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TORSTEN STRÄTER

Ort: Osnabrück – OSHalle

Datum: 07.10.2015

Es ist noch gar nicht so lange her, da trat TORSTEN STRÄTER mit seiner Lesebühne vor acht Personen im Spitzboden der Osnabrücker Lagerhalle auf. Inzwischen füllt der gelernte Herrenschneider den großen Europasaal der OSHalle und begeistert mit seinen Kurzgeschichten und lakonischen, aus dem Leben gegriffenen Stories die Massen. Daran ist natürlich die regelmäßige Fernsehpräsenz (Satire Gipfel, extra 3) des 49-jährigen nicht unschuldig, vor allem ist es aber der herrliche, knochentrockene Humor des Schriftstellers, Poetry Slammers und Kabarettisten, der immer mehr Leute in die Lesungen lockt, wobei der Begriff „Lesung“ bei dem Typen mit der Mütze die Sache nur bedingt trifft.

Bis TORSTEN STRÄTER nämlich zum ersten Mal zum Tablet gegriffen hat, um aus seinem „Diättagebuch“ vorzutragen, vergingen zunächst einmal 40 Minuten mit einleitenden Worten, die jedoch alles andere als langatmig waren. Da wurde schnell noch für die Presse posiert und mit der 11-jährigen Sarah aus der ersten Reihe geschäkert, bevor als kurzer, aber knackiger Ausflug in die Gefilde des politischen Kabaretts (eigentlich gar nicht sein Ding) die Griechenland-Krise erklärt wurde („Peter hat vier Äpfel, er isst neun.“).Blieb noch zu erläutern, was es mit dem Mütze-Schwitzen-Teufelskreis auf sich hatte, ehe auf die Ängste des Protagonisten vor Haien, Blutentnahmen und Flügen eingegangen werden konnte. Außerdem hat Herr Sträter ein Erfrischungsstäbchen-Trauma und im Laufe einer Nacht in einem Schweizer Hotel eine innige Beziehung zu einem überteuerten Snickers aufgebaut. Übrigens: Wenn in einem Hanuta noch ein Sammelbildchen von Karl Heinz Rummenigge steckt, darf man sich nicht wundern, wenn das gute Stück schon ein bisschen muffig ist und wird es Zeit, den Schrank auszumisten! Sowieso spielen hochkalorische Lebensmittel durchaus eine wichtige Rolle im Leben des Ruhrpottlers, der vermutlich nur Single ist, weil es bei Elite Partner nicht möglich ist, „Realschule“ als Schulbildung anzuklicken. Ein zweiter wesentlicher Faktor ist das Reisen, wobei beides im Bordbistro der Deutschen Bahn durchaus unheilvoll und für den Zuhörer äußerst erheiternd zusammentreffen kann. Ohnehin waren die Reise-Erinnerungen durch die Bank höchst amüsant; so eine Odyssee von Leipzig ins heimische Waltrop ist vermutlich schon mit der Bahn nicht zu unterschätzen und im Streikfall eine echte Herausforderung, die vermittels Fernbus, Mitfahrzentrale (zeitgemäßer: blablacar), trampend und per Schienenersatzverkehr bewältigt werden kann.

Nun war es aber keineswegs so, dass sich das Osnabrücker Publikum einfach mal bequem zurücklehnen und entspannt zuhören konnte. Mit dem Kompliment, die Stadt sei genau wie das Ruhrgebiet; nicht schön aber so schmerzfrei, wie er das schätzte, ködere Sträter sein Auditorium und animierte es zu einer Laola-Welle, die via Smartphone aufgezeichnet und als Gruß in den Urlaub an Sohn und Ex geschickt wurde. Gleichzeitig galt sein Dank den Fans, die in seine Shows kommen und seine (Hör-)Bücher kaufen, denn so reichte das Geld nicht nur für eine üppige Tankfüllung Heizöl, sondern auch für einen 84-Zoll-Flachbild-Fernseher, der zwar fürs heimische Wohnzimmer total überdimensioniert ist, ihn aber im Dortmunder „Satan“-Markt unwiderstehlich angelockt hatte. Eigentlich macht Torsten ja keinen Quatsch mit dem sauer erarbeiteten Geld, aber da ging’s nicht anders und die Beschreibung des Ganzen war wieder allererster Güte. Nun sieht der Künstler aber auch ganz selbstkritisch ein, dass nicht jeder Text aus seiner Feder auch wirklich gelungen ist und scheute sich an diesem Mittwochabend auch nicht, ein paar abgelehnte Abhandlungen zum Besten zu geben. Gut, die Zeilen zur Überschrift „Onanie der Natur“ waren nicht unbedingt der typische Arte-Style, aber man kann sich ja schon mal verlesen, wenn da eigentlich „Ode an die Natur“ steht. Die Zuschauerschaft hatte auf jeden Fall ihren Spaß und wurde auch von den Auszügen aus dem „Sporttagebuch“ nicht enttäuscht. An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass Eiweißpräparate nicht unbedingt als Vogelfutter taugen und geschmacklich im Bad-Taste-Ranking nur noch von löslichem Zitronentee getoppt werden. Das mir ebenfalls bekannte Getränk, welches garantiert alles Mögliche an Inhaltsstoffen, aber ganz sicher keine Zitrone hat, zählt ebenfalls zu den Dingen, welche seine Kindheit auf fragwürdige Weise „versüßt“ haben. Bei den finanziell besser situierten Kindern gab’s stattdessen übrigens Tri Top, was freilich auch nur bedingt von Vorteil war. Noch heute zehrt TORSTEN STRÄTER dessen ungeachtet von der Zungenfertigkeit, die ihm der regelmäßige Konsum von Leckmuscheln beschert hat. Hier wurde nach eigenem Bekunden viel für später gelernt und zur Not bekommt er auch ein Zylinderschloss mit der Zunge auf. Ein bisschen locker saß die Zunge wohl auch bei einem Empfang bei Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt. Für die Beteiligen (Sträter, Dieter Nuhr und Ingo Appelt) ein ziemlich peinliches Erlebnis, für die Zuhörer im Europasaal nach fast drei Stunden (inkl. 35 Minuten Signierpause) das großartige Finale eines absolut kurzweiligen Abend.

Die Lachmuskulatur hatte heuer einiges zu tun und auch Erinnerungen an die eigene Jugend kamen nicht zu kurz. Nicht jeder im bunt gemischten Publikum wird zwar noch die Palomino-Jeans mit dem Glöckchen kennen, aber TORSTEN STRÄTER wusste wirklich alles detailgenau und sehr plastisch zu erklären, sodass absolut jeder auf seine Kosten gekommen ist. Als Belohnung gab’s natürlich jede Menge Applaus und nicht zu vergessen ein einzigartiges Video!

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