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UNHEILIG – APOPTYGMA BERZERK – THE BEAUTY OF GEMINA

Ort: Hannover - AWD Hall

Datum: 21.01.2011

Der Graf hielt Hof und alle kamen. War er beim letzten Besuch in Hannover noch im Capitol zu Gast, war diesmal de AWD Hall Ort des Schauspiels. 5.500 Menschen passen in die ehemalige Stadionsporthalle und die waren auch da, das Konzert schon lange vorher ausverkauft. In einem Interview der „Neuen Presse“ hatte er letzte Woche auf die Frage nach dem Verlust eines Teils der schwarzen Stammhörerschaft befragt geantwortet, er mache Musik für ALLE Menschen und das, so muss man anerkennen, ist ihm hervorragend gelungen. Sowohl, was das Alter angeht – es schienen zum Teil drei Generationen einer Familie anwesend zu sein – als auch was die Stilrichtung angeht, war so ziemlich alles vertreten, sogar noch ein paar Schwarzkittel…

Doch bevor es mit dem Grafen losging, durften zunächst noch zwei andere Bands ran. Den Anfang machten die Schweizer THE BEAUTY OF GEMINA, bei denen vor allem Mastermind, Sänger und Gitarrist Michale Sele mit seinem wasserstoffblonden Wuschelkopf ins Auge fällt. Passt der Titel des aktuellen Albums „At the End of the Sea“ perfekt zur „Großen Freiheit“ Tour, so waren sie stilistisch doch wohl etwas abseits der Interessen des Großteils des Publikums angesiedelt, was sehr schade war, lieferten sie doch einen sehr überzeugenden Auftritt. Ihr Sound kann als eine Mischung aus Darkwave und Goth-Rock vermengt mit Electro und auch Industrial Einflüssen beschrieben werden. Über allem und als markantes und eindeutiges Markenzeichen liegt die Stimme von Herrn Sele, die den Songs sowohl Kraft und Dynamik als auch eine große Emotionalität verleiht. Auch wenn die Band stilistisch sicher keinen Innovationspreis gewinnen wird, sind ihre Stücke doch unverwechselbar. Bei den ersten beiden Songs hielten sich Dynamik der Songs und auch die vom Fronter noch in Grenzen, doch mit „Hunters“ und der Frage ans Publikum, ob es „Lust auf Rock“ hat, ging es dann ordentlich voran und auch das Auditorium kam etwas mehr in Wallung. „Lonesome Death Of A Goth DJ“ (??) schaffte es, dass die Hände des Publikums in die Höhe gingen und der Song intensiv von denZuschauern begleitet wurde. Der „Fight Song“ am Ende war dann noch mal etwas treibender, ging gut vorwärts und beendete das Set der Eidgenossen auf eine überzeugende Art und Weise. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass BEAUTY OF GEMINA eine ausgezeichnete Live Band ist, die auch größere Hallen mit ihrem Sound und der außergewöhnlichen Stimme sehr gut bespielen kann. Bei einem UNHEILIG Publikum von vor zwei Jahren oder früher hätten sie die Halle sicher gerockt, aber auch so kann man ihnen einen echten Achtungserfolg bescheinigen.

Nach einer kurzen Umbaupause übernahmen die Norweger APOPTYGMA BERZERK das Kommando und hatten die Menge von vorneherein gut im Griff. Als Opener wurde entgegen einigen anderen Auftritten nicht „Apollo“ vom aktuellen Silberling „Rocket Science“ gespielt, sondern stattdessen der Klassiker „Love never dies“, was sicher keine schlechte Wahl war, was auch an den Reaktionen erkennbar war. Getreu dem Motto „flott beginnen und dann richtig durchstarten“, folgte direkt darauf mit dem THE HOUSE OF LOVE Cover „Shine On“ der Track, welcher der breiten Masse wohl am ehesten bekannt war und mit seinem Drive gut mitnahm. Insgesamt konnte man dem Set eine gewisse „Rocklastigkeit“ bescheinigen, was einerseits der Apop-Entwicklung der letzen Zeit entspricht und zum anderen sicher auch der Neigung der Anwesenden entgegen kam. Vom aktuellen Album schaffte es interessanterweise aber mit „Shadow“ trotzdem nur ein Song in die Setlist. Den Schwerpunkt bildete das 2005er Werk „You And Me Against The World“, dem drei Lieder entnommen wurden: „Back on track“, „Love to blame“ und natürlich „In this together“. Den absoluten Höhepunkt fand der rund 40minütige Auftritt aber in dem zweiten Cover des Abends, der von Stephan mit den Worten „you know this song“ angekündigt wurde: „Major Tom“ von PETER SCHILLING aus der guten alten NDW-Zeit. Und wie die Fans diesen Titel und seinen Text kannten. In maximaler Lautstärke wurde der überwiegend in Englisch vorgetragene Beitrag vom Publikum in der deutschen Version mitgesungen. Als zum Ende mit der Unterstützung von Leandra Ophelia Dax (JESUS ON EXTASY, zeitweilig auch DIARY OF DREAMS) hin komplett auf Deutsch umgeschwenkt wurde, kochte die Stimmung noch mal etwas höher. Den Abschluss bildete danach das geniale „Until the end of the world“ vom 2002er Album „Harmonizer“, welches – von der Welle der Begeisterung des vorherigen Songs getragen – im weiten Rund ebenfalls sehr gut ankam.

Stephan Groth und seine neu zusammengestellte Band konnten mit einer großen Spielfreude und Agilität das Publikum für sich gewinnen und lieferten eine richtig gute Show ab. Insbesondere der in die Halle hereinragende Steg wurde vom Fronter ein ums andere mal genutzt und auch ansonsten wurde der Platz auf der großen Bühne ausgenutzt. Die altgediente „Szeneformation“ (immerhin 1989 gegründet) hat es sehr gut geschafft, trotz einer buntgemischten und überwiegend „szenefremden“ Zuhörerschaft für eine gute Stimmung zu sorgen. Respekt!

Setlist APOPTYGMA BERZERK
Love never dies
Shine On
Love To Blame
In This Together
Back On Track
Shadow
Major Tom
End Of The World

Der Gefahr, die gute Stimmung durch die Umbaupause wieder zu verlieren, wurde an dem Abend durch einen Filmeinspieler begegnet, der die Bemühungen des Grafen zeigte, im Umfeld von „The Dome“ Unterschriften für einen guten Zweck zu ergattern. Es war u.a. zu sehen, wie Sido mürrisch, Milo verwundert oder Schiller und Til Schweiger bereitwillig ihr Autogramm auf dem Pullover verewigten.

Gegen 20:15 verkündete das erste Horn, dass es bald losgehen würde. Sofort war das Publikum voll da, was insbesondere für die Erstbesucher galt, die davon ausgingen, dass es jetzt gleich losgehen würde. Doch gemach, gemach. Zunächst mussten natürlich noch Hans Albers und Hildegard Knef die Stimmung anheizen und die Textsicherheit des Publikums auf die Probe stellen. Doch dann war es endlich soweit und die Band betrat einer nach dem anderen die Bühne. Letztere wurde durch den inzwischen wohlbekannten knallroten Schiffsrumpf, die obligatorischen Kerzenbögen und die beiden riesigen Bildschirme an beiden Seiten geprägt. Die Bildschirme übernahmen an diesem Abend gleich mehrere Aufgaben: Mal wurden kurze Filmsequenzen zur Songüberleitung eingespielt, mal tauchte der zugehörige Videoclip auf und mal wurde der Graf in Groß auch für die hinteren Reihen sichtbar. Eine ganz spezielle Aufgabe hatten die Bildschirme beim Klassiker und Highlight „Freiheit“ – doch dazu später mehr. Und dann war er da, der Graf, der Shootingstar des letzten Jahres, der Rekordhalter, der 2010 nach 10 Jahren Bandgeschichte richtig durchgestartet ist. Und dass es auch hier und heute richtig abgehen würde, da ließ er von Anfang an keinerlei Zweifel aufkommen. Wie ein Derwisch fegte er gleich bei der bekannten Einstiegskombi aus „Intro“ und „Seenot“ los. Die Bühne ist groß, doch man hatte das Gefühl, sie reiche nicht aus, um dem Bewegungsdrang des Grafen gerecht zu werden.

Nach diesem aktuellen Opener ging es etwas in der Zeit zurück und mit „Spiegelbild“ folgte eines der Highlights vom 2008er Silberling „Puppenspieler“. Gleich danach war mit „Winter“ der neueste Song an der Reihe und dieser wurde sogleich dem 10-Jährigen Jubiläum der Band gewidmet. Die Massen gingen bei allen Stücken mit, was dem Grafen sichtlich Spaß machte. Genau das ist es, was ihn auch so sympathisch wirken lässt. Er scheut sich nicht, Gefühle zu zeigen und dass es ein geiles Gefühl sein muss, vor solch einer feiernden Masse zu performen. Nachdem der „Winter“ vorbei war, wurde sich der Jacke entledigt, was bei dem Laufpensum auch wirklich kein Problem war. Mit „Ich gehöre mir“ und „Sternbild“ standen die beiden nächsten Songs des Rekordalbums „Große Freiheit“ auf dem Programm, bevor es mit „Astronaut“ vom 2006er Album „Moderne Zeiten“ erstmals etwas weiter in der Bandgeschichte zurück ging. Als ein Highlight erwies sich die Idee, den an sich schon emotionalen Titel in einer Pianoversion zu bringen. Hierzu verließ Keyboarder Henning Verlage seine Elektrobastion und nimmt Platz am großen Piano, das unterhalb einer der Leinwände platziert wurde. Hier wurde ein zweites Erfolgsgeheimnis des Grafen klar: Mit seiner sonoren Stimme schafft er es wie zurzeit kaum ein anderer, Emotionen zu transportieren und die Fans mit auf eine Traumreise zu nehmen.

Dass der Mittelteil den älteren Songs gewidmet war, wurde mit den nächsten beiden Liedern klar: „Freiheit“ („Zelluloid“, 2004) und „Sage Ja“ („Phosphor“, 2001) sind wirklich echte UNHEILIG-Klassiker und dürfen auf keinem Konzert fehlen. Verzichten können hätte man sicherlich auf die Texteinblendungen bei „Freiheit“, aber vielleicht sind die Textzeilen den neueren Fans doch noch nicht so geläufig. Zwischen diese beiden Reminiszenzen an die Ursprünge von UNHEILIG hatte der Graf passender weise ein Resümee über 10 Jahre Bandgeschichte und einige Anekdoten über die Auswüchse des Erfolgs/ der Medienhysterie gepackt. Auch wenn diese Gedanken in Hannover nicht zum ersten Mal so zum Besten gegeben wurden, so konnte man doch sehen, wie locker er inzwischen geworden ist. Mit der Feststellung, dass Presse, große Empfänge und Medienrummel zwar ganz nett wären, aber nichts so schön, wie ein Konzert für und mit den Fans, wurde die Frage nach „Lust auf eine Party“ lauthals mit „Ja“ beantwortet. Zu einer ordentlichen Party gehört natürlich auch ein ordentlicher Schwof und so zeigten der Graf und Gitarrist Christoph „Licky“ Termühlen ihr bekanntes und immer wieder unterhaltsames Tänzchen.

Über „Halt mich“ – bei dem erstmals der Schiffsrumpf geentert wurde – ging es dann zum emotionalen Höhepunkt des Konzerts. „An Deiner Seite“ ist mit seiner Geschichte und der Interpretation des Grafen Emotion pur und man konnte so manch einen Fan heimlich eine Träne wegwischen sehen. Das darauffolgende/ mitreißende „Große Freiheit“ und vor allem das krachende „Abwärts“ waren hervorragend geeignet, alle Fans aus diesen Emotionen herauszuholen und wieder Gas zu geben. Da der Graf nicht gerne alleine aktiv ist, sollten alle „abwärts, bis zum letzten Mann“ in die Hocke gehen, um dann gemeinsam aufzuspringen. Ein ähnliches Fitnessprogramm verabreichte der Graf dem Publikum beim darauffolgenden und immer wieder gerne gehörten Track „Maschine“ aus dem Jahr 2003 („Das 2. Gebot“), nur dass es diesmal mit den Händen nach oben ging. Bei soviel Power kommt natürlich auch ein blaublütiger Graf ordentlich ins Schwitzen und so wurde flugs ein Taschentuch aus dem Publikum erfragt. Wie weit die Begeisterung der Fans ging, zeigte sich, als die junge Dame das Tuch vehement zurückgeforderte und das durchnässte Stück flugs im Dekolletee verschwinden ließ. „Eine wirkliche Ehre, aber irgendwie auch eklig“ befand der Graf schmunzelnd. „Für immer“ war dann wohl jedem in der Halle geläufig und so wurde es wieder richtig laut in der AWD Konzertstätte. Mit diesem Song war allerdings das reguläre Set dann auch beendet, was vom Publikum natürlich so nicht akzeptiert wurde.

Nach einer erfreulich kurzen Pause war die Truppe schnell wieder auf die Bühne geeilt und es folgte mit „Geboren um zu Leben“ DER Song, der alles ins Rollen gebracht hat und UNHEILIG ins Rampenlicht katapultiert hatte. Dem wurde vom Quartett Rechnung getragen und so wurde der Song gleich ein zweites Mal angestimmt, wobei sich eigentlich nur der Graf um eine Begleitung des tausendfachen Chores bemühte. Da ein Hit selten alleine kommt, folgte mit dem Siegersong des Bundesvision Song Contest 2010 „Unter Deiner Flagge“ gleich noch ein neuzeitlicher Kracher. Dabei bezieht sich „Kracher“ natürlich mehr auf den Erfolg, denn auf musikalische Härte. Den wirklichen Schlusspunkt setzte dann „Mein Stern“, der noch einmal die emotionale Seite bediente und vom Grafen auf dem Schiffsrumpf mit einer großen Flagge zelebriert wurde.

Nach gut 2 Stunden war um 22:20 alles vorbei und als das Hallenlicht angeschaltet wurde, konnte man überall nur glückliche Gesichter sehen. Natürlich hätte es noch den einen oder anderen alten Titel im Set geben können (wie z.B. das geniale und krachende „Ich will alles“), doch waren sicher viele der Anwesenden Neu-Unheiligen froh über den großen Anteil aktuellerer Songs. Man darf gespannt sein, ob der nächste Auftritt des Grafen sogar in der TUI Arena stattfinden wird. Der heutige Abend hat ihn sicher ein großes Stück auf diesem Weg nach vorne gebracht.

Setlist UNHEILIG
Intro
Seenot
Spiegelbild
Winter
Ich gehöre mir
Sternbild
Astronaut (Piano-Version)
Freiheit
Sage ja
Halt mich
An deiner Seite
Grosse Freiheit
Abwärts
Maschine
Für immer

Geboren um zu leben
Unter deiner Flagge
Mein Stern

Copyright Fotos: Holger Bücker

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