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TOMTE – SIR SIMON BATTLE

Ort: Osnabrück - Rosenhof

Datum: 14.10.2006

Samstag Abend, ein schöner Herbsttag neigte sich seinem Ende zu und Massen studentischen Jungvolkes in quergestreiften Oberteilen pilgerten in Richtung Rosenhof, obwohl längst noch nicht die Zeit für das späte Disco-Vergnügen gekommen war. Der Grund dafür, dass der Rosenhof fast aus allen Nähten platzte, kommt aus Hamburg und besteht aus fünf Kerlen, die sich nach einem Kinderbuch von Astrid Lindgren benannt haben: „Tomte Tummetott“. Der Einfachheit halber wurde daraus TOMTE, eine der angesagtesten Indie-Bands der Republik.

Bereits kurz vor 20.00 Uhr stand Frontmann Thees Uhlmann auf der Bühne, neben ihm eine große Leinwand, denn auf der aktuellen TOMTE-Tour gibt es vor dem musikalischen Teil auch eine kleine Dia-Show mit Aufnahmen des TOMTE-Festival-Sommers, die vom Chef höchstpersönlich kommentiert werden und so sollte es auch in Osnabrück sein. Die Anwesenden lernten in diesen ersten 20 Minuten eine Menge über den Touralltag und die Höhen und Tiefen des Show-Biz, durchaus kurzweilig von Laber-Papst Uhlmann vorgetragen.

Dann war es jedoch Zeit für Musik. SIR SIMON BATTLE betraten die Bühne und legten mit Indie-Pop-Rock los, der sich irgendwo zwischen den WEAKERTHANS und den KINGS OF CONVENIENCE bewegt. Sänger Simon bestach optisch durch eine Hornbrille, bei der es sich wohl um ein Familienerbstück handelt, das seit fast 40 Jahren an die männliche Nachkommenschaft weitergegeben wird. Beim umstehenden weiblichen Publikum löste der Jungspund sofort begeisterte (Mutter?-)gefühle aus. Die Damen wollten ihn gleich mit nach Hause nehmen und dort hätscheln und pflegen. Die Songs „Creditcards & Trains“ und „I Turn The Key“ waren ein wenig verkopft, „Lines“ brachte den Saal dann aber zunehmend in Stimmung. Gern gebe ich an dieser Stelle ein Anliegen von Simon weiter: Der hat nämlich für den interessierten Musikfreund vor der Tour noch ne Menge Merchandising-CDs gebrannt und jetzt ist dummerweise seine momentane Lieblings-CD von den STREETS in irgendeiner der weißen SIR SIMON BATTLE-Hüllen gelandet. Wer sie also zufällig erworben haben sollte; Simon wäre überglücklich, wenn er sie wiederbekommen könnte. Interessanterweise wohnen die Bandmitglieder in ganz Deutschland verstreut, was das Proben etwas schwierig gestalten dürfte. Aber wie es manchmal so geht: Bassist Glaus aus Regensburg hat Sänger Simon aus Berlin mal bei Freunden in Hamburg getroffen. Die haben Glaus Monate später mal ne CD von Simon zugesteckt, die Begeisterung war groß und daraus wurden dann SIR SIMON BATTLE. Konsequenterweise stiegen die Hamburger Gastgeber, Keyboarderin Nadja und Gitarrist Philipp, auch noch mit ein, komplettiert wurde das Quintett von Schlagzeuger Florian aus Leipzig und so werden wir jetzt mal schauen, wie die Band-Fernbeziehung funktioniert. In Osnabrück fand das Produkt ihrer Arbeit schon mal Anklang, auch wenn die Zuhörer sich den ganzen Abend mit der Euphorie ein wenig zurückhielten. Nach einer guten halben Stunde mussten SIR SIMON BATTLE schon wieder die Bühne räumen und es begann das gespannte Warten auf den Hauptact.

Lange sollte es auch nicht dauern, dann enterten TOMTE den Rosenhof und starteten gleich mit „Was den Himmel erhellt“ von der aktuellen Scheibe „Buchstaben über der Stadt“ durch. Thees scheint sich von seiner hellbraunen Lederjacke getrennt zu haben, heuer war er jedenfalls komplett in Jeans gekleidet. Weiter ging’s mit „So soll es sein“, bevor „Pflügen“ den Kollegen von MUFF POTTER gewidmet wurde. Nach „Schreit den Namen meiner Mutter“ kam es auch endlich zu einem längeren Monolog von Thees, der die architektonischen Bausünden Osnabrücks beklagte. Zu Recht, denn das seltsame grüne Gebäude an der Rosenhof-Kreuzung ist ein echter Schandfleck, deshalb wollte sich auch so richtig niemand ob der Beschimpfungen beschweren. Wie Herr Uhlmann verriet, macht ihm gerade das Pöbeln auf Konzerten besonderen Spaß, nur in Basel sei das nicht so toll gewesen, da die Leute dort einfach so nett waren, dass sie alles mit freundlichem Beifall quittiert haben. In Osnabrück klappte das dann doch etwas besser. Überhaupt sind die Geschichten des blonden Fronters ein fester Bestandteil eines TOMTE-Konzertes und entsprechend freute es das Auditorium sehr, zu „Walter und Gail“ auch eine nähere Erklärung zu Thees’ Onkel Walter aus Detroit zu bekommen. Onkel Walter ist nämlich ausgesprochen cool und hat Thees auch das Geburtshaus von EMINEM in Detroit gezeigt. Und er war auf THE CLASH-Konzerten, was dem damals 14-jährigen Jungpunk Thees doch sehr imponierte. Imponiert hat ihm wohl auch Osnabrück, das „aus Würde und Moral erbaut ist“, sieht man mal vom abgrundtief hässlichen grünen Eckhaus ab, aber es gibt ja auch noch den Ostbunker, dort haben TOMTE bereits vor Jahren gespielt, allerdings vor deutlich weniger Zuschauern. Aber natürlich wurde nicht nur geredet, sondern auch in die Gitarrensaiten gegriffen und nach „New York“ tauschen Thees und Gitarrist Dennis ein gehauchtes Küsschen. Dennis hat übrigens wohl den gleichen Optiker wie der Sänger der Vorband… Einer der Höhepunke war „Ich sang die ganze Zeit von dir“, das lauthals mitgesungen wurde und auch nach einer guten Stunde das reguläre Set beendete. Als der Sänger mit seiner Akustikgitarre auf die Bühne zurückkam, setzte ein „Du hast die Haare schön“-Chor ein, den Herr Uhlmann gleich zu einer Fußballer-Frisur animierte und ihn den Chor in eine TOMTE-Ballade umfunktionierten ließ. Sehr schöne Improvisation, die dem Saal sichtlich gefiel. Bei einem Glas Rotwein telefonierte er dann noch mit dem Handy eines Konzertbesuchers, der jetzt vermutlich seine Mailbox oder seinen Anrufbeantworter nie mehr löschen wird. Zu „Geigen bei Wonderful World“ war auch der Rest der Truppe wieder an Bord, es folgte noch die Vorstellung der einzelnen Herren (Drummer Timo Bodenstein ist der freundlichste Skinhead, den Thees kennt und Gitarrist Dennis Becker der Angus Young der deutschen Indie-Szene), und das Versprechen, allen ein Bier auszugeben, bevor „Schönheit der Chance“ den rundum gelungenen Abend gegen 23.00 Uhr beendete.

Als ich drei Stunden später nochmals am Rosenhof vorbeikam, stand der Tourbus auch noch dort, möglich, dass noch nicht alle ihr Bier bekommen hatten…

Setlist SIR SIMON BATTLE
Creditcards And Trains
I Turn the Key
Lines
9 To 5
The Last Year
Safety First
Drive Me Home

Setlist TOMTE
Was den Himmel erhellt
So soll es sein
Pflügen
Schreit den Namen meiner Mutter
Insecuritate
Wilhelm, das war nichts
Warum ich hier steh
Du bist den ganzen Weg gerannt
Rauchen
Walter & Gail
New York
Ich sang die ganze Zeit von dir

„Du hast die Haare schön“-Improvisation
Das war ich
Geigen bei Wonderful World
Korn und Sprite
Schönheit der Chance

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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