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TORSTEN STRÄTER

Ort: Osnabrück – OsnabrückHalle

Datum: 24.02.2024

Heute vor sechs Jahren ist meine Mutter mit nur 68 Jahren gestorben. Was das mit TORSTEN STRÄTER zu tun hat? Auch die Mutter des gelernten Herrenschneiders, der heute große Hallen mit seinen wortgewaltigen Ergüssen über Gott und die Welt füllt, ist viel zu früh mit 68 Jahren gestorben, allerdings bereits 2013. Vielleicht sollte es genau deshalb so sein, dass für mich dieser eher traurige Tag in der vollbesetzten OsnabrückHalle einen überaus amüsanten Abschluss fand. „Mach mal das große Licht an“ heißt das aktuelle Bühnenprogramm, aber es hätte auch „Hömma, riechst du das nicht?“ heißen können, denn beides sind Sprüche von Mama Sträter, die ihrem 57-jährigen Sohn in bester Erinnerung geblieben sind.

Zunächst einmal betrat TORSTEN STRÄTER pünktlich im 20 Uhr die Bühne, entschuldigte sich für sein derbes Schuhwerk, das in seinen Augen nicht so richtig zum eleganten Smoking-Jackett passte, weshalb er nach eigenen Worten aussah, als sei er mit dem Trecker zu einer Bauernhochzeit gefahren. Des Weiteren wurden die zu spät gekommenen Zuschauer begrüßt und erklärt, dass er bislang dreimal an Corona erkrankt war und das Virus eindeutig auf den Kopf gehe, wie er auch sogleich ausführlich und mit diversen Abschweifungen anhand seiner Erlebnisse an der Tankstelle berichtete. Darin spielte auch ein Snickers eine Rolle, das ihm aber nicht mundete und auch das Popcorn, das zu seiner großen Überraschung in der OsnabrückHalle verkauft wurde, weswegen er die Frage stellte, ob anschließend noch ein Film gezeigt würde, hätte er besser nicht gegessen. In den vorderen Reihen wollte man ihn sogar ob seines Aufstoßens schon zum Gastro schicken, jedoch war Torsten sich nicht sicher, welche Art Gastro da die richtige sein könnte. Sicher war er sich hingegen, dass ein Hip-Hopper unbedingt einen Namen wie ‚Ludenpuma 1000‘ haben müsse und einen passenden Songtext hatte er auch am Start. Eigentlich war angekündigt, dass es heuer nicht um die Frau Mama gehen sollte, aber da sie bereits den Programmtitel geliefert hatte, durfte doch die Story nicht fehlen, für welches Trauma Muttern verantwortlich ist. Wie üblich ging es dabei von Höcksken auf Stöcksken: eben noch beim Promi-Wer-wird-Millionär, dann schon beim REWE, wo es sehr zum Missfallen von Herrn Sträter nicht nur Advocados, sondern auch Käsekuchenhilfe gibt. Der selbsternannte ‚Sprach-Nazi‘ ging derart steil, dass im Saal die Lachtränen flossen. Wenn der Komiker, Kabarettist, Slam-Poet, Schriftsteller, Podcaster, Hörbuchsprecher und Synchronsprecher ein Backbuch liest, steckt das voller Tücken und wenn er Kathy Hummels die Illusion nimmt, es gäbe nachhaltiges Schweinefleisch, ist dies ebenso unterhaltsam wie der Blick auf die Ahnentafel von Familie Sträter. Auch die Tücken von TikTok und der dort verwendeten künstlichen Intelligenz wusste Sträter überzeugend aufzuzeigen – Stichwort: sechs Seppl!

Damit endete um 21.20 Uhr der erste Teil und nachdem Torsten in der Pause ein wenig versackt war (O-Ton), ging es 30 Minuten später mit Fragen aus dem Publikum weiter. Es wurde geklärt, was der Entertainer zwischen den Jahren macht, wie Weihnachten und Silvester ablaufen, was es mit den ominösen Knack+Back-Brötchen auf sich hat, wie es ihm beim Kardiologen ergangen ist und welche Herrenschuhe besonders würdelos sind (auf Platz 1: Slipper, gefolgt von Sandalen und Crocs). Neben der verstorbenen Mutter soll auch der inzwischen (aus Sträters Kosten) studierende Sohn nicht mehr im Programm vorkommen. So ganz hat das zur großen Freude des Auditoriums freilich nicht geklappt, aber dafür hat der Filius jetzt ja ein iPhone 15 und die älteren Semester konnten sich dank der anschaulichen Ausführungen des Entertainers daran erinnern, wie das damals war, mit einem 24er-Film in den Urlaub zu fahren, den man wieder zuhause zu Photo Porst bringen musste und die entwickelten Bilder erst so spät abholbereit waren, dass man sich an die Personen auf den Fotos gar nicht mehr erinnern konnte. Die Zeit verging wie im Flug, inzwischen war es bereits 22.45 Uhr und die ersten Gäste verließen bereits die Venue – wie der Gastgeber des Abends vermutete, weil bald Einschluss sein würde und es war noch nicht eine einzige Geschichte vorgelesen worden. Schließlich hat TORSTEN STRÄTER doch so mal angefangen: als Poetry Slammer und Verfasser von Kurzgeschichten, die er vorgelesen hat, bis er immer mehr abschweifte und (scheinbar) den Faden verlor. Inzwischen ist das Abschweifen in gleichem Maße sein Markenzeichen wie die Beanie-Mütze, die einfach nicht fehlen darf. Aber natürlich hat das vermeidliche Abschweifen mittlerweile auch Methode, denn sonst würde er nach all den kruden Geschichten, Einwürfen und Aufregern gar nicht mehr den Bogen bekommen, den er wahrlich weit schlägt und doch jedes Mal wieder hinbekommt. Und gelesen hat er ja auch: „Dünnschiss ist Küstenschutz“ – stand auf einem Schild am Meer und irgendwie machte das für Torsten auch absolut Sinn und er füllte diesen Slogan sogleich mit Leben; als er näherkam, sah er, dass dort etwas anderes stand: „Dünenschutz ist Küstenschutz“ nämlich. Deshalb trägt Sträter jetzt auch beim Vorlesen Brille und auch sonst nagt der Zahn der Zeit, weshalb er sich nicht nur von seinem 450-PS-Achtzylinder Mustang getrennt hat (wirft ein schlechtes Licht auf einen 57-jährigen) und stattdessen einen gebrauchten, kleinen Jaguar (den die Fans bezahlt haben) fährt, sondern auf Anraten seines Arztes Fruchtgummi nicht mehr als Hauptmahlzeit isst und hat auch seinen Kaffeekonsum eingeschränkt hat, obwohl ihn das zum knötterigen Opa mutieren lässt. Sein Batmobil hat er aber noch und was das mit seiner Oma und dem Teufel zu tun hat, erzählt er am besten selbst. Auch die Frage, in welcher Beziehung sein kindliches Trauma zu dem Diamanten steht, den er für teures Geld aus einem Teil der Asche seiner Mutter hat pressen lassen, steckt derart voller Überraschungen und grotesken Auflösungen, dass eine Patientenverfügung, in der steht, dass gefälligst alles anbleiben soll, schnelles Internet ein Muss ist und das Wolfgang-Petry-Party-Medley in Dauerschleife zu laufen hat, TORSTEN STRÄTER durchaus zuzutrauen ist.

In der Summe war es einfach wieder ein großes Vergnügen, dem Mann über mehr als zwei Stunden zuzuhören. Wie stand es doch so schön in der Ankündigung von „Mach mal das große Licht an“: Beleuchten wir alles, und zwar nach dem bewährten Muster: zu albern für Kabarett, für Comedy aber ganz clever, ein schöner, sich wölbender Abend, Kaffee, Geschichten … bis ich den Faden verliere, und dann schauen wir mal.“ Ein Programm übrigens, für das noch nicht mal Plakate gedruckt wurden, wenn man dem Protagonisten glauben darf, aber das scheint angesichts der vielen ausverkauften Veranstaltungen auch gar nicht nötig zu sein. Es hat sich über die Jahre einfach rumgesprochen, dass TORSTEN STRÄTER einen ganz besonderen Humor hat, der einfach Spaß macht, ohne zu platt oder gar abgehoben zu sein. Torsten: you made my day!

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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