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WIR SIND HELDEN – ONE-TWO

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 31.03.2008

Neuen Streckenrekord Osnabrück-Bielefeld aufgestellt, gefreut, doch noch pünktlich zum angekündigten Konzertbeginn um 20.30 Uhr im Ringlokschuppen zu sein und dann feststellen müssen, dass die Vorband schon spielt… So ist es mir leider ergangen, da dummerweise der WIR SIND HELDEN-Support ONE-TWO aus Frankreich bereits um 20.00 Uhr loslegte. Die beiden Bands waren bereits im letzten Herbst gemeinsam unterwegs und nun durfte auch der annähernd ausverkaufte Ringlokschuppen der Pariser Electro-Popper ansichtig werden.

Hinter ONE-TWO verbergen sich Frédéric Beucher und Séverin Tézemas du Montel, die Live-Verstärkung durch die Herren Mathias, Sebastien und Axel erhielten. Mit im Gepäck hatten sie ihr just erschienenes zweites Album „The Story of Bob Star“, nach eigenem Bekunden eine Powerpop-Oper über die fiktive Geschichte eines Durchschnittsbürgers. Bob Star nennt sich dieser verheiratete Mann, der seiner Leidenschaft folgt, seine Frau betrügt und mit der verführerischen Annie Mall eine verhängnisvolle Beziehung eingeht. Mit „Bob Star“ ging es dann auch – ohne mich – los. Es schlossen sich drei Songs vom 2006er Erstling „Love Again“, bevor auch ich zu „Something In My Mind“ mit von der Partie sein durfte. Wie es schien, hatten sich die Bielefelder bereits hervorragend amüsiert und klatschten auch das swingende „Annie Mall“ für ostwestfälische Verhältnisse erstaunlich euphorisch mit. Besonders rhythmisch ging’s mit dem etwas schrägen „Seated By“ weiter, dann schloss sich dank „Oh Yeah, Alright“ ein weiterer flotter Song mit knackigem Sound an. Blieb noch „O-hot Brain“, das ebenfalls ins Bein ging und meinen Ärger, dass ich 40 % des gelungenen Auftakt des HELDEN-Abends verpasst hatte, noch mal schürte.

Setlist ONE-TWO (ohne Gewähr)
Bob Star
Heady Melody
Emma Needs A Love Song
Pretty-pretty
Where’s My Head At
Something In My Mind
Annie Mall
Seated By
Oh Yeah, Alright
O-hot Brain

Aber der Hauptact lag ja noch vor mir und nach einer kurzen Umbaupause ertönte das Intro zur „(Ode) an die Arbeit“, während die Bühne noch in absoluter Dunkelheit lag. Lange sollte es jedoch nicht dauern, bis die Stage im hellen Licht erstrahlte und Fronterin Judith Holofernes mit ihren Mannen loslegte. Auch die Fans benötigten keine lange Aufwärmphase mehr und klatschten bei „Endlich ein Grund zur Panik“, das ebenfalls vom letzten Album „Soundso“ stammte, begeistert mit. Sehr schön auch die Falsett-Einlage von Drummer Pola Roy (mit Frau Holofernes verheiratet, seit Ende 2006 sind die beiden auch Eltern eines kleinen Jungen). Nach diesem krachenden Start wurde es mit „Von hier an blind“ vom bislang erfolgreichsten HELDEN-Longplayer gleichen Namens aus 2005 etwas ruhiger, wenngleich nicht weniger Drive in der Luft lag. Zur „Heldenzeit“ vom 2003er Debüt „Die Reklamation“ ließen die HELDEN mit dreiköpfiger Bläserunterstützung auch schon wieder die Puppen tanzen. Dem Tanzen widmete sich dann auch Judith beim folgenden „Gekommen um zu bleiben“ ausgiebig. Hier legte sie erst einmal ihre Gitarre zur Seite, damit sie sich besser im Stil der goldenen Zwanziger Jahre bewegen konnte, während auf der riesigen Leinwand Videos mit ebenfalls tanzenden Füßen liefen. Das Ganze wurde von der Bläserfraktion perfekt und mit Schmackes untermalt. Überhaupt war der WIR SIND HELDEN-Live-Sound phänomenal. Abgesehen von den Trompeten und dem Saxofon überzeugten auch Jean-Micheal Tourette an der Gitarre, Mark Tavassol am Bass und der bereits genannte Pola hinter der Schießbude genauso wie die liebreizende Judith im etwas seltsamen Outfit aus kurzer Latzhose zum grüngemusterten Shirt) mit einfallsreichen Variationen ihrer Songs. Dazu gab es noch eine ausgefeilte Licht- und Videoshow, die zu „Wenn es passiert“ Röntgenbilder wie man sie vom Flughafen-Sicherheitsscheck kennt, auf die Leinwand brachte. Mit „Lass uns verschwinden“ kehrte ein wenig Melancholie Einzug im Ringlokschuppen ein, sehr schön visualisiert durch die Schattenrisse der Band im Hintergrund. Zu „Kaputt“ verwandelte sich die Projektionsfläche in ein blinkendes Lichtermeer und auch den Seitenwänden prangten Lichtprojektionen. Die Anfangssequenz von „Echolot“ hatten WIR SIND HELDEN sehr atmosphärisch gestaltet. Der Song hatte zu Beginn einen psychedelischen Progrock-Charakter, der sich energiegeladen austoben sollte und vom Auditorium begeistert begleitet wurde. Zu „Ist das so?“ stellte Judith den Bandzuwachs an den Blechinstrumenten vor. Die Hannoveraner durften jetzt auch mal nach vorn kommen und eine weiteres, sehr gelungenes Beispiel ihres Könnens abgeben, das schließlich ein einem Jazz-Happening endete, wie es die HELDEN von ihrem Bläsertrio schon von vor dem Frühstück kennen. Rockbeat und Jazz fanden alsbald Verschmelzung im groovigen „Müssen nur wollen“, zu dem ausgiebig gehüpft und mitgesungen wurde, bevor die charismatische Frontfrau der Zuschauerschaft die verschiedenen Möglichkeiten der Interaktion erklärte. Sie machte Korallenriffe, Scheibenwischer, geballte Fäuste, Klatschen auf den Rhythmus von „Just Can’t Get Enough“ von DEPECHE MODE und sehr komplexe Bewegungsabläufe (die aber auch durch einfaches Hüpfen ersetzt werden konnten) vor, was vom Publikum alles gelehrig umgesetzt wurde, so dass der nächsten Nummer nichts mehr im Wege stand. Dazu wurde das Publikum in der Mitte geteilt und die eine Hälfte durfte „Die Konkurrenz“ singen, während der Rest „schläft nicht“ antwortete. Natürlich sollte das Procedere möglichst laut vonstatten gehen und die Bielefelder schlugen sich durchaus wacker. Nach vollzogener Wiedervereinigung des Publikums, forderte Judith nach so viel Konkurrenzdenken zum Herzen und Küssen auf, was sogleich von Pola und Mark in die Tat umgesetzt wurde, die sich erst einmal ein Küsschen gaben. Nun war jedoch noch die Frage zu klären, ob Pola zum kommenden Stück langsam einsteigen oder gleich Tempo machen solle. Man entschied sich für die Full Speed-Variante, so dass „Guten Tag“ gleich in die Vollen gehen konnte. Damit war im alten Gemäuer erst einmal Party angesagt. Optisch wurde die erste Single aus 2003 derweil mit großen Lettern des Textes begleitet. Musikalisch gab’s einen sehr coolen Instrumentalteil – insgesamt eine Darbietung, die auch mich restlos überzeugt hat, obwohl ich den Song als Konserve nur eingeschränkt mag. Ganz offensichtlich haben die HELDEN Spaß daran, ihr Publikum ins Geschehen einzubeziehen. Als nächstes wurde nämlich ein Kamerakind gesucht, das dieses Mal Jean aussuchen durfte. Die Wahl fiel auf David, der nun die Performance von „Aurelie“ in bester „1, 2 oder 3“-Manier auf die Leinwand brachte. Langsam aber sicher verwandelte sich der Ringlokschuppen in einen Hexenkessel, wozu auch Marks Mundharmonika-Einsatz oder das angespielte „Why Can’t I Be You?“ von THE CURE und das „Careless Whisper“-Saxofonspiel beitrugen. Wie im Fluge war so die Zeit vergangen und schon nahte das letzte Lied: „Nur ein Wort“ sollte zum Höhepunkt der Show werden, hier konnte niemand mehr still stehen oder nicht mitsingen und an ein Ende war nach diesen 80 Minuten natürlich überhaupt nicht zu denken.

Also kamen die HELDEN umgehend aus der Versenkung zurück, was mit „Du hast die Haare schön“-Gesängen für Pola belohnt wurde, wofür dieser sich wiederum mit laszivem Schütteln seiner schwarzen Mähne bedankte. Den Zugabenblock eröffneten sie mit dem MONEYBROTHER-Song „Blow Him Back Into My Arms“, den Judith wunderbar ruhig interpretierte. Mit dem Schweden hatte die Berlinerin übrigens ein Duett für seine aktuelle Platte „Mount Pleasure“ gesungen, offensichtlich sind auch die übrigen Bandmitglieder angetan von seiner Musik. Mit „Ein Elefant für dich“ blieb es kuschelig, dann unterbrach Jean die Schmusestimmung mit einem Metal-Gitarrensolo, welches „Soundso“ einläuten sollte. Gelegenheit für die Zuschauer, nochmals lauthals mitzusingen, bevor PETER GABRIELs „Sledgehammer“ tatsächlich das letzte Stück ankündigte. Zur WIR SIND HELDEN-Hyme „Denkmal“ zeigte sich Ostwestfalen abermals textsicher und der ein oder andere wird sich noch mal in schwarz-weiß auf der Leinwand wiedergefunden haben, da erneut Publikumsimpressionen aufgenommen wurden.

Das emotionale Ende eines grandiosen, fast zweistündigen Konzertes, mit dem die HELDEN jede Menge Spielfreude und Fannähe bewiesen haben. Wer hier nicht auf seine Kosten gekommen ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Ich habe allerdings auch nur in zufrieden und selig lächelnde Gesichter gesehen – ein rundum gelungener Abend also, sieht man mal von meinem anfänglichen Zeitdruck ab – was jedoch nicht mehr als ein Einzelschicksal ist, welches ich verwunden habe.

Setlist WIR SIND HELDEN
(Ode) an die Arbeit
Endlich ein Grund zur Panik
Von hier an blind
Heldenzeit
Gekommen um zu bleiben
Wenn es passiert
Lass uns verschwinden
Kaputt
Echolot
Ist das so?
Müssen nur wollen
Die Konkurrenz
Guten Tag
Amelie
Nur ein Wort

Blow Him Back Into My Arms (MONEYBROTHER-Cover)
Ein Elefant für dich
Soundso
Denkmal

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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