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WIR SIND HELDEN – HERRENMAGAZIN

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 28.10.2010

„Wollt Ihr wirklich immer Hippies bleiben?“

Wenn bekanntere Acts zum Stelldichein einladen, geht normalerweise eine gewisse Hysterie unter Hardcore-Fans um. Ganz normale Standard-Gigs werden dann zu außergewöhnlichen, sensationellen Ereignissen hochgepusht, die im World Wide Web aufs eifrigste diskutiert werden. Wenn sich aber vorab im Gästebuch kritische Stimmen mehren, wird der neutrale Beobachter argwöhnisch. So geschehen bei der aktuellen WIR SIND HELDEN-Tour, wo der Band um Frau Holofernes wahlweise vorgeworfen wurde, sie wäre arrogant oder ausgelaugt oder hätten nicht die richtige Songauswahl getroffen. Wie subjektiv solche Behauptungen sind, wurde an diesem nicht allzu kalten Oktober Abend im Bielefelder Ringlokschuppen mal wieder deutlich. Denn ohne bereits in der „Anmoderation“ ins Detail zu gehen, dieses Konzert kann man wirklich nur als mitreißend und überaus gelungen bezeichnen!

Dazu trug auch der Support Act HERRENMAGAZIN sein Scherflein bei, der ja in der „Indie Rock“-Szene durchaus schon Duftmarken hinterlassen hat. Der Hamburger Vierer um den redseligen Sänger/ Gitarristen Deniz Jaspersen wusste bereits auf 2 Konserven zu überzeugen („Atzelgift“ und „Das wird alles einmal dir gehören“) und hatte das ansonsten ja oft träge OWL-Publikum in Windeseile im Griff. Selten eine Vorband gesehen, die nahezu die gesamte Zuschauerschar so in den Bann ziehen konnte und geradezu frenetischen Jubel provozierte. Was neben der Mischung aus intelligenten Texten und mal rockig mal fragilen Gitarrenklängen nicht zuletzt am sehr sympathischen Auftreten der Jungs lag. Deniz erinnerte mich ein ums andere Mal an Pro7-Tausendsassa Elton, mit etwas weniger Leibesfülle aber mehr Witz. Er gefiel sich in spaßigen Rockstarposen (wie etwa beim Rausschmeißer „Krieg“), flirtete aber auch charmant-unbeholfen mit dem Auditorium, wenn er beispielsweise seine Bielefeld Jokes unters Volk bringen wollte. 35 Minuten beste Unterhaltung und wer mehr will, darf sich auf einen weiteren Auftritt in Ostwestfalens Metropole im Januar 2011 freuen!

Setlist HERRENMAGAZIN (ohne Gewähr)
Atzelgift
Erinnern
1000 Städte
In den dunkelsten Stunden
Alle sind so
Früher war ich meistens traurig
Lnbrg
Keine Angst
Krieg

Nach einer angemessenen Pause war der Boden bereitet für die Wahl-Berliner WIR SIND HELDEN, die Ende August ihr viertes Album mit dem Titel „Bring mich nach Hause“ veröffentlicht haben. Dieses erreichte aus dem Stand Platz 1 in den deutschen Charts (wie auch „Von hier an blind“, die anderen beiden Longplayer liegen mit Position 2 nur knapp dahinter), von daher war der sehr gut gefüllte Ringlokschuppen keine große Überraschung. Das vorwiegend recht junge und zudem recht weibliche Publikum drängte nach vorne, um einen Blick auf die simple aber sehr effektiv dekorierte Bühne zu erhaschen. Stilisierte Blätter hingen von der Decke, welche im Zusammenspiel mit den Lichtprojektionen ein sehr imposantes Schauspiel boten. Manchmal wie ein kräftiger Herbststurm wirkend, dann wieder eher romantisch/ melancholisch angeleuchtet, perfekt harmonierend mit der Setlist der 6-köpfigen Truppe. Der eigentliche Kern der Band (neben Judith H. noch ihr extrem bärtiger Ehemann Pola am Schlagzeug sowie Jean-Michel Tourette rechts und Mark Tavassol links vorne) wurde unterstützt durch 2 Herren im Hintergrund an Bass, Melodica, Percussion etc. Und von Anfang an keine Spur von Herbstmüdigkeit oder etwaiger Arroganz bei den Helden. Frau Holfelder war zwar merkbar erkältet, bot aber dennoch bis zum Ende eine mehr als zufriedenstellende Performance und auch die Interaktion mit dem Besuchern war so lebhaft wie unterhaltsam. Egal ob es um merkwürdige Spiegelbilder ging oder die Erinnerung an ein Konzert im altehrwürdigen PC69 vor sage und schreibe 5 Zuschauern (von denen anscheinend sogar 2 anwesend waren). Immer wieder wurde betont, dass auf dieser Tour diverse Hörerwünsche erfüllt würden und so war die Setlist mehr als ausgewogen und enthielt auch genügend ältere Klassiker aus den Anfangstagen. Insbesondere das mitreißende „Aurelie“ oder das schräg betitelte „Rüssel an Schwanz“ konnten hier begeistern, im Grunde wurde aber jeder einzelne Song abgefeiert. Die Hits „Guten Tag“, „Von hier an blind“, das hochmelodische „The Geek…“, das hektische „Endlich ein Grund zur Panik“ oder der aktuelle Titeltrack, der sich auch im Soundtrack von Lars Kraumes Film „Die kommenden Tage“ befindet. Herr Tourette bediente wahlweise Gitarre, ein mit Fliegenpilzen verziertes Keyboard oder zur Freude der Anwesenden auch mal ein Akkordeon, Judith schnallte sich hin und wieder eine Langaxt um und Pola wurde von seinen Mitmusikern zu einer kauzigen Tanzeinlage „gezwungen“. Alles bestens also und als die Meute zum Abschluss des regulären Sets minutenlang den Refrain von „Denkmal“ intonierte, war die erfolgreiche Messe eh schon gelesen.

Doch das sollte noch nicht alles gewesen sein. Da es „hinter der Bühne eh zu kalt sei“, kam die Formation natürlich noch mal nach vorne, um immerhin 2 Zugabenblöcke zu präsentieren. Das grandios getextete „Wolf und Brigitte“ wurde nur noch übertroffen vom treibenden „Nur ein Wort“ und dem geradezu progrockig ausufernden Outro „Let The Sun Shine“, das heftiges Gitarrengegniedel zu bieten hatte. Grandios dieses Spiel auf der Klaviatur der Gefühle. Zu Beginn von Verlängerung 2 machten wir uns langsam auf den Heimweg, es waren zu diesem Zeitpunkt bereits 120 Minuten Helden-Musik vergangen, die wie im Flug vergangen waren. Keine Spur von Müdigkeit, keine Spur von Routine. WIR SIND HELDEN mögen zwar nicht die härtesten oder die agilsten oder die nahbarsten Musiker sein, aber in dem, was sie verkörpern, sind sie ganz einfach einzigartig. Geist und Gefühl in perfekter Symbiose, was in Kombination mit der Klasse-Vorband einen sehr gelungenen Konzertabend bedeutete. Gekommen um zu bleiben… auch über 2010 hinaus!

Setlist WIR SIND HELDEN (ohne Gewähr)
Was uns beiden gehört
Von hier an blind
Wenn es passiert
Echolot
Die Zeit heilt alle Wunder
Alles
Bring mich nach Hause
Du erkennst mich nicht wieder
The Geek (Shall Inherit)
23.55: Alles auf Anfang
Endlich ein Grund zur Panik
Streichelzoo
Aurélie
Guten Tag
Denkmal

Die Ballade von Wolfgang und Birgitte
Rüssel an Schwanz
Nur ein Wort
Im Auge des Sturms/ Let The Sun Shine

Nichts, was wir tun könnten
Bist du nicht müde

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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