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UNHEILIG – MINA HARKER – DAS GEZEICHNETE ICH

Ort: Bielefeld – Ravensberger Park

Datum: 15.07.2011

UNHEILIG im Ravensberger Park zu Bielefeld – Da werden Erinnerungen wach! Vor knapp sieben Jahren nämlich traten der Graf und Co. fast um die Ecke im damaligen Triebwerk (aka Hechelei) auf und das Ganze unter der Regie des… Terrorverlages. Keine 250 Zuschauer waren ehedem anwesend, heutzutage hätten wir uns angesichts der damaligen Gagenforderungen (natürlich Top Secret) ein schönes Leben machen können, aber wie so oft war man zur falschen Zeit am falschen Ort. 2011 ist das Publikum ein anderes, der glatzköpfige Fronter ein Medienstar und wir berichten immer noch für unser kleines, aber feines Online Magazin. Doch überraschenderweise nicht vom ursprünglich vorgesehenen Donnerstags-Termin, denn der musste aufgrund einer Unwetter-Warnung gecancelt werden. Also freitags noch mal ins Auto gestiegen und in die unaussprechliche Stadt gefahren…

Liebend gerne hätte ich auch „unsere“ 2004er Support Bands wiedergesehen, LEICHENWETTER und THE VISION BLEAK kann man aber wohl einem mainstreamigen, 9.000-köpfigen Auditorium nicht zumuten. Leider auch nicht AND ONE, die ursprünglich geplant waren, nun aber kurzfristig einige Gigs gestrichen hatten, um in Urbesetzung die Produktion des neuen Albums „Sextron“ anzugehen. Eine ziemliche Enttäuschung und der angeheuerte Ersatz MINA HARKER war leider auch kein richtiges Trostpflaster, wenngleich einigermaßen zum Hauptact passend.

Doch den Abend eröffnen sollte ein alter Bekannter, zumindest was unsere Berichterstattung angeht, ansonsten gibt sich DAS GEZEICHNETE ICH nämlich eher geheimnisvoll. Der namenlose Protagonist (siehe auch UNHEILIG) ward geboren in Hamburg, lebt in Brandenburg und durfte bereits mit Größen wie ICH + ICH, den PET SHOP BOYS und A-HA durch die Weltgeschichte reisen. Kein Wunder, dass sein selbstbetiteltes Debüt immerhin auf Platz 28 der Charts landen konnte bei diesem tourtechnischen Overkill. Gefühliger Befindlichkeitspop mit Hang zur großen Geste und schwurbeliger Lyrik – nicht wirklich meine Baustelle. Und an diesem Open Air Abend auf einem riesigen Gelände auch ein wenig fehl am Platze der Herr, der allein mit seinem futuristischen Keyboard auf der riesigen Bühne ziemlich verloren wirkte. Gerade mal 20 Minuten musizierte er Stücke wie „Halleluja“, „Beste Zeit“ oder „Durch die Blume“, derweil die meisten Anwesenden das schöne Wetter genossen bzw. die vielen Imbissbuden und Getränkestände in Beschlag nahmen. Seinen besten Titel, das vom Bundesvision Song Contest bekannte „Du, es und ich“, performte er zum Abschluss eines Gigs, der weder Künstler noch Betrachter viel gebracht haben dürfte.

Danach also MINA HARKER, die für die kurzfristig anberaumten Auftritte mal gleich ihren Urlaub unterbrochen hatten, was bei den unheiligen Zuschauermassen sicherlich Sinn macht. Das Duo Harker (Gesang) und Gorodetzki (Gitarre), benannt nach einer Figur aus Bram Stokers „Dracula“, tingelt nun auch schon ein paar Jahre durchs dunkel angehauchte Grenzland und fabriziert so etwas wie Goth-Pop garniert mit Synthies und eher einfachen Gitarrenriffs. Nachzuhören auf den beiden Alben „Tiefer“ (2008) und der aktuellen Scheibe „Bittersüss“. An diesem Abend stürmte man zu viert die Stage, wobei der OOMPH!-Live Drummer Christian „Leo“ Leonhardt mittlerweile durch einen bemützten Kollegen ersetzt worden ist. Mina (die optisch sehr ihrer GROSSSTADTGEFLÜSTER Kollegin ähnelt) im kleinen Schwarzen war offensichtlich gewillt, die kurzfristig gebotene Chance zu ergreifen und gab von Beginn an ordentlich Gas. Und auch die Zuschauer fingen nun an aufzutauen und begleiteten den Auftritt doch recht ordentlich. Immerhin passierte jetzt ja etwas da oben und die HARKER-Songs sind zudem recht eingängig und mitklatschbar. Das relativ bekannte „Tiefer“ vom Debüt fand sich ebenso in der Setlist wie einige neuere Tracks à la „Macht“, „Rache ist süss“ oder „Schmutzige Hände“. Ob der MONO INC.-Charts-Effekt auch für diesen UNHEILIG-Support eintreten wird, bleibt abzuwarten, ein Karrieresprung dürften die gemeinsamen Auftritte für die Dunkelpopper allemal werden. Mit dem Titeltrack „Bittersüss“ verabschiedete man sich dann nach knapp 30 Minuten schon wieder, wenn ich ehrlich bin, hätte man auch ganz einfach auf einen 2ten Opener verzichten können, das war mir alles zu seicht und zu beliebig. Aber ich war an diesem Abend sicher nicht repräsentativ…
(TK)

Die abgängigen AND ONE noch einmal kurz im Sinn näherte sich nun bei recht launiger Pausenmusik (u.a. COVENANT) aber der Grund bzw. der Mann, für den die 9.000 unheiligen Seelen (und tags zuvor jedenfalls in der Theorie auch noch mal fast 6.000 – zum Vergleich: die SCORPIONS brachten es an diesem Wochenende auf ihrer Abschiedstournee an gleicher Stelle auf gerade einmal knapp 5.000) den Weg auf sich genommen hatten. Darunter augenscheinlich immer noch viele, die sich auf ihr erstes Konzerterlebnis mit dem Grafen freuten. Da sich zudem auch der Himmel sukzessive verdunkelte, stand dem ersten „Westfälischen Festtag“ im Rahmen der diesjährigen Open Air Reihe hier vor Ort also nichts mehr im Wege und auch die üppige Lichtanlage unter dem Dach der 18 Meter breiten, 15 Meter tiefen und 13 Meter hohen Bühnenkonstruktion sollte zu späterer Stunde immer besser zur Geltung kommen.

„Heimreise – Auf dem Weg zum Heimathafen“ – dieses Motto wurde für den dritten und letzten Teil der „Grosse Freiheit“ Tour auserkoren und bereits jetzt werfen die „Lichter der Stadt“ für 2012 ihre Schatten voraus. Neben diesem neuen Album ist auch eine erste Konzertreihe angekündigt, zunächst musste/ konnte man sich aber mit zwei ersten neuen Stücken be- bzw. vergnügen, die neben ein paar weiteren Überraschungen die Setlist diesmal mitbestimmten. Einleitend sollte es nach dem Intro zunächst aber wieder die „Seenot“ sein, zu deren Klängen die Attraktion des Abends in seiner bestens bekannten lebhaften Art auf das Podium sprintete; von einer Knieverletzung nach dem Sturz wenige Tage zuvor in Dresden keine Spur mehr. Das war auch gut so, denn Platz bot sich genug, da Henning, Licky und Potti, die Mitstreiter des Grafen, eher am Rand bzw. im hinteren Bühnenbereich postiert waren und außerdem noch ein Steg ins Publikum führte. Schon zu „Feuerengel“ bewegten die Massen ihre Hände glückselig durch die Luft und auch der Maestro kam schnell auf Betriebstemperatur und entledigte sich nach dem folgenden „Schenk mir ein Wunder“ seines Sakkos. Ein wenig auffällig erschien zumindest in der ersten Hälfte des Auftritts allerdings die recht spärliche Verbalkommunikation mit den Fans, stattdessen verschwand der Graf zwischen den Songs des öfteren hinter dem Schiffsrumpf in der Mitte der Bühne. „Sternbild“ leitete sodann einen kleinen Balladenblock ein, bei dem mit „Ein guter Weg“ auch der erste neue Titel präsentiert wurde. Hierbei handelt es sich um ein ruhiges, anfangs allein vom Piano geführtes Stück mit gewohnt emotionalem Text, welches sich im Verlauf in seiner Intensität etwas steigert und leicht epische und orchestrale Züge annimmt. Ungewohnt dann die allererste UNHEILIG Single „Sage Ja“ in einer reinen Piano-Version, die an exponierter, mit ein paar Extra-Kerzenständern drapierter Stelle vorne links auf der Bühne mit völlig anderem Charakter dargeboten wurde. Nach dem vom Schiffsrumpf aus intonierten „Halt mich“ gab es eine größere Ansprache des Grafen zu den Gepflogenheiten einer Band am Tage des Konzertes mit Blick auf die (fehlende) Zeit, die jeweilige Stadt näher kennen zu lernen, bei der bei ihm durchaus auch ein gewisses komödiantisches Talent zu Tage trat. [Exkurs: Was Bielefeld betrifft, hätte er nach der Absage am Donnerstag hingegen eigentlich Gelegenheit genug zu einer Erkundungstour gehabt. Angesichts des Vorfalls in Dresden, nach dem sogar die Bild-Zeitung in „Sorge um den Grafen“ war, hatte er es jedoch vorgezogen, den unerwarteten freien Abend zuhause im Kreise seiner Familie zu verbringen.] Quintessenz seiner Rede war letztlich aber, dass es nur wichtig sei, die Freiheit zu haben, heute hier ein Konzert unter freiem Himmel spielen zu können, was die Zuhörerschaft natürlich freute. Entsprechend legte die Band mit eben „Freiheit“ nach, bevor kurze Zeit später ein weiterer, diesmal aber härterer 4er-Block anstand: darunter „Brenne auf“, das weitere neue Stück, hymnisch, mit fluffiger Gitarre und typischem UH-Text, „Abwärts“ (mit Sprungeinlage des Publikums) und „Maschine“, bei dem kräftig weiter getanzt wurde. Für gute Stimmung inmitten der durch die Gebäude der alten Ravensberger Spinnerei gebildeten Kulisse war also gesorgt und der nächste Höhepunkt stand unmittelbar bevor: „Geboren um zu leben“, der Titel, ohne den der unglaubliche Erfolg des Grafen so wohl nicht Wirklichkeit geworden wäre. Da war es ein leichtes, die Zuschauer im Anschluss noch zu einer Mitsing-Reprise zu bewegen.

Damit angelangt im Zugabenteil, der zunächst erwartungsgemäß die weiteren Singles des noch aktuellen Albums bereithielt, steigerte sich beim Gros der Fanschar die Ekstase sogar noch, die sich nun wiederholt zu „Oh wie ist das schön“-Gesängen hinreißen ließ, während der ein oder andere geübte Konzertbesucher dies eher schmunzelnd zur Kenntnis nahm. Den absoluten Schlusspunkt setzte schließlich wieder mal „Mein Stern“ und nicht wenige dürften ob der guten Laune anschließend von der USB-Aktion Gebrauch gemacht haben, bei der man sich (für sage und schreibe 25 €!) das soeben beendete Konzert auf einem speziell designtem USB-Stick als Erinnerungsstück für die heimische Musikanlage mitnehmen konnte. Nicht unsere Baustelle, so dass wir es vorzogen, gemächlich den vom Vollmond beleuchteten Weg nach Hause anzutreten.
gerrit [pk]

Setlist UNHEILIG
Intro/ Das Meer
Seenot
Feuerengel
Schenk mir ein Wunder
Sternbild
Ein guter Weg
Sage Ja (Piano-Version)
Halt mich
Freiheit
An deiner Seite
Grosse Freiheit
Brenne auf
Ich gehöre mir
Abwärts
Maschine
Geboren um zu leben

Für immer
Unter deiner Flagge

Lampenfieber
Mein Stern

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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