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TOMTE – NOVILLERO

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 08.11.2008

Am 10. Oktober hatte das Warten ein Ende: Zwei Jahre nach dem grandiosen „Buchstaben über der Stadt“ erschien der vierte TOMTE-Longplayer „Heureka“ und schaffte es gleich bis in die Top Ten der deutschen Albumcharts. Seit Mittwoch sind die Jungs um Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann wieder in der Republik unterwegs und besuchten an einem schönen spätherbstlichen Samstag die Leineweber-Stadt, in welcher der Fronter gleich mal eine der zehn besten Sachen überhaupt käuflich erwerben konnte. Aber dazu später mehr.

Erst einmal waren die Kanadier NOVILLERO an der Reihe, die überpünktlich um 19.45 Uhr den Abend eröffneten. Wer ein Konzert im Ringlokschuppen besuchen möchte, sollte zeitig vor Ort sein! Anders als in manchen Indie-Schuppen, schätzt man dort einen frühen Start, der vom flotten Fünfer auf der Bühne mit fröhlichem Geschrammel vom zweiten Album „Aim Right For The Holes In Their Lives“ hingelegt wurde. Dabei sorgten gleich drei Musiker für den Gesang. Neben Sänger Jack Jonasson, der stets mit einem Tamburin bewaffnet war, gaben auch Keyboarder Rod Slaughter und Drummer Dave Berthiaume gesanglich ihr Können zum Besten. Etwa beim Titeltrack „A Little Tradition“ der aktuellen Langrille oder dem etwas älteren „The Art of Carrying On“, die beide viel Spielfreude ausstrahlten. Die Kapelle, die sich 1999 im „Dinslaken Kanadas“ (will sagen: Winnipeg) gegründet hat, nahm sich mit „Golden Brown“ sodann eines STRANGLERS-Klassiker an. Dabei hielt sich Jack vornehm im Hintergrund und überließ das Gesangsfeld Dave, dessen Vocals allerdings etwas verloren wirkten. Dafür gefiel der leicht experimentelle Sound und die psychedelische Orgel, was die Bielefelder mit freundlichem Applaus unterstrichen. „Lost Possibilities“ machte treibend weiter, bevor „Paco Rabanne“ ein wenig mexikanisches Flair verbreitete. Orgelbetont und mit einer starken Rhythmussektion machten die Nordamerikaner, deren Name eine andere Bezeichnung für „Torero“ oder „Matador“ ist, einen Ausflug nach Südamerika, für den sie fast gänzlich auf Text verzichteten. Bei „Life In Parentheses“ griff Sänger Jack in die Tasten eines weiteren Keyboards, während sich Rod stattdessen um das Tamburin kümmerte. Das Ganze klang ein wenig nach den DOORS und nahm zunehmend Geschwindigkeit auf, die auch bei „Dean“ gehalten wurde. Inzwischen klatschte das Publikum bereits ausgiebig mit und wurde schließlich mit einem krachenden Finale bei „The Hypothesist“ belohnt. NOVILLERO verstanden es hervorragend in den ihnen zugestandenen 45 Minuten mit ihrem knackigen Indie-Pop-Rock zu unterhalten und vielleicht hat der ein oder andere Jack, Rod, Dave, Sean Stevens (Gitarre) und Grant Johnson (Bass) auch schon mal in der Glotze gesehen. NOVILLERO durften sich nämlich schon mal selbst in den Serien „Monk“ und „Eureka“ spielen.

Setlist NOVILLERO
Laissez-Faire System
A Little Tradition
The Art of Carrying On
Golden Brown
Lost Possibilities
Paco Rabanne
Life In Parentheses
Dean
Prank Note
The Hypothesist

Nach einer kurzen Umbaupause waren dann um 20.50 Uhr TOMTE dran, die gleich mit dem Titelsong „Heureka“ für Begeisterung und Zuschauerchöre sorgten. Dafür ging es mit „Sprite & Korn“ weit zurück in der TOMTE-Diskografie. Die Nummer ist vor acht Jahren auf „Eine sonnige Nacht“ erschienen und war der erste kleine Achtungserfolg der Truppe, die 1987/88 als WARPIGS in Hemmoor in der Nähe von Cuxhaven gegründet wurde. Vorbild waren für „Korn & Sprite“ unüberhörbar OASIS, die mit „Gin & Tonic“ ihre Spuren hinterließen. Das alles ist lange her, das Lied hat aber nichts von seiner Klasse verloren und so wurde die rockige Nummer im Ringlokschuppen ordentlich abgefeiert. Im Vordergrund standen aber natürlich die neuen Sachen, etwa „Wie ein Planet“. Wobei „neue Sachen“ auch das Stichwort für ein Erlebnis ist, das Thees am Nachmittag in der Bielefelder Innenstadt hatte. Dort war er mit TOMTE-Neuzugang Simon Frontzek (SIR SIMON BATTLE) unterwegs, um in einer Apotheke Halstabletten und Botox zu kaufen, als er sich verliebte. In einen Kapuzensweater mit Bielefeld-Schriftzug und einer Ansicht der Stadt, den er stolz seinen Fans präsentierte. Wie es scheint, hat den Wahlberliner insgesamt eine tiefe Liebe zu Ostwestfalen erfasst, denn bei den 123 Interviews, die er im Zuge der „Heureka“-VÖ geführt hat (Thees hat eine Excel-Tabelle in seinem Hirn und weiß deshalb die Anzahl so genau), war ihm besonders eines mit einer Axel-Springer-Mitarbeiterin aus Rheda-Wiedenbrück angenehm im Gedächtnis geblieben. Womit wir auch gleich beim Thema waren, dass es durchaus Sinn macht, mal die Stadt zu wechseln, wobei ich Hamburg auf jeden Fall Berlin vorziehen würde! „Wie sieht’s aus in Hamburg“ gäbe es ohne den TOMTE-Umzug in die Bundeshauptstadt vermutlich aber gar nicht, weshalb das Ganze natürlich auch wieder was gutes hat. Mit „Du bist den ganzen Weg gerannt“ folgte ein Klassiker vom ersten Longplayer bei Grand Hotel van Cleef „Hinter all diesen Fenstern“ aus 2003, der entsprechend gewürdigt wurde. Nicht weniger gut war die Stimmung bei „Küss mich wach, Gloria“ und der ersten Singleauskopplung „Der letzte große Wal“, die beide das Zeug zu Evergreens haben. Ausgelassen sangen die etwa 1.400 Damen und Herren im Auditorium mit, während Simon außer seinen Keyboard-Tasten auch ein Xylofon bearbeitete. Mit „Was den Himmel erhellt“ schloss sich ein weiteres TOMTE-Highlight von der bisher erfolgreichsten Platte „Buchstaben über der Stadt“ an, was zu erneuten Begeisterungsstürmen im Publikum führte. Was dann kam, betitelte Thees selbst als den besten deutschen Britpop-Song der letzten zehn Jahre. Die Rede war von „Voran Voran“, für dessen Text OLLI SCHULZ mit verantwortlich zeichnet. Für die ruhigere Nummer griff Thees zur Akustikgitarre, überhaupt wurden die Langäxte vom blonden Fronter und Dennis Becker zu seiner Linken häufig gewechselt, was einmal im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge ging, weshalb Herr Uhlmann die Zugaben mehr oder weniger einäugig absolvierte. Zuvor ging es mit „Walter & Gail“ sowie „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören“ getragen weiter, wobei letztgenannter Track mit einer knackigen Gitarrensequenz begeisterte, mit der nach einer Stunde das reguläre Set endete.

Damit war es natürlich noch nicht getan, immerhin hatten TOMTE ja noch Verstärkung mitgebracht, die wenig später die Stage enterte. Zunächst wurde ein Cello auf die Bühne gebracht, dann tauchte mit Gunnar Vossgröne auch der zuständige Musiker auf, der „Schreit den Namen meiner Mutter“ mit seinem Instrument einen ganz besonderen Flair verpasste. Der Song wurde von der Band im Sitzen vorgetragen, lediglich Thees machte stehend weiter, was auch für das stimmungsvoll-groovige „New York“ galt, das als nächstes auf dem Zettel stand. Zunächst erzählte Uhlmann, der 2002 gemeinsam mit den KETTCAR-Members Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff das GHvC-Label gegründet hat, von seiner Begegnung mit einem volltrunkenen Arminia-Bielefeld-Fan, der angesichts zweier farbiger Passanten seine Begeisterung für die Wahl des ersten schwarzen amerikanischen Präsidenten Barack Obama auf die spezielle Art des „Arminia-Prekariats“ zum Ausdruck brachte. Dies hat Thees wohl ähnlich tief beeindruckt wie die Begeisterung eines prominenten TOMTE-Fans der ersten Stunde: Die Rede war von Rocko Klein – inzwischen leider verstorben, aber zu VIVA 2-Zeiten ein glühender Verehrer des TOMTE-Sounds, dessen Plattenrezensionen in der Visions bei Thees durchaus zu weichen Knien führte. Ihm war „Es ist so, dass Du fehlst“ gewidmet, mit dem die erste Zugaben-Staffel emotional endete. Inzwischen hatte sich der TOMTE-Vorstand seines neuen Lieblingskleidungsstückes entledigt und überprüfte im „Homies“-T-Shirt, wie viele über Dreißigjährige anwesend waren. Wie sich herausstellte, durchaus eine ganze Menge, wenngleich natürlich der überwiegende Teil der Zuschauerschaft weiblich und jünger als 25 war. Auf jeden Fall findet Thees’ Aussage, dass man mit über 30 nicht anfangen muss, Klassik und Jazz zu hören, meine volle Zustimmung. Wenn er dann noch 5 % der Eintrittsgelder für diese Altersgruppe in Aussicht stellt (vermutlich für den Babysitter), soll mir auch das recht sein. „In Köln und dann in meinem Zimmer“ stammt aus einer Zeit (1996) als die TOMTE-Herrschaften schon Haare am Sack hatten (O-Ton Thees) und ließ es punkig krachen. Brandneu ist hingegen „Dein Herz sei wild“, bei dem das Quintett noch mal richtig aufdrehte und Simon zur Gitarre griff. Nach einer kurzen Pause wurde das Cello erneut auf der Bühne positioniert, damit „Die Schönheit der Chance“ gebührend gewürdigt werden konnte. Höhepunkt des Vortrages war zweifellos das Zusammenspiel von Orgel und Cello, während Gitarrist Dennis Becker, Bassist Nicolai Potthoff (übrigens Bielefelder und für Oliver Koch seit August an den Stahlsaiten, da Koch gesundheitliche Probleme mit dem Handgelenk hat) und Drummer Max Schröder (bis Anfang des Jahres an den Keys aktiv, hat den ausgeschiedenen Timo Bodenstein an der Schießbude beerbt) eine musikalische Auszeit nahmen. Den Gesangspart teilte sich Herr Uhlmann mit seinem begeisterten Publikum, das auch bei „Ich sang die ganze Zeit von dir“ lauthals mitsang. Auf der Stage versammelte sich die Band in der Zwischenzeit auf der rechten Seite und nahm auf dem Boden Platz, lediglich Max und Thees blieben ihren Standorten treu, um dann nochmals einen temporären Abgang zu machen. Der endgültig letzte Titel sollte wenig später „Geigen bei Wonderful World“ werden. Hierzu hatte Thees wieder eine seiner geliebten Lederjacken angezogen und nutze die Gelegenheit für eine Bandvorstellung. Die Fans durften ein letztes Mal fast andächtig mitsingen, dann endete der TOMTE-Abend nach annähernd zwei Stunden unter großem Applaus.

Die Live-Qualitäten von „Heureka“ haben TOMTE hervorragend unter Beweis gestellt! Fast das gesamte Album wurde performt, einige neue Evergreens zeichneten sich bereits ab und natürlich wurde auch die Band-Klassiker nicht ausgespart. So sah man am Ende nur in zufriedene Gesichter, die Erinnerungen an einen Abend mit toller deutschen Indie-Musik mit nach Hause nehmen konnten. Allerdings hat Thees in der Vergangenheit bei anderen Gigs schon deutlich mehr gequatscht. Vielleicht ist er angesichts 123 geführter Interviews des Redens müde geworden. Verstehen könnte ich’s…

Setlist TOMTE
Heureka
Korn & Sprite
Wie ein Planet
Du bringst die Stories (ich bring den Wein)
Wie sieht’s aus in Hamburg
Du bist den ganzen Weg gerannt
Küss mich wach, Gloria
Der letzte große Wal
Was den Himmel erhellt
Voran Voran
Walter & Gail
Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören

Schreit den Namen meiner Mutter
New York
Es ist so, dass du fehlst

In Köln und dann in meinem Zimmer
Dein Herz sei wild

Die Schönheit der Chance
Ich sang die ganze Zeit von dir

Geigen bei Wonderful World

Copyright Fotos: Holger Ebert

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