Konzert Filter

TRASH FEST VI

Ort: Helsinki - Gloria

Datum: 03.10.2013 - 06.10.2013

Es ist schon ein faszinierendes Phänomen: Da kommen einmal im Jahr gleichgesinnte Seelen aus ganz Europa und den USA in Helsinki zusammen „to make some fucking noise“ – das zumindest wird fast jede der Bands, die in den nächsten Tagen auf der Bühne stehen, irgendwann einmal ins Mikrofon brüllen. Hinter dem alljährlich im Oktober stattfindenden Trash Fest steckt die amerikanische Promoterin Jo Sheldon, auch genannt Mama Trash: Wie sie mir später erzählen wird, fing alles mit einem Konzert an, das ein paar finnische Musikerfreunde für sie organisierten, als sie 2007 in Helsinki Urlaub machte. „Als ganz unverhofft und ohne irgendwelche Promotion 350 Leute kamen, kam uns die Idee, ein Festival daraus zu machen. Und Jyrki von den 69 EYES, den ich in London kennen gelernt hatte, meinte: Das muss Trash Fest heißen! Seitdem ist es einfach immer mehr gewachsen.“

Den Charakter einer Familienzusammenkunft hat die ganze Veranstaltung auch jetzt, sechs Jahre später, nicht verloren. Auf der Bühne wie davor tummeln sich viele Stammgäste, wobei die Fans aus Deutschland, Schweden, Russland, Italien und den USA den Finnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Trotzdem hat die ganze Sache in ihrer unprätentiösen Freundlichkeit etwas ausgesprochen Finnisches – was nicht nur daran liegt, dass fast jeder zweite im Publikum ein Glas Lonkero in der Hand hat, Grapefruitlimo mit Gin, das inoffizielle finnische Nationalgetränk. Die meisten Bands gucken sich nach ihren Sets noch die Auftritte der anderen an, und die Chancen sind gut, dass man auf dem Weg nach draußen zum Rauchen Chri$ Wicked von MALICE IN WONDERLAND über den Weg läuft oder oben an der Bar neben AJ von den NEW GENERATION SUPERSTARS auf Bedienung wartet. Es ist diese Gemeinschaft, die das Trash Fest zu etwas so Besonderem macht – wie sich auch beim Mama Trash All Star Jam zeigt, wenn nach den regulären Shows zu vorgerückter Stunde die verschiedensten Musiker zusammen auf die Bühne kommen, um ein paar Rockklassiker zu covern.

Der Auftakt fürs eigentliche Trash Fest, die Kick-Off-Party, findet dieses Jahr im On The Rocks statt, einem Kellerclub in der Nähe des Helsinkier Bahnhofs. Bier oder Lonkero kosten hier stolze sechs Euro zehn – es ist eben doch eine etwas kostenintensive Angelegenheit, sich in Finnland vernünftig zu betrinken. Als wir im On The Rocks aufschlagen, sind die Einheimischen DUSTY ROADS schon fast durch mit ihrem Set, und die Lokalmatadore von COLD COLD GROUND, die passend zu den maskenhaft weiß bemalten Gesichtern einen Mix aus Nu Metal und Industrial präsentieren, fragen das Publikum gleich als erstes: „Are you drunk yet?“ So schnell geht das ja nun auch nicht. Die Band spielt laut und schnell, zündet aber trotzdem nicht so recht, jedenfalls checkt ein großer Teil der Gäste immer noch mal wieder den eigenen Status bei Facebook – Energie und Lautstärke allein machen fehlende Ideen nun mal nicht wett. Zum Ende kommt ein bisschen mehr Melodie zu den schnellen Death-Metal-Drums, aber so richtig überzeugend war das nicht.

Dafür gibt es bei den NEW GENERATION SUPERSTARS aus England jede Menge Punk, Spaß und Rock’n’Roll: Ihr Sound bedient sich ordentlich bei den LORDS OF THE NEW CHURCH und den BACKYARD BABIES, aber auch bei den DAMNED und den STOOGES. Sänger AJ hat es nicht nötig, die Leute zum Mitklatschen oder Mitsingen aufzufordern; bei dem hohen Energielevel ergibt sich das ganz von selbst. Kurz vor Schluss heißt es dann: „One More Drink Then It’s Time To Go“, aber halt, einen haben wir noch: Zum laut skandierten „hey ho, let’s go!“ gehen beim guten alten „Blitzkrieg Bop“ von den RAMONES noch einmal alle Fäuste in die Höhe.

THE FALLEN aus York haben nach diesem furiosen Set keinen leichten Stand, zumal sie im Vergleich mit den verschwitzten, tätowierten Superstars um so mehr wie Poser wirken. Erst einmal werden ein paar Kulissen und weitere Lichter auf die Bühne geschleppt, und als die Band schließlich auf die Bühne kommt, drehen sich die Jungs an Gitarre und Bass mit einem sorgfältig choreographierten Sprung zum Publikum um, bevor es mit Synchron-Headbanging weitergeht. Wäre auch okay, wenn da zumindest ein kleines Augenzwinkern zu bemerken wäre, aber nein, THE FALLEN meinen das alles todernst, und das ist dann leider doch ein bisschen langweilig. Und weil Bier und Lonkero immer noch sechs Euro zehn kosten, beschließen wir, heute noch mal ein bisschen früher ins Bett zu gehen – schließlich stehen uns ja noch drei Tage voller Musik bevor.

Trash Fest Friday

Um acht Uhr abends geht es wieder los: Für finnische Verhältnisse ist das so etwas wie früher Nachmittag, hier fangen die Gigs normalerweise erst kurz vor Mitternacht an, damit die Clubbesitzer vorher noch die Möglichkeit haben, sich mit Bier und Lonkero eine goldene Nase zu verdienen. Im Gloria sind die Getränke allerdings ein bisschen billiger als am Abend zuvor, und die Atmosphäre ist in dem alten Theater aus der Gründerzeit, das neben dem großen Saal noch einen gemütlichen Balkon mit Klappsitzen bietet, auch viel schöner. Das Herzstück des Gebäudes ist dabei das Foyer im Obergeschoss mit seiner hell erleuchteten Bar und den abgestoßenen Sitzbänken und klebrigen Tischen – hier trifft man sich zum Trinken, Reden, Abhängen und natürlich zum Sehen und Gesehenwerden. Über zwei Videoleinwände bekommt man außerdem mit, was man gerade in der Halle verpasst oder auch nicht, und auch, wenn die Musik natürlich gut zu hören ist, kann man sich hier trotzdem gepflegt mit alten und neuen Trash-Fest-Freunden unterhalten.

Die Trash Family ist dieses Jahr ein bisschen bunter als gewöhnlich: Mama Trash hat das Festival in diesem Jahr dem Kampf gegen Brustkrebs gewidmet, auf den in den USA seit je her mit rosa Schleifen aufmerksam gemacht wird, und daher schon vorab über Facebook alle Gäste gebeten, irgendetwas in Pink anzuziehen. Die vorherrschende Farbe ist allerdings trotzdem schwarz, wie sich das gehört. So auch auf der Bühne, wo als erste Band des heutigen Abends CRYSTAL RAIN loslegen, eine recht melodische Hardrock-Band aus Finnland, deren Sänger Ryan Slade mit dunklem Timbre und Kopfsocke stark auf Ville Valo macht. Sie sind immer dann besonders gut, wenn Gitarrist Johnny Fire von der Kette gelassen wird, was leider nicht so oft der Fall ist, wie man es sich wünschen würde, aber dennoch klingen die Songs, allen voran die Single „Halo“, recht viel versprechend.

Durch den Abend führt eine alte Bekannte: „Chrystle Meth“ Harms, die „Schwester“ des Frontmanns von LORD OF THE LOST. Nachdem sie 2011 platinblond auftrat und 2012 tiefschwarz, trägt sie jetzt passend zum Brustkrebs-Motto einen Pagenkopf in grellem Pink und ein weißes Latex-Kleid, als kleine Verbeugung vor den LATEXXX TEENS aus Italien, die als nächstes an der Reihe sind. „Italiener haben ja die längsten Schwänze in Europa“, behauptet „Chrystle“ in ihrer Ansage, bevor sie die rosa Perücke ins Publikum schleudert. Nicht umsonst lautet das Motto der Veranstaltung schließlich „In trash we trust“ – ein bisschen geschmacklos ist einfach Pflicht.

Die LATEXXX TEENS sind schon eine ganze Weile Teil der Trash Family und bringen dunklen, fiesen, harten Metal, zu dem es wunderbar passt, dass sie mit ihrem weißen Make-up zwischen Bart und langen Haaren herrlich MOTÖRHEAD-mäßig ungewaschen wirken. Musikalisch orientieren sie sich eher an MINISTRY und MANSON, verstehen sich aber auch auf diese ganz besondere Art von Schweinerock, wie ihn die SISTERS OF MERCY auf „Vision Thing“ perfektionierten. Vor allem die Songs vom neuen Album „Cold Heart And Old Scars“ kommen gut an: „We Only Come Out At Night“ und „Edge To Insanity“ sind echte Highlights, und auch, wenn „Love Me To Death“ kein besonders innovativer Songtitel ist, hat der Track an sich ein fantastisches Riff und großartiges Feedback. Zur Sisters-Verbindung passt, dass zum Ende ihres Sets Lord Chris noch einmal auf die Bühne kommt – wieder als sein überwiegend männliches Ich, sieht man von den falschen Wimpern ab – und mit den LATEXXX TEENS eine sehr amtliche Version von „Temple Of Love“ zum Besten gibt. Die Jams fangen dieses Jahr früh an.

Auf diese lockere Kooperation folgt nun gleich noch eine ernstere: Auf Mama Trashs Bitte hin haben die LATEXXX TEENS und AJ von den NEW GENERATION SUPERSTARS den Song „Warriors“ geschrieben, der vorab gemeinsam mit vielen anderen Trash-Fest-Beteiligten eingespielt wurde und dessen Erlös ebenfalls an die Krebshilfe geht. Mama Trash sagt dazu nun noch ein paar Worte und holt die Gastsänger auf die Bühne: AJ natürlich, Chri$ Wicked von MALICE IN WONDERLAND, Chris Harms, CRYSTAL RAINs Ryan Slade und VDiva von der italienisch-deutschen Electro-Band LOST AREA, der an diesem Wochenende solo hier ist. „Warriors“ ist ein schöner, straighter Rocksong mit ordentlichem Riff, und die sehr unterschiedlichen Sänger sorgen für einen gelungenen Band-Aid-Appeal.

Danach wären eigentlich TOXICROSE an der Reihe gewesen, hätten die Schweden nicht äußerst kurzfristig abgesagt. Lediglich Bassist Goran ist vor Ort; als ehemaliges Mitglied von SEXYDEATH gehört er schließlich ebenso wie die Jungs von PRIVATE LINE zu den Trash-Fest-Gründervätern und nimmt das Trash Fest offenbar als gute Gelegenheit, sich unter Freunden anständig zu betrinken. Für seine aktuelle Band springen die NEW GENERATION SUPERSTARS mit einem zweiten Gig ein, aber heute tun sie sich schwerer als gestern – die LATEXXX TEENS waren gerade schlicht zu gut, vor allem dunkler und gemeiner als die doch recht gut gelaunten SUPERSTARS, die eine ganze Weile brauchen, bis sie das Publikum aufgewärmt haben. AJ versucht, die Temperatur in den ersten Reihen ein bisschen anzuheizen: „Come over, make it an intimate night!“ Bei „Hell City“, einem Track vom neuen Album „Rock’n’Roll Or Die“ geht es dann aber doch noch richtig ab – für die meisten Fans ist der Song die ideale Hymne auf die Trash-Fest-Heimat Helsinki, und dementsprechend begeistert reißen sie die Hände hoch. Und als dann die LATEXXX TEENS auf die Bühne zurückkehren, begleitet von DUSTY ROADs Joni und TOXICROSEs Goran, um noch einmal den alten Partykracher „Blitzkrieg Bop“ zu bringen, gibt es kein Halten mehr. „Guess What“ beschließt den Set der SUPERSTARS, eine kernige Rocknummer, deren „guess what – get fucked!“-Refrain sich großartig mitbrüllen lässt.

PRIVATE LINE, die Headliner des heutigen Abends, sind „Mama Trashs Haus-Band“, wie Gitarrist Jack Smack gleich zu Anfang verkündet; die Finnen waren bei jedem der sechs Trash Fests bisher dabei. Ihr melodischer Sleaze-Rock ist ganz klar auch einer der Gründe, weshalb so viele Fans aus Deutschland hier sind, wie sich an den erhobenen Händen und den Gesangschören unschwer erkennen lässt. Sie sind heute Abend auch gut in Form, vor allem die beiden Gitarristen Jack und Ilari, wobei Jack – ausnahmsweise einmal ganz in weiß – mit schwarzem Hut und langen schwarzen Haaren wie immer den klassischen Rocker verkörpert, während Ilari ganz entspannt im T-Shirt dieselbe energiegeladene Melodieverliebtheit auf seinem Instrument entfesselt. Die Bühne gehört allerdings vor allem Sänger Sammy, der mit seinen blonden, langen Haaren und dem Killerlächeln ohne weiteres als ultimativer Rock-Frontmann überzeugt.

Ihr Set bietet einen Querschnitt aus ihren drei bisherigen Alben, von „Dead Decade“ über „Prozac Nation“ bis zu „1-800 Out Of Nowhere“, ergänzt um epische Rocknummern wie „Billion Star Hotel“ oder „Broken Promised Land“. Sammy muss die Fans kaum auffordern, bei „Uniform“ mitzuklatschen, und den sehnsuchtsvollen Refrain von „Live, Learn And Grow Apart“ singen sowieso alle mit. Im Gegensatz zu den anderen Bands dürfen die Headliner auch noch einmal für eine Zugabe raus – beim ruppigen „Evel Knievel Factor“ gibt es noch mal die Gelegenheit, sich beim „hey-hey-hey-hey“ und „whoa-whoa-whoa-whoa“-Refrain die Kehle wundzuschreien und noch einmal die Trash-Fest-Gemeinschaft zwischen Bands und Publikum zu spüren. Dann geht auch schon das Saallicht an, und die Show ist vorbei, für heute jedenfalls.

Trash Fest Saturday

Die erste Band des heutigen Tages ist ein echtes Trash-Fest-Gewächs: Ben Christo, Gitarrist von NIGHT BY NIGHT und den SISTERS OF MERCY, kam 2010 bei Mama Trash’s All Star Jam mit dem finnischen Sänger Jaakko Turunen zusammen und holte ihn schließlich nach London, um wenig später mit ihm APOLLO’S CHILD zu gründen. Im Sound der Band lassen sich viele klassische Rock-Einflüsse entdecken, von THE CULT über LED ZEPPELIN bis zu QUEEN, und Jaakko hat offenbar auch das Gesamtwerk von WHITESNAKE inhaliert, während Gitarrist Daniele Panza Absolvent der Eddie-van-Halen-Akademie für schnelle Licks ist. Die Songs, die demnächst das erste Album ausmachen sollen, sind sehr ordentlich, angenehm dunkel melancholisch mit einem Hauch Härte, aber nicht wirklich überragend, aber die Band kommt trotzdem gut an, was sicherlich zu einem großen Teil an Jaakkos Frontmann-Qualitäten liegt.

Eigentlich ist Ben Christo als MC für den heutigen Abend vorgesehen, aber die nächste Band sagt Mama Trash selbst an: MURDER F.M. aus den USA zählen zu den wenigen, auf die sie, wie sie mir später erzählt, selbst zugegangen ist und die sie unbedingt für den Event haben wollte. Sie machen lauten, ruppigen Industrial-Metal, der sich durch den schlechten Mix leider in einen Brei aus Gedröhn und hartem Schlagzeug verwandelt, immerhin versehen mit dem sehr druckvollen Gesang von Norman Matthew. Sie geben sich alle Mühe, aber Industrial ist eh nicht so meine Baustelle, und irgendwie ist es an der Zeit, mal im oberen Foyer zu gucken, wer dort gerade unterwegs ist, auch wenn das Cover von „Don’t You Forget About Me“ ganz okay klingt.

Tatsächlich steht AJ von den NEW GENERATION TERRORISTS oben an der Bar, und wir kommen bei einem Bier nett ins Gespräch über Punk und Trash und alles mögliche, bis uns ein leicht auf Manson gestylter Typ unterbricht, der sich sehr höflich bei AJ erkundigt, ob der nicht mal seiner Freundin an den Hintern fassen könnte: „Die ist nämlich ganz furchtbar schüchtern und traut sich nicht, selbst zu fragen.“ „Serious ass-grabbing“ gehört offenbar immer noch zu den klassischen Pflichten eines Rockstars. Auf dem Weg zurück in die Halle treffe ich Mama Trash, die sich spontan zu einem kleinen Interview bereit erklärt und mir nur zu gern erzählt, wie es mit dem Trash Fest anno 2007 angefangen hat, mit ihren ersten Myspace-Kontakten zu Bands wie 69 EYES, PRIVATE LINE oder SEXYDEATH. Heute sind LORD OF THE LOST ihre erklärten Lieblinge, die sie im nächsten Jahr auch in die USA holen will, wo sie dann mit MURDER FM und FASHION BOMB auf Tour gehen werden. „Das Tourmanagement übernehme ich selbst“, sagt sie, „als einzige Frau mit drei Bands – das wird spannend! Meine Mutter hat schon gesagt: Du gehst mit 15 Kerls auf Tour?! Und ich habe geantwortet: Klar, ich vertraue ihnen!“ Nach zehn Jahren als Promoterin weiß sie das wohl auch einzuschätzen, auch wenn Ass-Grabbing im Rock’n’’Roll offenbar immer noch stark nachgefragt ist.

Im Saal spielen derweil schon MALICE IN WONDERLAND, die auf ihre jüngste Single „Live For Today“ gerade ein Cover von „Enjoy The Silence“ folgen lassen. Die Norweger sind mit ihrem melodieverliebten Rocksound die wohl gefälligste Band der ganzen Veranstaltung. Klar, Sänger Chri$ nennt sich „Wicked“, und vielleicht hat er unter den langen Ärmeln seines T-Shirts mit dem schönen Wasserfallkragen genauso viele Tattoos wie alle anderen, die sie auf und vor der Bühne tummeln, aber er wirkt mit seiner blonden Seitenscheitelfrisur fast schon ein kleines Bisschen poppermäßig. Was aber nicht heißt, dass MIW nicht wüssten, wie man rockt – zwar stehen sie auf der Ungewaschenheitsskala ganz klar am entgegengesetzten Ende von den LATEXXX TEENS, aber bei Songs wie „Rain“ von THE CULT oder dem eigenen „Lucifer’s Town“ entwickeln sie eine großartige, hymnische Qualität, die streckenweise an THE MISSION erinnert. Und dass Chri§ Wicked dazu klassische Diva-Posen nach bester Glamrock-Manier auspackt, kommt auch gut. Für mich hätten sie gern noch länger spielen dürfen als die knappe Dreiviertelstunde, die man ihnen heute zugesteht.

Aber es geht schon wieder weiter, mit STATES OF PANIC aus Glasgow. Die fünf Schotten hießen bis vor kurzem noch Peepshow und haben schon einige Alben herausgebracht; sie selbst beschreiben ihren Sound als Glam Metal, stehen aber dem New Yorker Street Punk der Siebziger auch sehr nahe, was dazu passt, dass sie sich alle irgendwie ein bisschen ähnlich sehen und mich deswegen wohl auch an die RAMONES erinnern. Nichtsdestotrotz ist schnell klar, dass vor allem Bassist Hex bei den weiblichen Fans vor der Bühne einen Stein im Brett hat. „Make some fucking noise“, brüllt Sänger Johnny Gunn wieder einmal nach dem schnellen, ruppigen „One Of Us“, und das Publikum tut das nur zu gern, um dann auch den Titel des nächsten Songs, „Scream Your Heart Out“ ordentlich wörtlich zu nehmen. SoP haben einige starke Songs im Programm und bieten den richtigen Soundtrack für eine Runde Headbanging – nicht unbedingt die erste Wahl fürs konzentrierte Zuhören auf dem heimischen Sofa, aber definitiv eine sehr gute Liveband.

Das sind LORD OF THE LOST natürlich auch, die ganz klar nicht nur die aktuellen Lieblinge von Mama Trash sind, sondern auch der Grund, aus dem ein großer Teil des Publikums bis Helsinki gereist ist. Chris Harms muss sich nicht mehr das T-Shirt vom Leib reißen (was er natürlich trotzdem später tut), es reicht, ans Mikrofon zu treten und die ersten Zeilen des Refrains von „Prison“ zu singen, damit ihm ein vielstimmiges „what is heaven for“ entgegenschallt. Gar nicht schlecht für den zweiten Song. Mit „Undead Or Alive“ folgt gleich der nächste Klassiker: „Sex, death and rock’n’roll“, singen die Fans voll Überzeugung, während Chris Harms uns allen ein freundliches „I’ll fuck you to death“ in Aussicht stellt. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als sei die Show nicht mehr so stark darauf ausgerichtet, ihn als den blonden, singenden Goth-Industrial-Sexgott zu inszenieren – Harms spielt viel Gitarre oder steht hinter den Toms, was ihn zum blonden, gitarre- und schlagzeugspielenden Goth-Industrial-Sexgott macht. Allerdings steht inzwischen auch Keyboarder Gareth Dirge stärker im Rampenlicht und übernimmt mehr Gesang, und Gitarrist Bo Six und Bassist Class Grenayde haben viel Spaß dabei, sich beim ROXETTE-Cover „Sleeping In My Car“ synchron an Pete Townshends Windmühlen-Gitarrentechnik zu versuchen.

Überhaupt können LORD OF THE LOST vor allem damit punkten, dass sie sich selbst nie völlig ernst nehmen und auch das eigene Image immer wieder gern persiflieren. „This is very, very tasteless, but this is Trash Fest!“, ruft Harms, bevor er die Fans ein wunderbar billiges Synth-Motiv singen lässt, das reichlich an SCOOTER erinnert, sich aber dann mit „2-3-4 to the floor“ zu „Blood For Blood“ verbindet. Zudem trägt er inzwischen ein knallrosa Shirt, das zwar natürlich zum Brustkrebs-Motto passt, aber trotzdem einen köstlichen Kontrast zum üblichen LOTL-Outfit bietet. Am Schluss des Sets, nach Hits wie „Sex On Legs“, „Black Lolita“ oder dem altgedienten LADY-GAGA-Cover „Bad Romance“ wird es noch mehr rosa, als alle fünf Lords blank ziehen und zum Abschied ihre rosa Slips mit Namensaufdruck auf dem Hintern präsentieren.

Bevor der All Star Jam beginnt, gibt es noch ein kurzes akustisches Zwischenspiel von LOST AREAs VDiva. Es ist ganz schön mutig, nach dem druckvollen Set von LOTL allein mit einer Gitarre bewaffnet auf die Bühne zu gehen und den Singer-Songwriter zu geben, und die Songs sind auch gar nicht mal schlecht. Aber nach dem Energiestoß von vorhin würde ich jetzt gerne weiterfeiern, und dazu rockt diese Performance schlicht nicht genug.

Aber dann ist auch schon Chri$ Wicked wieder auf der Bühne und brüllt: „Reach out and touch me!“ „Personal Jesus“ ist die erste All-Star-Nummer des Abends, mit Hex von STATES OF PANIC am Bass und Ben Christo an der Gitarre, und Wicked zeigt zum zweiten Mal heute Abend, wie sehr ihm die kühle Emotionalität von Dave Gahan liegt. Darauf folgt WASPs „Wild Child“, und jetzt gibt Jaakko Turunen den Metal-Shouter, ohne allerdings die hohen Töne immer ganz astrein zu erreichen – macht nichts, dafür glänzt Daniele Panza mit einem großartigen Solo.

Ein paar ganz neue Gesichter präsentieren dann den wohl überraschendsten Song des Abends: „Small Town Boy“, im Original von BRONSKI BEAT, jetzt gesungen von Steven Lynx von HELLDUSTRYA. Den verblüfften Gesichtern nach ist das überwiegend recht junge Trash-Fest-Publikum mit Achtziger-Synthpop nicht so vertraut, aber die bratzigen Gitarren von Christo und Wonderlander Tracy Loveless lassen von Synth und Pop wenig übrig, und Lynx bringt den Text mit tiefer Überzeugung. (Später habe ich kurz Gelegenheit, ihn nach diesem Song zu fragen, der ja im Original einen explizit schwulen Bezug hat. „Schwul bin ich nicht“, erklärt Lynx, „aber als Jugendlicher wurde ich in der Schule ganz übel gemobbt, und von daher kann ich das Gefühl, das in dem Text steckt, total gut nachvollziehen.“)

Auf der Bühne ist es inzwischen fast so voll wie im Zuschauerraum. Die halbe LOTL-Besetzung bringt zusammen mit MURDER FM „(S)ain’t“ von MARILYN MANSON, und wer gerade nicht selbst spielt, steht hinten auf der Bühne und rockt und singt mit, ebenso bei Bowies „Heroes“. Beim Finale, Billy Idols altem Gassenhauer „White Wedding“, singen schließlich VDiva, Goran und Chris Harms gemeinsam in ein Mikrofon, und Chri$ Wicked muss sich erstmal aus der Umarmung von SUPERSTARS-Gitarrist Davey befreien, um auch noch mitmachen zu können. Als der letzte Ton verklungen ist, tritt Mama Trash zu lauten „Mama, Mama, Mama“-Sprechchören ans Mikrofon: „See you next October!“ Ganz bestimmt.

Trash Fest Acoustic Sunday

Aber glücklicherweise ist die Party noch nicht ganz vorbei. Zum ersten Mal gibt es dieses Jahr einen akustischen Ausklang, für den sich das Gloria am Sonntagnachmittag richtig romantisch-gemütlich präsentiert: Unten im Saal stehen niedrige Bänke und Stühle um die Tischchen mit Kerzen und Teelichtern, und auf der Bühne spielen einige Bands der letzten beiden Tage, aber auch weitere Gäste intim unplugged.

MALICE IN WONDERLAND klingen akustisch noch ein bisschen poppiger, aber auch noch ein bisschen emotionaler und großartiger, und vor allem die Tatsache, dass Chri§ Wicked tiefer und mit mehr Timbre singt, sorgt für angenehme Gänsehaut. LATEXXX TEENS haben das Pech, dass Kami Kopats Mikrofon viel zu leise ist und das Schlagzeug zu laut; hier springt der Funke heute nicht so über, auch wenn es nicht lange dauert, bis bei der alten KISS-Schnulze „Beth“ alle mitsingen. Und auch APOLLO’S CHILD überzeugen nicht wirklich, auch wenn Jaakko Turunen sich einen Wolf singt – wie sich gestern schon andeutete, sind die Songs allenfalls guter Durchschnitt, und das fällt akustisch noch mehr auf als voll verstärkt.

Die große Überraschung sind hingegen MURDER F.M.: Während ich die Industrial-Breitseite gestern noch recht langweilig fand, kommen die Songs jetzt erstaunlich facettenreich und dynamisch rüber. Klar, mit einem CURE-Cover („Burn“) kann man bei mir immer punkten, aber auch insgesamt ist die dunkle, hypnotische Atmosphäre, die MURDER FM aufbauen, ausgesprochen bestechend. Norman Matthew widmet Mama Trash den Song „As Beautiful As You Are“, und dann machen sie Platz für Jaani Peuhu, den Sänger der Trash-Fest-Veteranen ICON CRASH, der ganz gewagt mit einem Tubaspieler auf die Bühne kommt. Tatsächlich klingt das, was sie zusammen zum Besten geben, überhaupt nicht nach Blasmusik, sondern nach sehr gutem Singer-Songwriter-Material, den die Tuba mit einem höchst individuellen Rhythmusgerüst unterlegt.

Die Stars des heutigen Tages sind aber wieder PRIVATE LINE, deren gut eingespieltes Akustiktrio Sammy, Jack und Ilari mindestens so sehr überzeugt wie die komplette Band. Sicher, sie sind nicht so laut wie am Freitag, aber das Energielevel ist genauso hoch, und nach den Lippenbewegungen der Fans zu urteilen, kennen die meisten im Publikum die Songs auswendig. Noch einmal umfängt alle der große Trash-Fest-Gemeinschaftsgeist, bis nach den letzten Akkorden von „Live, Learn And Grow Apart“ das Licht angeht und es an der Zeit ist, sich bei einem letzten Lonkero von den alten und neuen Trash-Freunden zu verabschieden und schon mal Pläne für das Wiedersehen im nächsten Jahr zu schmieden. Ganz egal, welche Bands dann dabei sein werden. Denn: In trash we trust. Das steht mal fest.

Copyright Fotos: Mandy Privenau
Recherche: Karen Davidson

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu APOLLO’S CHILD auf terrorverlag.com

Mehr zu COLD COLD GROUND auf terrorverlag.com

Mehr zu CRYSTAL RAIN auf terrorverlag.com

Mehr zu LATEXXX TEENS (LXT) auf terrorverlag.com

Mehr zu LORD OF THE LOST auf terrorverlag.com

Mehr zu MALICE IN WONDERLAND auf terrorverlag.com

Mehr zu MURDER F.M. auf terrorverlag.com

Mehr zu NEW GENERATION SUPERSTARS auf terrorverlag.com

Mehr zu PRIVATE LINE auf terrorverlag.com

Mehr zu STATES OF PANIC auf terrorverlag.com

Mehr zu THE FALLEN auf terrorverlag.com