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UNHEILIG – DIARY OF DREAMS – ZEROMANCER

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 06.05.2010

Fast genau auf den Tag sieben Wochen war es her, da eröffnete der Graf in Bochum seine „Große Freiheit“-Tour vor 5.000 Zuschauern. Um annähernd diese Größenordnung zu erreichen, braucht Ostwestfalen zwar zwei Abende, aber der Ringlokschuppen war derart schnell ausverkauft, dass ein weiterer Termin anberaumt wurde, der mich erneut in den Genuss des schwarzen Dreierpacks bestehend aus UNHEILIG, DIARY OF DREAMS und ZEROMANCER brachte. Ganz so schwarz wie in der Vergangenheit sind zwar die Konzertbesucher bei UNHEILIG inzwischen nicht mehr; dafür hat mit den Plattenverkäufen das Durchschnittsalter der überwiegend weiblichen Fans zugenommen, die in Teilen gerade mit den Norwegern, die den annähernd vierstündigen Konzertabend eröffneten, einen kleinen Kulturschock erlebt haben könnten.

Um 19.45 Uhr erklang dann auch das Intro der fünf Synthie-Rocker von ZEROMANCER, denen man einen besonderen Hang zur hausfrauentauglichen Kuschel-Lala nun wirklich nicht nachsagen kann. Dafür bekamen die Damen im Auditorium neben zuckenden Lichtblitzen nicht nur knackigen Rhythmen, sondern auch den nicht minder knackigen, reich bebilderten Oberkörper von Fronter Alex Møklebust, der sich mit „Need You Like A Drug“ vom 2001er Longplayer „Eurotrash“ seines knappen Hemdchens entledigte und die Bauchmuskeln spielen ließ. Doch wie es schien, konnte auch der basslastige Gänsehaut-Sound von „Ammonite“ die Anwesenden überzeugen, für den Keyboarder Lorry Kristiansen und Bassist Kim Ljung (der übrigens auch ein paar Brocken Deutsch beherrscht), ihre Instrumente links liegen ließen und stattdessen im blauen Lichtschein auf zwei Trommeln rechts und links von Alex eindroschen. Ab diesem Moment gab es auf der Stage kein Halten mehr und es wurde testosterongeschwängert gerockt was das Zeug hielt. Während Herr Møklebust sich am Mikrofonständer räkelte, haute er insbesondere beim finalen „Doctor Online“ seinen rotzigen Gesang raus und wurde am Ende gar mit einer Rose belohnt. Insgesamt gab’s für den energiegeladenen Auftakt durchaus kräftigen Applaus und auch die Interaktion vermittels Akklamation während des Vortrages klappte für ostwestfälische Verhältnisse während dieser ersten 35 Minuten auffallend gut.

Setlist ZEROMANCER
Intro
V
Doppelganger, I Love You
Clone Your Lover
Need You Like A Drug
Ammonite
The Hate Alphabet
It Sounds Like Love (But It Looks Like Sex)
Doctor Online

Mit der nächsten Kapelle, die 20 Minuten später zu einem Intro die Stage enterte, schloss sich eine dreiviertel Stunde feinsten Dark Waves/ Synthie Rocks an, der von der sonoren Stimme ihres langmähnigen Fronters Adrian Hates und der kraftvollen Gitarrenarbeit von Iro-Mann Gaun:A getragen wurde. Seit inzwischen mehr als 20 Jahren bilden DIARY OF DREAMS eine Speerspitze des emotionsgeladenen, düsteren Electro-Rocks und auch an diesem Donnerstag wussten DOD ohne Abstriche zu begeistern. Bereits der Opener „The Wedding“ vom letztjährigen neunten Studioalbum „If“ überzeugte mit dunkler Dramatik, ehe „The Plague“ vom 2007er Silberling „Nekrolog 43“ flott und mit Tiefgang nachlegte. Für das Klaviergeklimper, welches das gefühlvolle „She And Her Darkness“ eröffnete, war Leandra Ophelia Dax (JESUS ON EXTASY) an den Keys zuständig, die auch „King of Nowhere“ den letzten Schliff gab, nachdem Adrian Jacke und Gitarre für den Rest des Auftritts beiseite gelegt hatte. Verdienterweise wurde das druckvolle „Requiem 4.21“ mit viel Beifall bedacht; Höhepunkt der Show dürfte allerdings das wunderbare „Traumtänzer“ gewesen sein, das zumindest von den textkundigen Schwarzkitteln lauthals mitgesungen wurde. Nach diesem grandiosen Gefühls-Overkill ließ es das treibende „The Curse“ wieder krachen. Eine gute Gelegenheit für die Bielefelder, ein Kind ihrer Stadt abzufeiern, denn die satten Bassrhythmen steuerte Flex am Stahlsaiter bei, der am Fuße der Sparrenburg daheim ist. Nicht minder knackig präsentierte sich auch „Kindrom“, das mit D.N.S.’ stampfenden Drums das Set unter Lichtgewittern leider viel zu früh beendete.

Setlist DIARY OF DREAMS
The Wedding
The Plague
She And Her Darkness
King of Nowhere
Requiem 4.21
Traumtänzer
The Curse
Kindrom

Nun hieß es zunächst die Bühne zu präparieren. Wenn der Graf einlädt, darf allerhand Zierrat schließlich nicht fehlen und so machten sich emsige Helfer alsbald daran, einen Haufen dicke Altarkerzen, die auf drei Leuchterbögen positioniert waren, anzuzünden, während die Anwesenden schon mal einen Blick auf den großen Schiffsrumpf werfen konnten, der stark an das aktuelle Plattencover erinnerte. Um die Wartenden in die passende Seefahrerstimmung zu bringen, liefen derweil französische Chansons vom Band, ließ HILDEGARD KNEF rote Rosen regnen und verkündete HANS ALBERS, was nachts um halb eins auf der Reeperbahn los ist, um dann schließlich vom tiefen Klang der Schiffshupe abgelöst zu werden, welche von der baldigen Ankunft des Grafen kündete. Zunächst gab es um 21.45 Uhr jedoch den ersten Videoeinspieler auf der großen Leinwand zu sehen, die rechts und links von UNHEILIG-Bannern gesäumt wurde, unter denen sich die dreiköpfige Begleitband (Licky – Gitarre/ Henning – Keys/ Potti – Drums) des glatzköpfigen Chartstürmers schon einmal in Aufstellung und „Das Meer“ ohne ihren Bandleader zum Vortrag brachte. Der eilte schließlich mit „Seenot“ und unter dem Applaus seiner alten und neuen Anhänger auf die Stage und die bild- und tongewaltige Show konnte beginnen. Für diejenigen, die noch nicht gänzlich textsicher waren, liefen die Lyrics in Karaoke-Manier über den Schirm, wenn nicht gerade eine Großaufnahme des Hauptprotagonisten, eine Totale des Publikums oder eben passende, sepiafarbende Videos zum „Große Freiheit“-Megaseller die Leinwand zierten. Mit „Schenk mir ein Wunder“ ging ihre Grafschaft beckenkreisend auf Tuchfühlung zu seinen Fans, die vor allem rund um den weit in den Zuschauerraum ragenden Steg hofften, ihrem Idol möglichst nahe zu sein. Das verabschiedete sich bereits beim kuscheligen „Unter deiner Flagge“ von seinem Gehrock, blieb aber selbstverständlich mit schwarzer Anzughose, weißem Oberhemd und dezentem Binder überaus korrekt gekleidet und scherte sich während der kommenden rund 90 Minuten nicht um den Schweiß, der ihm aus allen Poren zu dringen schien. Stattdessen boten UNHEILIG einen gewohnt emotionsgeladenen Gig, bei dem natürlich in erster Linie die Songs der aktuellen, siebten Langrille vom äußerst gemischten Publikum abgefeiert wurden. Zwar klappte das gemeinsame In-die-Hocke-gehen-und-auf-Kommando-aufspringen bei „Abwärts“ nicht so hundertprozentig, aber das muss vielleicht einfach der fortschreitenden Osteoporose der einen oder anderen Dame geschuldet werden. Die alten Hasen der Fan-Community freuten sich dagegen auch über Klassiker der UH-Discografie, von denen auf gar keinen Fall „An deiner Seite“ fehlen durfte, da dieser Song für seinen Urheber immer wieder ein ganz besonderer Moment während eines Konzertes ist. „Freiheit“ vom 2004er „Zelluloid“ zählt derweil zu den rockigen Alltime-Faves und wurde mit einer schwarzen Rose aus dem Zuschauerkreis bedacht, während „Maschine“ („Das zweite Gebot“ – 2003) einmal mehr zum Tanzen einlud. Applaus gab es selbstverständlich auch jede Menge, sowohl für den 2006er Schmusesong „Astronaut“ wie auch die brandneue Ode an die Hansestadt Hamburg, der die Platte ihren Namen zu verdanken hat. Die „Kleine Puppe“ vom Vorgänger-Album „Puppenspieler“ aus 2008 symbolisiert Bernd Heinrich Grafs (so der volle Name des charismatischen Sängers) Angst vorm Auftritt, der er offensichtlich mit viel Bewegung und Singspielchen mit dem Auditorium begegnet. Auf diese Weise vergingen die ersten rund eineinhalb Stunden wie am Fluge und auch wenn der Graf beim letzten regulären Stück „Für immer“ (die kommende Singleauskopplung) ein wenig mitgenommen wirkte, ging es mit „Lampenfieber“ in der Verlängerung doch wieder in die Vollen. Auf der Zielgeraden sollte es mit dem Kassenschlager und Radiohit „Geboren um zu leben“ zum finalen Schmacht-Exzess kommen, bei dem selbstredend nach tosendem Jubel, der den ersten Tönen der Nummer folgte, der große Zuschauer-Chor sein Können unter Beweis stellte. Nachdem er der Zuschauerschaft den Gebrauch von Feuerzeugen, Handys und Leuchtstäben nahe gelegt hatte, erklomm der Graf für den UNHEILIG-Emotionsgaranten „Mein Stern“ wie bereits zu „Halt mich“ den Schiffsrumpf, und schwenkte an exponierter Stelle eine UH-Flagge, ehe um 23.30 Uhr schließlich unter dem Beifall von knapp 2.000 Besuchern der erste UNHEILIGe Abend in OWL endete.

Im Vergleich zu den Bochumern waren die Bielefelder eindeutig zurückhaltender. Es wurde weniger gekreischt, der Gesang fiel bisweilen ein wenig dünner aus, insgesamt kochten die Emotionen im Ringlokschuppen auf nicht ganz so hoher Flamme wie im Ruhr-Congress-Zentrum. An den Bands hat’s definitiv nicht gelegen, die haben allesamt erneut eine hervorragende Leistung abgeliefert und dazu beigetragen, dass die Veranstaltung eine runde Angelegenheit wurde. Wahrscheinlich sind die Menschen in der Pudding-Hauptstadt einfach ein wenig verschlossener und die ganz großen UNHEILIG-Sympathisanten werden sich zudem vermutlich schnellstmöglich ein Ticket für den ursprünglich ausschließlich vorgesehenen Termin am 07. Mai besorgt haben. Wie es dort zur Sache ging, weiß ebenfalls der Terrorverlag.

Setlist UNHEILIG
Das Meer
Seenot
Schenk mir ein Wunder
Unter deiner Flagge
Feuerengel
Abwärts
Halt mich
An deiner Seite
Freiheit
Astronaut
Große Freiheit
Kleine Puppe
Unter Feuer
Maschine
Für immer

Lampenfieber
Geboren um zu leben
Mein Stern

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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