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WAVE GOTIK TREFFEN 2016 – TAG 4

Ort: Leipzig - WGT

Datum: 16.05.2016

Auch das ändert sich nicht zum Jubiläums WGT: Gerade haben wir uns an den „Konzert-Alltag“ gewöhnt, ist schon der letzte Tag angebrochen. Was hoffentlich nicht zur Tradition wird: Wie im vorigen Jahr muss auch in diesem Jahr der vierte Tag ohne Fotos auskommen. Denn neben dem Ghostwriter war auch ein Ghostfotograph von Nöten und diesen gab es nur für die ersten drei Tage.

TREHA SEKTORI
(Kantine)

Nach einem Abschiedsbesuch im Heidnischen Dorf ging es heute in guter alter Pfingstmontagtradition in den Volkspalast, wo wieder ein pralles Programm voll düsterer Elektronik auf uns wartete. Beim ersten Konzert in der Kantine lernten wir den jungen Grafik Designer Vincent Petitjean kennen, der unter seinem Künstlernamen DehnSora scheinbar die Klaviatur der Düsternis hoch und runter spielt. Während der Franzose beim Wave Gotik Treffen mit seinem Dark Ambient Projekt Treha Sektori auf der Bühne stand, wirkt er unter anderem auch bei Sembler Deah – einer Mischung aus Dark Ambient und industriellem Noise sowie der jungen Post-Hardcore-Metal Band Ovtrenoir mit. Am frühen Montagabend erlebte das Publikum einen kraftvoll flächigen Sound, der zum Teil von E-Gitarre und verzerrtem Sprechgesang und beklemmenden schwarz-weiß Videos begleitet wurde, die den Musiker in skurrilen Szenen in meist karger, savannenartiger Landschaft zeigten. Nichts für schwache Nerven, aber für alle Liebhaber wirklich dunkler Klanglandschaften wärmstens zu empfehlen.

TANZ OHNE MUSIK
(Kuppelhalle )

In gleicher Soundtemperatur ging es kurz danach in der Kuppelhalle mit Tanz ohne Musik weiter, dem seit über fünf Jahren aktivem Projekt von Dan Serbanescu aus Bukarest, bei dem er bildgewaltig von der Videokünstlerin Luna aka Color Nurse unterstützt wird. Von Farbe ist in den Videos allerdings wenig zu sehen – vielmehr zeigen diese eine Vielfalt von auf die einzelnen Titel abgestimmten Motiven in schwarz-weiß, arrangiert aus geometrischen Formen, Scherenschnitten und Aufnahme von beiden Künstlern. Wenn Herr und Frau Arafna nicht unweit von uns vor der Bühne gestanden hätten, hätte man denken können, dass die beiden zu Lebzeiten in anderer Gestalt auferstanden wären oder zumindest ein neues Mitglied der Galakthorrö Familie auf der Bühne vorstellten. Zurück in die Zukunft: gerade fünf Wochen später ist zu lesen, dass das neue Tanz ohne Musik Album „Infinity“ Ende Juli 2016 ebendort erscheinen wird. Alle die, die nach dem eindrucksvollen Konzert in der Kuppelhalle vergeblich ein Album erstehen wollten, bekommen dann eine neue, wenn auch limitierte nächste Chance, einen Tonträger mit diesem mal treibend mal sanft daherkommenden Angstpop zu erwerben.

TE/DIS
(Kantine)

Mit dem bekanntermaßen von (eben bereits erwähnten) Galakthorrö stammenden Mann hinter dem Namen Te/DIS – abgeleitet von „Tempted Dissident“ – ging es weiter in der Kantine. Die erstaunlich klare und warme Stimme des Solokünstlers wurde von einem gluckernden Sound aus reduzierten und zuweilen melodiösen Synthie-Klängen umrahmt. Auch bei diesem Konzert lief ein schwarz-weiß Video, das im Gegensatz zu den beiden zuvor gesehenen jedoch mit sehr einfachen Mitteln entstanden zu sein scheint und eher an die unscharfe Aufnahme einer Überwachungskamera erinnert, welche im Loop abgespielt wird. Aber vielleicht verbirgt sich gerade hier die Botschaft, die der in Versuchung geführte Andersdenkende seinem Publikum mit Titeln wie „Amputation“, „If I die“ und „Smother the pain“ überbringen will.

CUT HANDS
(Kuppelhalle)

Obwohl das Lineup geradezu verlockend war, um den ganzen Abend im Volkspalast zu verbringen, blieben wir nur für die ersten paar Songs von William Bennetts Soloprojekt cut hands. Der passend zu seiner unter dem Titel „Afro Noise“ erschienen Albumserie zuweilen als Vodoo-Mann von White House bezeichnete Brite ließ die Kuppelhalle mit den entsprechend gefärbten technoiden Klängen beben.

AND ALSO THE TREES
(Altes Landratsamt)

Noch mehr Farbe und somit den mit dem Wechsel ins Alte Landratsamt verbundenen Kontrast brachten and also the trees ins heutige Konzertprogramm, die nach elf Jahren zum zweiten Mal beim WGT dabei waren. Eine der wenigen Ikonen der 1980er Post-Punk-Szene, die bis auf eine kurze Veröffentlichungspause mit ihren Gründungsmitgliedern und Brüdern Simon Huw (Gesang) und Justin Jones (Gitarre) bis heute aktiv sind. Simon Huw, der es erstaunlich lange in voller Montur, bestehend aus Gehrock samt Weste und Plastron auf der mit Sicherheit um einige Grad wärmeren Bühne des ohne hitzigen Saals aushielt, trug die Songs mit voller Stimme und eleganten Bewegungen eines Gentlemans vor. Die vom mediterran klingenden an eine Mandoline erinnernden Gitarrenklang geprägten Songs bewegten sich nicht nur in einer enormen akustischen Bandbreite von psychedelisch ruhig bis rockig laut, sondern auch über beinahe alle Schaffensjahre hinweg. So konnte das begeisterte Publikum eine ausgewogene Mischung aus Titeln erleben: vom diesjährigen Album „Born Into The Waves“ bis hin zu „Slow Pulse Boy“ vom 1985 erschienenen „Virus Meadow“, das die Band auf ihrer ersten Europa-Tour vorstellte.

TEST DEPT:REDUX
(Kuppelhalle)

Zum konzerttechnischen Abschluss des 25. Wave Gotik Treffens wurde es noch einmal richtig laut, denn die Test Dept. Gründer Graham Cunnington und Paul Jamrozy brachten nicht nur eine ganze Bühne voll Schlagwerk samt Musikern mit, sondern für einige Stücke auch den Fanfarenzug des TSV Leipzig Nordost e.V. Auf der nur von den Videosequenzen in schwarz-weiß beleuchteten Bühne dominierte die junge Londonerin Zel Kaute am mittig platzierten Schlagzeug, an dem sie stehend den Takt angab. Die anderen metallischen Klangkörper waren leider nicht von allen Plätzen im Publikum herauszuhören, was vielleicht auch an dem gewaltigen Soundteppich lag, der sich in der Kuppelhalle ausbreitete – wie eine Welle aus brachialem Industrielärm. Als Test Dept:Redux präsentierten die seit 1981 zur Industrial Szene gehörenden Briten teilweise Material von ihren frühen Alben „Beating The Retreat“ und „The Unacceptable Face Of Freedom“, auf denen sie geprägt von den sie umgebenden zerfallenden Fabriken im Londoner Süden in den 1980ern Protest an der kommerziellen Musikindustrie übten. Mit den auf der Leinwand zu sehenden Motiven von Flüchtlingsbooten, zerbombten Häusern, einstürzenden Neubauten und roten Armeestiefeln wurden nun aktuelle Themen gezeigt, zu denen bis auf wenige ruhige im Sprechgesang vorgetragene Titel lautstark Stellung genommen wurde.

Beinahe benommen von diesem Feuerwerk aus tosendem Trommelwirbel und flackernden Bildsequenzen begaben wir uns zum Abschlusstanz in die Kantine. Nur dort sollte das Jubiläums Treffen noch nicht ganz zu Ende sein, denn in der Moritzbastei konnten wir noch bis morgens acht Uhr das Tanzbein zu guten alten Hits quer durch den Gothic-, EBM- und Wave-Garten schwingen.

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