Die Grenzen des guten Geschmacks 1“ und das noch junge „Rebel Boy“ schickte sich an, erste Hürden zum zukünftigen Klassiker zu nehmen. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat nach Bekunden des Fronters das rote Album zum schwulsten Album aller Zeiten erkoren, woraufhin Dirk verkündete, „Zucker“ sei das schwulste Lied der Platte, das sicherlich zumindest polarisieren dürfte, gleichzeitig aber auch durchaus ins Bein ging. Für das verschwurbelte „Du bist immer für mich da“ legte von Lowtzow Sakko und Sechssaiter beiseite und verteilte Blumen im Publikum, das sich gut gelaunt in Akklamationen erging, bevor „This Boy Is Tocotronic“ knackig übernahm und „Sag alles ab“ unter Lichtgewittern auf das Feinste schrammelte. Beinahe nahtlos schloss sich „Mach es nicht selbst“ an, bevor es mit „Jungfernfahrt“ autobiografisch wurde. Große Emotionen gingen mit allerlei Lichteffekten und viel Schmackes einher, ehe es mit „Drüben auf dem Hügel“ nochmals eine TOCOTRONIC-Breitseite auf die Mütze gab.

Nach 75 Minuten war hier dann auch bereits das Ende der regulären Setlist erreicht, doch nachdem er sich ein wenig hatte bitten lassen, kehrte der Vierer nochmals ins Rampenlicht zurück und nach dem coolen „Neues vom Trickser“ (vom 2002er „Tocotronic“) stand mit „Let There Be Rock“ ein Evergreen vom fünften Studio-Output „K.O.O.K.“ aus 1999 auf dem Programm. Das zwingende „Explosion“ rundete den ersten Zugabenblock so ab, wie man es bei einem derartigen Songtitel erwarten darf und auch für den zweiten Nachschlag hatte das Quartett mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ ein echtes Schmankerl in petto. Wie es sich gehört, beschlossen am Ende „Die großen weißen Vögel“ von INGRID CAVEN den Abend, zumindest verschwand die Band zu den Klängen dieses Liedes im Off, die ausdauernden Ostwestfalen schienen die Nordlichter allerdings noch einmal zurück auf die Stage gelockt zu haben und wenn ich auf dem Parkplatz die Klänge richtig gedeutet habe, wurde im Ringlokschuppen noch „Freiburg“ performt. In Zürich waren die Fans vor einigen Tagen sogar derart beharrlich, dass auch noch „Kapitulation“ angesagt war. Ob das in der Leineweberstadt gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, denn mich zog es nach einem gelungenen Konzertabend nach Hause. Wer bald noch mal zu einem TOCOTRONIC-Konzert gehen möchte: Am 11.11. spielt die Kapelle in Köln. Darauf hat der Bandvorstand explizit hingewiesen und es wahrscheinlich auch eine Herausforderung, den Karnevalsbeginn mit TOCOTRONIC-Mucke einzuläuten. Läuft so was womöglich schon in der Ägide einer subversiver Gegenveranstaltung?

Setlist TOCOTRONIC
Prolog
Ich öffne mich
Du bist ganz schön bedient
Digital ist besser
Aus meiner Festung
Die Erwachsenen
Aber hier leben, nein danke
Samstag ist Selbstmord
Die Grenzen des guten Geschmacks 1
Rebel Boy
Zucker
Du bist immer für mich da
This Boy Is Tocotronic
Sag alles ab
Macht es nicht selbst
Jungfernfahrt
Drüben auf dem Hügel

Neues vom Trickser
Let There Be Rock
Explosion

Pure Vernunft darf niemals siegen
Die großen weißen Vögel (INGRID-CAVEN-Song)

Freiburg?

Copyright Fotos: Sascha Uding (TOCOTRONIC)/ Holger Ebert (SARAH AND JULIAN)

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