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WAVE GOTIK TREFFEN 2017 – TAG 4

Ort: Leipzig – WGT

DA-SEIN, SUTCLIFFE JÜGEND, CABARET VOLTAIRE
(Volkspalast)

Schon wieder der letzte Tag. Mehr als pünktlich trafen wir im Volkspalast ein. Ein einsetzender Platzregen verwehrte uns dann den Weg vom Auto zum Eingang. Irgendwann mussten wir dann aber doch rein. Die Kantine vom Volkspalast war angenehm gefüllt für den Auftritt von DA-SEIN, einem noch relativ frischen Neuzugang der Galakthorrö-Familie. Mit ihren anlogen, düsteren Elektronik-Sounds hätten die beiden in Madrid lebenden Musiker Kas Visions und Fernando O. Paino kein passenderes Label finden können – passend wie Arsch auf Eimer zu der gesamten Galakthorrö-Familie. Nach der im November 2015 wunderbaren Debüt-EP „Tautology“ erschien kürzlich mit „Death is the most certain possibility“ das erste Album, und dieses konnte den Erwartungen voll standhalten. Der Name DA-SEIN beruht übrigens auf dem Buch „Sein und Zeit“ des Philosophen Martin Heidegger. Voller Spannung haben wir das Konzert erwartet, Auftritte aus dem Galakthorrö-Universum sind schließlich rar.

Die Bühne war in dunklem, blauem Licht gestrahlt, Kas Visions stand am Mikro in der Mitte und seitlich Paino am Laptop. Im Hintergrund liefen skurrile Videos. Und los ging der Sound und erschuf eine dichte Atmosphäre aus teils rhythmischen, teils destruktiven Stücken. Während des zweiten Stückes gingen auf einmal alle Lichter an und die Fenster öffneten sich. Das Konzert ging aber weiter und irgendwann vernahm man aus dem Sound heraus auch eine Sirene. Als die dann aber von überall kam, war klar, dass das nicht Bestandteil der Performance war, sondern ein Feueralarm. Irgendwie muss der starke Regen einen Fehlalarm ausgelöst haben. Einfach war das Problem jedoch nicht zu beheben, denn es kam sogar die Feuerwehr. Doch nach etwa 15 Minuten war der Alarm wieder aus und es ging weiter. Kalt, minimal, tanzbar… Angstpop wie wir ihn lieben. Eine Band mit einem ganz großem Anfang und hoffentlich noch einem langem Werdegang.

Die nächsten beiden Stunden sind wir dann irgendwie am Auto versumpft. Aber zu SUTCLIFFE JÜGEND standen wir pünktlich in der ersten Reihe. Ein Auftritt, den man nicht verpassen sollte. 1982 als Sub-Project von WHITEHOUSE angefangen, entwickelten sich die beiden Engländer Kevin Tomkins und Paul Taylor schnell zu einem der harschesten und aggressivsten Vertretern des Power Electronics. Nach 35 Jahren Krach sehen die beiden aus wie zwei brave Männer, aber auf der Bühne zeigen sie ihr zweites Ich. Und das ist nach wie vor härteste Power Electronics. Und eben hier zeigt sich auch der Unterschied. Krach machen kann jeder, ihn aber so gekonnt zu strukturieren, wohl zu dosieren und in Bahnen zu lenken, dass die Performance schon fast epische Ausmaße bekommt, ist eine wahre Kunst, die nicht viele beherrschen. Die beiden Herren verstehen ihr Handwerk und bedürfen auch keiner pompösen Show drum herum, sondern bloß sich selbst und ihre Instrumente. Das Publikum gerade in den vorderen Reihen ließ sich auch voll drauf ein. SUTCLIFFE JÜGEND… eines der Highlights des diesjährigen WGT.

Auf ihrem ersten Konzert kam es zu Attacken seitens der Besucher. Die wollten Rock’n’Roll hören, bekamen aber experimentelle, elektronische Musik. Das war Anfang der 70er Jahre. CABARET VOLTAIRE existieren nämlich schon seit 1973. Von der ursprünglichen Besetzung aus den Sheffieldern Stephen Mallinder, Chris Watson und Richard H. Kirk ist nur noch Letzterer geblieben. CABARET VOLTAIRE machten viele Stiländerungen bis hin zu kommerziellerer elektronischer Musik mit und lösten sich 1994 schließlich auf. 15 Jahre später kam es zur Wiederaufnahme durch Kirk als Soloprojekt. Und jetzt der erste Auftritt auf dem WGT. Drei überdimensionale Leinwände im Hintergrund und eine Art Kanzel sind die einzige Bühnendeko. Dann kam Kirk auf die Bühne im feinen Zwirn mit einer Tasche in der Hand und fing kommentarlos an. Was folgte, spaltete das Publikum, die einen fanden es sehr cool, die anderen inklusive mir waren enttäuscht. Kirk spulte ein vorprogrammiertes Technoset herunter, ohne die geringste Einlage oder Regung. Der Sound war zweifelsfrei satt und treibend. Aber mit dem, was sicherlich viele erwartet haben, hatte das nichts zu tun. Keine erkennbaren Hits. Irgendwie kam nichts rüber, was einen gelungenen Auftritt ausmacht. Irgendwann war Schluss und Kirk verließ mit seiner Tasche ebenso kommentarlos wieder die Bühne wie er gekommen war. Da wäre mehr möglich gewesen. Es muss ja nicht gleich wieder der Bruch eines Wirbelknochens sein.

Im Anschluss war noch Neofolk-Party in der Kantine, die ganz gut besucht war und zu späterer Stunde zogen wir noch in die „Blaue Stunde“ in der Bornaischen Straße um und ließen das WGT 2017 in gemütlicher Runde ausklingen. Viel zu schnell war wieder alles vorbei, und nun heißt es wieder: Ein Jahr warten auf ein sicherlich ebenso großartiges WGT 2018!

Copyright Fotos: Kai-Uve Altermann

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