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TORSTEN STRÄTER

Ort: Melle – Städtischer Festsaal

Datum: 06.06.2015

An einem lauschigen Samstagabend, dem überhaupt ersten echten Sommer-Wochenende des Jahres, in einer Schulaula rumhängen? Kann man machen, wenn es sich dabei um eine ehemalige Aula handelt, die als Aufführungsort für ein Gastspiel von TORSTEN STRÄTER dient. So geschehen im beschaulichen Melle, wo es bereits seit 1960 den städtischen Festsaal gibt, in dem nicht nur schon seit Jahren die ortsansässigen Laienspielgruppen auftreten, sondern immer wieder auch illustre Künstler auf Stippvisite kommen. Am heutigen Abend war so ziemlich jeder der knapp 500 Stühle besetzt, man kennt den Mann mit der Ruhrpott-Schnauze schließlich aus dem Fernsehen, speziell beim Satire Gipfel mit Dieter Nuhr als Gastgeber ist er regelmäßig zu sehen. Dazu wusste der Typ mit der obligatorischen Mütze im Übrigen auch gleich eine erbauliche Geschichte zu erzählen.

Geredet hat der 48-jährige eh ne Menge. Was schon mal ganz anders war, als man es von der Glotze kennt, denn dort liest der gelernte Herrenschneider (merke: Willst Du in Deinem Leben was ändern, werde Schneider!) üblicherweise einen seiner Texte und ist dann wieder verschwunden. Live und in Farbe dauerte es heuer 50 Minuten, bis der Kollege erstmals zu seinem iPad griff und ich kann versichern, dass die Zeit bis zum „Diättagebuch“ sehr kurzweilig genutzt wurde! Mit dem ihm eigenen knochentrockenen Humor und dem besonderen Charme des Ruhrgebietes, der in seinen Ausläufern durchaus auch noch auf das Osnabrücker Land ausstrahlt (auch bei uns nützt die beste Krankheit nix und auch wir stecken nicht drin) hatte er die Lacher klar auf seiner Seite. Da wurde zunächst einmal das Publikum gesichtet, das überraschender Weise zum ganz überwiegenden Teil NICHT aus Melle kam, Fast-Geburtstagskind Jan und seine beiden Freunde begrüßt, der 13-jährige Finn ins Gebet genommen und erklärt, was es denn eigentlich mit der Mütze auf sich hat. Und dann kam der Hauptprotagonist des Abends auch schon bald auf den Satire Gipfel zu sprechen, an den sich im Februar ganz überraschend ein Besuch bei Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt anschloss. Eigentlich ging es bei dieser Anekdote ja nur um die Feststellung, dass TORSTEN STRÄTER kein Kabarettist ist, aber er kann durchaus politische Zusammenhänge erklären, wie erfolgreich unter Beweis gestellt wurde (z.B. anhand der Griechenland-Misere: Peter hat vier Äpfel, er isst neun…) und wenn er seine Erlebnisse im Rahmen des Lokführer-Streiks zum Besten gibt, ist das einfach großartig. So kam der Gewinner zahlreicher Kleinkunst-Preise auch nur vordergründig von Hölzchen auf Stöckchen und hatte stets seinen roten Faden vor Augen, der ihn nicht nur mit BlaBlacCar vom Leipziger Outback zum Rastplatz Langenhagen brachte, sondern auch in die die fernen USA und in die total überteuerte Schweiz. Stichwort Snickers aus der Hotel-Minibar für lumpige EUR 9,00, womit wir auch schon beim kürzlich verzehrten Hanuta waren, in dem sich noch ein Sticker mit dem Konterfei von Karl-Heinz Rummenigge befand. Ja, Herr Sträter nimmt zu viel Süßes zu sich, irgendwann ist es dann Zeit für eine Diät, wahlweise mit Almased oder mit Bananen – beides aber ebenso wenig zu empfehlen wie der Bauchweggürtel von QVC. Aber alles unfassbar unterhaltend!

So ging es dann auch in der zweiten Hälfte weiter, wenngleich sich bei dem Endvierziger kein Gefühl des „durchgelüftet seins“ einstellen wollte, was vermutlich daran lag, dass er die halbstündige Pause damit verbracht hatte, Widmungen und Autogramme in seine Bücher zu schreiben. Wie dem auch sei, es ging noch mal in „Kriegsgefangenschaft nach Hannover“ (hier hat wohl die Leidenschaft fürs Bahn fahren angefangen, beim Wehrdienst in der niedersächsischen Landeshauptstadt), es gab Erinnerungen an die Jugendzeit, in der es nix gab, auch kein Schleckerkram, nur die Erfrischungsstäbchen, die Oma ihm heimlich zugesteckt hat und die ihn an Zäpfchen mit klebrigen Gel drin erinnerten. Und da war sie dann auch bei mir, die Erinnerung an genau dieses Zeug, das es bei uns auch nur gab, wenn die Tanten im Oma-Alter zu Besuch kamen. Wird die Leckerei eigentlich noch verkauft? Und wie sieht es mit Leckmuscheln aus? Denn nicht alle Süßigkeiten waren schlecht, immerhin hat Torsten anhand der Muscheln viel für später gelernt. Mit zunehmendem Alter wird aber auch das Thema Krankheiten immer wichtiger, da ist es gut, dass die Felix-Burda-Stiftung mit ihm einen neuen Botschafter für Darmspiegelungen gefunden hat. „Darmspiegelung – die Reise ins Ich“ war zweifellos einer der Höhepunkte der Show, die nicht eben mit Knallern geizte. Wenn Sträter beschreibt, wie bei ihm eine Blutabnahme vonstatten geht (der Mann hat vor drei Sachen Angst: Haie, Fliegen und Blutabnahme), dann ist nicht nur der Vorgang an sich tagesfüllend, sondern auch einfach einzigartig vorgetragen. Gleiches galt auch für seine finalen Ausführungen zu den beiden heißen Eisen Sport und Ernährung, die sehr überzeugend in „Diättagebuch 2“ und „Sporttagebuch“ zusammengefasst wurden. Wir rekapitulieren: Ein halbes Schwein aufgeteilt auf 92 in Klarsichtfolie verpackte Styroporschälchen taugt zum Rocky-Balboa-Gedächtnis-Boxtraining ebenso wenig wie die ganze Schweinehälfte in gefrorenem Zustand und Eiweißpulver in Reinform schmeckt wie gefriergetrocknetes Hooligan-Sperma, sorgt aber im Garten verstreut für muskulöse Spatzen.

Mit diesen Erkenntnissen wollte TORSTEN STRÄTER eigentlich um 22.40 Uhr enden, doch der Stakkatoapplaus des vollauf begeisterten Publikums holte ihn nach ungefähr einer Sekunde wieder auf die Bühne zurück, um noch mal aufzuzeigen, dass es manchmal einfach besser ist, nicht so viel zu quatschen (vgl. „Für eine Handvoll Dollar“). Dass an vielen Sprichworten auch nichts dran ist, wusste er ebenfalls eindrucksvoll zu belegen. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ ist eben einfach nicht so prickelnd, wenn darin Waffeleisen und Geschlechtsteile vorkommen. Das sah auch das Auditorium ein, welches im Wesentlichen in der gleichen Altersklasse wie der begnadete Sprachjongleur unterwegs war und deshalb auch mit dem Jungen im dünnen Pullunder noch was anzufangen wusste, der vor Urzeiten in der Vorweihnachtszeit den Gong für den MB-Spiele-Werbeblock geschlagen hat. Und auch die Palomino-Jeans mit dem Glöckchen hatte vermutlich der eine oder andere im Schrank. Übrigens in den Siebzigern das Pendant zur heutigen Handy-Ortung – zumindest im Hause Sträter. Dann war aber auch um kurz vor 23.00 Uhr Schluss. Finn musste schließlich langsam mal ins Bett und so wurden die rundum zufriedenen Zuschauer, die an diesem Abend ordentlich was zu lachen hatten, in die angenehme Sommernacht entlassen und vom Künstler quasi einzeln verabschiedet, denn dieser stand rauchend vorm Eingangsbereich, nachdem er zuvor noch angedroht hatte, durch die Stuhlreihen zu gehen und jeden Besucher zu umarmen, wovon man sich mit einer Fünfer allerdings hätte freikaufen können. Auf jeden Fall war jeder Cent des Eintrittsgeldes gut angelegt und wer nicht genug bekommen hat, kann sich im Herbst in Lingen, Osnabrück und Rheine noch Nachschlag holen. Woanders tritt TORSTEN STRÄTER natürlich auch auf, aber das ist dann nicht mehr unbedingt terrorrelavantes Gebiet und wer weiß, ob es da WLAN gibt. Man denke nur an das niederbayerische Mainburg…

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