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VAINSTREAM ROCKFEST 2008

Ort: Münster - Am Hawerkamp

Datum: 28.06.2008

Anreise Vainstream 2008: Warum habe ich eigentlich immer Opas mit Pepitahut vor mir auf dem Weg nach Münster? Egal zu welcher Tageszeit, Jahreszeit, etc. – immer ein Rentner mit Hut. Man glaubt gar nicht, wie viel Zeit die haben. Diesmal erwischte es mich schon in Beelen. Mit Tempo 30 wurde da über die Landstraße geheizt. Wenn ich mal überholen hätte können, gab es entweder ein Überholverbot oder Gegenverkehr. Ende vom Lied war, dass ich der letzte Lied von CALLEJON aus weiter Entfernung hörte. War mir auch in dem Moment egal, weil ich endlich beim VAINSTREAM angekommen war und dachte, ich würde jedenfalls SHAI HULUD noch mitbekommen. Die Hoffnung schwand allerdings, als ich die Schlange am Einlassbändchenstand sah. Also schnell daran vorbei und einfach mal ohne zum Eingang. Dabei bemerkte ich dann, dass es glücklicherweise noch einen weiteren Stand gab, wo die Schlange vielleicht nur ein Zehntel so lang war. Meine Hoffnung, SHAI HULUD zu sehen und nicht nur zu hören, war also durchaus noch berechtigt. Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt die Einlasskontrolle noch nicht auf der Rechnung. Na ja, nach einer weiteren Viertelstunde hatte ich mich dann endlich soweit durchgeschoben, dass ich endlich auf dem Gelände war. Wobei ich sagen muss, je später der Tag wurde, desto schärfer wurden die Einlasskontrollen. Beim ersten Mal wurde ich nur abgetastet, beim zweiten Mal meine Tasche durchsucht und als ich gegen Abend meinen Rucksack ins Auto brachte, musste ich hinterher sogar meine Zigarettenpackung öffnen…

SHAI HULUD konnten trotz ihres guten Sounds und ihrer sehr guten Metalcore Performance leider an diesem Tage nicht soviel reißen, weil sie recht früh spielten, und leider viele die Band auch überhaupt nicht kannten. Dementsprechend zurückhaltend war dann auch das Publikum. Sofort nach SHAI HULUD standen THE GRIT aus London auf der zweiten Bühne. Ihre Mischung aus Psychobilly und Punk war grundsolide, nichts besonderes, aber für eine Band, die Besucher am frühen Morgen unterhalten soll, durchaus akzeptabel. Nach einer halben Stunde dann wurde auf der Hauptbühne mit BRING ME THE HORIZON weitergerockt. Auch wenn sie beim Kerrang!-Award als Bester britischer Newcomer gefeiert wurden, konnte ich dieser Truppe absolut gar nichts abgewinnen. Ich frage mich ernsthaft, was diese Mischung aus Death Metal und Emo Style soll. Gut, der Sänger hat ein gewaltiges Organ, muss man neidlos anerkennen, aber das Äußere spielt doch irgendwie auch eine Rolle. Nachdem ich kurz beim Merchandising Stand war, hatte ich eigentlich genug. Die T-Shirt Farben von BMTH waren dermaßen grell, dass „man spontan Augenkrebs hätte bekommen können“ (Aussage eines Bekannten, der mit am Stand war).

Nach der Show fand eine 20-minütige Motorradperformance statt, von der allerdings nicht wirklich viel zu sehen war. Die Zeit konnte mit dem Erkunden des Geländes sinnvoller genutzt werden. Ein paar Fressbuden, ein paar Plattenstände und sehr viel Kommerz. NEAERA hatten anschließen das Publikum von der ersten Minute an fest im Griff. Die einzige Münsteraner Band im Line Up wusste, wie man den Leuten gefällt. Nach ihrem Auftritt war am Shirt-Stand auch kein Durchkommen mehr und fast jeder Vierte lief in einem NEAERA-Shirt rum. Was eigentlich verwunderlich war, weil sie die erste Band des Tages waren, bei der der Sound schlichtweg furchtbar war. Die Instrumente teilweise zu leise, der Sound zu basslastig und die Stimme im Vergleich dazu zu laut. Aber auch so waren sie das erste Highlight des Tages.

Mit NEGATIVE APPROACH kam die zweite Band auf die Bühne, die ich unbedingt sehen wollte. Kann eine Band, die auf der großen Reunion Welle reitet, nach mehr als zwanzig Jahren, das Publikum mitreißen? Sie kann durchaus. Da flogen einem die alten Hardcore Klassiker nur so um die Ohren. Ich habe mich gefühlt wie mit 15, als ich das erste Mal auf einem Hardcore-Konzert war. Das war Hardcore, wie er eigentlich sein sollte, straight und schnell. Nach NA wurde es wieder etwas punkiger und die MAD CADDIES brachten das Publikum mit ihrer Mischung aus Ska und Punk richtig zum schwitzen. MAD CADDIES waren auch die erste richtige „Festivalband“ des Tages. Egal ob man ihre Lieder nun kannte oder nicht, man musste einfach mittanzen, wippen etc. Es gab wohl niemanden im Publikum, der nach den MAD CADDIES die Darbietung misslungen fand.

ALL SHALL PERISH habe ich dann leider nur gehört und nicht gesehen, weil es mich zu meinem Wagen zog, um die nassen Klamotten auszuziehen, da es mittlerweile ordentlich geregnet hatte, und jeder weiß, wie sehr Hosen, die am Körper trocknen, jucken können. Die folgende Band war der Grund meiner Mitbewohnerin, überhaupt nach Münster zu fahren, obwohl ich gestehen muss, dass die BROILERS bisher völlig an mir vorbeigegangen sind. Mareike meinte, es wäre eine Bildungslücke. So waren die BROILERS mit ihrem deutschsprachigen Oi-Punk-Rockabilly dann auch eine richtig gute Überraschung. Nicht nur, dass das Publikum fast alles mitsang und feierte, auch der Sound war überraschend gut. Ganz im Gegenteil zu zahlreichen anderen Formationen, bei denen der Sound doch furchtbar abgemischt wurde und es teilweise kein echtes Vergnügen war zuzuhören.

Zwar sollte zwischen den BROILERS und MADBALL nochmals eine Motorradshow stattfinden, aber die fiel aus, weil der Wind zu stark war. MADBALL kamen auf die Bühne und waren für mich eine weitere positive Überraschung des Abends. Da wurde zu klassischen NYC Hardcore rumgepost, was das Zeug hält. Hatte ich MADBALL bis dato immer nur in kleineren Läden gesehen, war ich erstaunt, wie die vier New Yorker das große Festivalpublikum locker und souverän unterhalten konnten. MADBALL sind nicht mehr so verbissen und tough, wie ich sie noch vom Ende der Neunziger in Erinnerung hatte, sondern können auch über sich selbst lachen. Und Sprüche wie „we represent real hardcore“ oder „new york hardcore still lives“ gehören einfach, mit einem Augenzwinkern, zu ihrer Show. Die Setlist bestand aus einer Mischung aus Klassikern und neuem Material. Wobei die Klassiker sogar die Skeptiker dazu brachten mitzugrölen. Nur der Typ vor uns in Lederhose und Lederhut, völlig besoffen und durchgeschwitzt, war etwas nervtötend. Er erinnerte vom Geruch her stark an einen Pumakäfig und ich sah mich nach den ersten drei Liedern dazu gezwungen, nachdem ich dann bei einer seiner Verrenkungen einen Ellenbogen auf die Brust bekam, ihn mit dem Gesicht voran durch die Menge zu schieben. Seine Freundin, die nicht minder besoffen war, wollte mich zwar noch anmotzen, fand wohl aber nicht die passenden Worte. Den Rest der Show konnten wir dann gelassen mitsingen und tanzen. Zitat meines Kumpels Simon: „Geile Show, ich fühle mich zehn Jahre jünger!“.

Nach MADBALL ergab sich die Möglichkeit, vor dem Epitaph Stand sitzend uns die Show von ANTI-FLAG anzuschauen. Ich kenne momentan keine Band, die so kontrovers diskutiert wird. Zwar gehören sie zur Elite der politisch motivierten Ami-Punk Bewegung, aber mittlerweile empfinden es viele schon als zu übertrieben. ANTI-FLAG boten eine gute Show, ohne jetzt ein so richtiges Festival-Highlight zu sein. Ein gut gemischtes Set, ohne jemanden groß zu überraschen. ANTI-FLAG bleiben für mich eine Band, die man auf einer eigenen Tour sehen muss. Nach Bands wie NEGATIVE APPROACH sowie MADBALL und noch vor SICK OF IT ALL, reihten sich COMEBACK KID in den Reigen der Oldschool-Bands ein und bewiesen eindrucksvoll, dass man auch als relativ junge Band (2002 gegründet) klassischen Hardcore spielen kann. Leider sind ja mittlerweile vielerorts Metal-Elemente der Background für den neuen „Hardcore“, nicht so bei den fünf Kanadiern.

FLOGGING MOLLY bekamen als nächste Band die Chance, sich zu profilieren. Die Kalifornier schafften es, mit ihrer Mischung aus klassischem Punk mit irischen Folkeinflüssen und ihrem Spiel mit dem Publikum, die Menge zu bewegen. Dave King war auch einer der ersten Sänger des Festivals, der es verstand, das Publikum mit seinen Ansagen und Spielereien zu begeistern. Man merkte einfach, dass die Band schon mehr als 10 Jahre Bühnenerfahrung hat und einfach weiß, wie man ein Publikum an der Stange hält. Fiddle und Tin Whistle sind zwar keine klassischen Punk-Instrumente, hören sich aber dennoch wunderbar an. Nach FLOGGING MOLLY ergab sich für uns die Chance, mal kurz zum Wagen zu gehen und etwas zu essen. Überraschender Weise hatte von den Leuten, mit denen wir in Münster waren, keiner Lust, sich CALIBAN anzuschauen. Zitat: „Ich schau mir doch keine Metal Band an, bei der die ersten drei Reihen noch keine 14 sind!“. Gut gelaunt kamen wir also vom Essen wieder und suchten uns über eine Wall of Death kopfschüttelnd einen guten Platz für COHEED AND CAMBRIA. Diese waren dann leider für viele das, was für uns CALIBAN waren, nämlich eine nette Pausenbeschallung. Die Reihen vor der Bühne waren jedenfalls wesentlich leerer und weniger bewegt als noch bei den anderen Bands. Obwohl sie eine gute Mischung ihrer bekannten Lieder präsentiert haben, die schon mal überall rauf und runtergespielt wurden, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie jetzt die große Masse begeistern konnten. Zum einen lag es vermutlich daran, dass sie zu verspielt und von den Soundstrukturen zu kompliziert waren, zum anderen daran, dass sie ihr Set runterspielten, ohne große Ansagen oder Pausen. Musikalisch ganz klar ein Highlight des Abends, auch wenn es keine Festivalparty-Band ist.

TIGER ARMY konnte leider überhaupt nicht punkten. Nick 13 verbot von Anfang an das Fotografieren aus dem Publikum, hatte Probleme mit Stimme und Gitarre und wirkte von der ersten Minute an genervt. TIGER ARMY waren auch der absolute Tiefpunkt, was den Sound betrifft. Bei den ersten Liedern waren leider nur der Bass und das Schlagzeug zu hören. Der Gesang kam dann sporadisch mal kurz durch, klang aber sehr abgehackt und wenig melodiös. Nach einem recht durchschnittlichen Set (zwar ein paar ihrer bekannteren Sachen) waren die meisten auch froh, dass das Trauerspiel ein Ende hatte. Es sprang einfach der Funke nicht über. Kommentar Mareike: „Mann, wie langweilig war die Show denn?“, und dieser Satz von jemandem, der diese Band eigentlich vergöttert.

SICK OF IT ALL gaben als Headliner noch mal ihr Bestes, um dem Publikum einen würdigen Festival-Abschluss zu bescheren. Diese Band ist ein Phänomen. Seit mehr als zwanzig Jahren machen sie immer wieder die gleichen Sachen, sind nicht besonders abwechslungsreich oder innovativ, aber schaffen es, Generationen von Hardcoreler zu begeistern. Kaum ein Mensch kann behaupten, er hätte nicht irgendwo eine CD der New Yorker Band rumliegen. Jedes Mal wenn man SICK OF IT ALL als Headliner sieht, denkt man, nicht schon wieder. Sobald sie aber die ersten Töne gespielt haben, ist man ganz klar mitten im Moshpit. Es geht einfach nicht anders. Man muss mitsingen und pogen. SICK OF IT ALL haben es über die Jahre geschafft, musikalisch sehr eintönig zu sein und doch ganz vorne zu stehen. Hut ab!

Fazit des Festivals:
Die Planung war bestens. Zwischen den einzelnen Auftritten so gut wie keine Pausen, eine Band gab der nächsten die Klinke in die Hand. Allerdings viel Kommerz, welcher mit dem Grundgedanken des Hardcore und Punk wenig gemein hat. Das Publikum für ein Festival recht gut, wenngleich wir z.B. über das ein oder andere Emo-Mädchen kräftig gelacht haben – aber jeder soll auf seine Weise glücklich werden. Rundherum also ein sehr gutes Festival, wenngleich man das nächste Mal sich vernünftige Mischer besorgen sollte.

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