Konzert Filter

TRAUMZEIT FESTIVAL 2011

Ort: Duisburg - Landschaftspark Nord

Datum: 01.07.2011 - 03.07.2011

Freitag

Was hat das nunmehr 15te Traumzeit-Festival mit dem Ruhrpott gemein? Ziehen wir die Kreise eng genug; vor allem mit Industrie, mit Tagebau, mit Stahlproduktion. Vor allem besticht es durch die Zusammenführung wenig (scheinbar) kompatibler Musikdarreichungsformen, die perfekt „gezeitet“ genau das können, was diese Festivität von vornherein versprochen hat: Die Zusammenführung von Folklore, Jazz und eigentlich dem komplett vorstellbaren Reigen an Weltmusik – vor allem weil dieses Label Weltmusik immer so unbeholfen wirkt, es aber fürs Traumzeit eben einfach so perfekt in Form gegossen scheint. Das altehrwürdige Hüttenwerk befindet sich in Duisburg, „der tragischen Stadt“, und wenn zu sehr prominenter Stelle im Programmheft Adolf Sauerland entgegenstrahlt, dann ließe sich kräftig schlucken. Nun ist Sauerland nun einmal nach wie vor OB von Duisburg – welches wir als Fakt jetzt einfach mal so stehen lassen.

Vom Duisburger Hauptbahnhof werden wir vom charmantesten Shuttle-Bus ever zum eigentlichen Geschehen gebracht, die Security ist dermaßen entspannt, dass NILS KOPPRUCH zuerst etwas surreal wahrgenommen wird. Aber gerade dieses geerdete Singer/ Songwritertum vom aktuellen Album „Caruso“ im Foyer der Pumpenhalle lässt sich als Willkommensgruß kaum höher bewerten. Persönlich etwas zu gefällig, etwas latent altkluges anhaftend, sind es aber Songs wie „Caruso“ und „Wissen musst du es doch“, die Wiedererkennungswert genug besitzen, sie sich jederzeit auf Konserve darreichen zu lassen. Ein sehr entspannter Einstieg in ein Klanguniversum, welches sich noch erschließen soll.

Die Kraftzentrale ist ein großer Kongresssaal, der in keiner Weise dem Industrie-Chic entspricht, er ist einfach nur eine große Halle, aber was die Veranstalter daraus gemacht haben, ist absolut perfekt. Arenenhaft sind Tribünen um das eigentliche Geschehen herum gebaut, und als dann Daniel Snaith alias CARIBOU um kurz vor Zehn zehn Songs auf die Zuhörerschaft entlädt, dann ist es tatsächlich der perfekte Club-Auftritt. Welche Herr Snaith eh nur stiefmütterlich verteilt und jetzt wissen wir vielleicht ein wenig weshalb. Dieser Irrwitz an perfekten Elektro-Stücken lässt sich nicht jederzeit wiederherstellen – es muss schon passen. Der Remix von „Bowls“ (ursprünglich von HOLDEN) stellt genau die perfekte Daseinsform eines der besten Künstler dar, der sich zurücknimmt, Neu-Interpretationen Raum angedeihen lässt , seine Songs im Bandformat präsentiert, und sie ohne ein Wort zu sagen auf direktem Wege auf die Tanzfläche projiziert. „Odessa“ tut das Übrige, aber zur Zugabe („Sun“) stürmt die gesamte Masse die Tanzfläche, bzw. Bühne, um gemeinsam den absolut perfekten Auftritt zu zelebrieren. Besser geht es nimmermehr!

MOGWAI: Und jetzt muss ich doch meiner eigenen Befindlichkeit freien Lauf lassen, weil ich nicht sicher bin, was die Schotten eigentlich mit uns vorhaben. Vorweggenommen, ist es zumindest ein kleiner Anschlag auf die Gesundheit ihrer Hörer, denn die Lautstärke steigert sich von Song zu Song. Wenn wir uns also vor der Giesshalle schreiend unterhalten, wollen wir eigentlich nicht wieder hinein. Es handelt sich immerhin um Postrock, der auf der aktuellen Platte „Hardcore Will Never Die, But You Will (Music For A Forgotten Future)“, absolut großartig dargeboten wird, wir ihn aber unter diesen Umständen nur schwerlich ertragen können. Eine Band, die von Album zu Album immer besser wird, aber live in dieser Form nicht zu ertragen ist.

Samstag

In nahezu ekstatisch-begeisterter Motivation von der freitäglichen Vorlage startet der zweite Traumzeit-Tag mit dem Auftritt der aus Winnipeg stammenden Indie-Koriphäen THE WEAKERTHANS. Im Grunde genommen ist es unmöglich, die Kanadier schlecht zu finden, trotz oder gerade wegen der einprägsamen, manchmal sogar fast seichten Stimme von Sänger John K. Samson, werden Fans seiner „härteren“ Wurzeln (immerhin Ex-Bassist bei der Hardcoreband PROPAGANDHI) ebenso überzeugt wie solche Gemüter, die eher an ruhiger auftretenden und gut durchdachten Indierock gewöhnt sind. So wird in der längst nicht aus allen Nähten platzenden Gießhalle des Landschaftsparks ein breit gefächerter Querschnitt aus 4 Alben bzw. 14-jähriger Bandgeschichte geboten. So zum Beispiel das Up-Tempo-Stück „Confessions Of A Futon-Revolutionist“, das auch die letzten Beine und Köpfe nicht in Stillstand verweilen lässt, „Civil Twilight“ mit der Wohlfühlmelodie des letzten WEAKERTHANS-Longplayers „Reunion Tour“ aus 2007 oder das traurig-schöne balladenhafte „Left and Leaving“. Ein sehr entspanntes Nachmittagskonzert, das perfekter nicht hätte sein können, um sich erneut von der Verschmelzung verschiedenster Musikkulturen und –einflüssen in den Bann ziehen zu lassen.

Fast ein Heimspiel absolviert die vom Stil unmöglich klar einzuordnende Band KREIDLER aus Düsseldorf. Im Foyer der Pumpenhalle, inmitten zahlreicher Eisenrohre, durch die einst der zu erzeugende Hochofenwind schoss, kreieren Thomas Klein, Andreas Reihse und Detlef Weinrich einen Sound zwischen Postpunk, Avantgarderock und Electronica, eine gelungene Symbiose aus herkömmlicher Instrumentierung (E-Gitarre, Schlagzeug) und elektronischen Komponenten, so geschickt, dass es kein versuchter Stilmix ist, sondern rund und in sich stimmig ins Ohr geht. In der blau und violett illuminierten Halle wirken besonders die Songs vom im März veröffentlichten Album „Tank“, als begäben sich Zuschauer und Band gemeinsam auf eine Weltraummission, Ausgangspunkt 1980. Synthesizerklänge mal schwurbelig („Evil Love“), mal astronomisch präzise und hell („Jaguar“) mag man sich als Besatzungsmitglied eines Raumschiffcockpits wähnen, das Gefühl für Raum und Zeit abgebend, Schwerelosigkeit annehmend begleiten KREIDLER so durch unendliche Sphären.

Eben diese werden fortgesetzt, wenn in der Gebläsehalle BOHREN UND DER CLUB OF GORE mit ihrem düsteren instrumentalen Ambientjazz aufspielen. Wo 2008 Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ für beklemmende Furore sorgte, knüpfen die Könige der Langsamkeit mit gänzlich verdunkelter Bühne, auf der die Musiker lediglich schemenhaft erahnt werden können, an. Die Gebläsehalle mit ihren sehr hohen, kahlen Steinwänden und mit dem nach hinten steil ansteigenden Publikumsbereich wirkt schmal, die Musik sorgt für Endzeitstimmung, dem Klangteppich mit Saxophon gelingt es aber beruhigend-souverän, gegen jegliches Gefühl der Bedrohung zu wirken. So kann von Begrifflichkeiten wie „Satan“ oder „Horror“, die zum Auftritt von BOHREN UND DER CLUB OF GORE aufgeschnappt werden, eher keine Rede sein.

Eine Erlösung der bohren’schen Subdominante erfahren die letzten Momente des zweiten Traumzeit-Tages in einem Konzert vier isländischer Streicherinnen: AMIINA. Wo am Vortag MOGWAI die große Bühne der Gießhalle in Beschlag nahmen, wirkt das Quartett, das live von einem Schlagzeuger unterstützt wird, ein wenig verloren, aber, wie es sich zumeist mit isländischen Bands verhält, umso sympathischer. Zwar ist auch hier die Musik wieder mit einigen leichten elektronischen Loops unterlegt, könnte aber mit ihren filigranen Glockenspieltönen und den vorsichtigen Streichermelodien sehr passend als Soundtrack moderner Märchen funktionieren. AMIINAs Gesang verhält sich zurückhaltend, ob chorisch, im Duett oder Solo, drängt er sich nicht vor die Musik, bleibt gleichwertig und stellt einen mehr als würdigen Abschluss eines durchaus experimentellen Festivaltages.

Sonntag

Ganz nebenbei pflegen wir an drei Tagen die weltmusikalische Länderfreundschaft zu Myanmar (dem heutigen Burma) und haben Gelegenheit, sonntagabends den Harfenklängen von KYAW MYO NAING zu lauschen. Die Stimmung ist etwas gedrückt, zu ernst schaut die folkloristisch gewandete Gesangsdame aus der Wäsche. Entweder hat sie einen schlechten Tag erwischt, oder die Lyrics, die sie da singt, sind trauriger Natur. Auf Letzteres tippend, wäre es denkbar, dass die burmesische Version von Blues ebenso klingt, aber auf Dauer klingt es eigentlich nur befremdlich und hat mit westlicher Popmusik praktisch nichts mehr gemein.

Anschließend lassen die Herren PATRICK WOLF und ALEC EMPIRE eine geschlagene Stunde auf sich warten, so dass wir den Klängen des Soundchecks in der Vorhalle lauschen können. Klingt ein bisschen so, als wollten sie auf die Schnelle noch einen Song schreiben und dass wäre auch eine gute Idee gewesen, denn was uns später geboten wird, ähnelt eher einer Jamsession als einer Konzertdarbietung. PATRICK WOLF bleibt allerdings nach wie vor ein hervorragender Musiker und Multiinstrumentalist, aber wofür es den Herrn Empire genau braucht, lässt sich nicht genau ergründen. So dreht er die Knöpfe seines Synthies und grölt Parolen in ein Megaphon und um es überspitzt zu formulieren, wirkt er neben seinem Kumpel eher talentfrei. Dafür wirkt der Brite etwas gockelhaft, ein Narziss im Samtanzug, wie er dort umherstolziert. Beide für sich haben ihren Beitrag zur Pophistorie geleistet (Empire mit ATARI TEENAGE RIOT) und zumindest PATRICK WOLF wird es auch in Zukunft tun, aber zusammen braucht sie kein Mensch. Die einzige Enttäuschung an einem ansonsten nahezu perfekten Wochenende.

HUNDREDS aus Hamburg bespielen zu guter Letzt die etwas zu große Bühne der Gießhalle und versöhnen uns wieder mit Electro-Beats und dem wunderbar entspannten Gesang von Eva Milner. Die Geschwister Milner haben sich Verstärkung besorgt, so dass unter anderem TIM NEUHAUS an den Drums aushilft und den Sound aufs Beste aufzuwerten weiß. Mittlerweile ist Nervosität der Anfangstage aus Evas Stimme gewichen und so steht der perfekten Gesangsdarbietung nichts mehr im Wege, ohne die Stücke wie „I Love My Harbour“ oder „Fighter“ nicht in ihrer vollen Einzigartigkeit erstrahlen könnten. Ihr Debüt erscheint mittlerweile international und es würde mich nicht wundern, wenn HUNDREDS irgendwann ebenfalls das Radiopublikum ansprechen würden, denn soweit vom perfekten Pop sind sie nicht entfernt, es hat halt nur noch nicht jeder mitbekommen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass das Traumzeit-Festival seinen Namen zu Recht trägt und mich bei meiner Koautorin Claudia bedanken, die den Samstag in treffende Worte gefasst hat.

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu ALEC EMPIRE auf terrorverlag.com

Mehr zu AMIINA auf terrorverlag.com

Mehr zu BOHREN & DER CLUB OF GORE auf terrorverlag.com

Mehr zu CARIBOU auf terrorverlag.com

Mehr zu HUNDREDS auf terrorverlag.com

Mehr zu KREIDLER auf terrorverlag.com

Mehr zu MOGWAI auf terrorverlag.com

Mehr zu NILS KOPPRUCH auf terrorverlag.com

Mehr zu PATRICK WOLF auf terrorverlag.com

Mehr zu THE WEAKERTHANS auf terrorverlag.com