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WIRTZ – MÄNNERURLAUB

Ort: Hamburg - Logo

Datum: 04.05.2008

„11 Songs – 30 Guitar Changes…“

What can i say? Daniel Wirtz war mir bis vor kurzem völlig unbekannt. CD erhalten, Begleittext gelesen: Sänger von SUB7EVEN?! Die deutschen Alternative-Rocker habe ich ja immer geflissentlich übersehen, da ich immer an Tracks wie „Weatherman“ denken musste und „Free your mind“ mit EN VOGUE war ja auch, freundlich ausgedrückt, eher vernachlässigbar…

Umso überraschter musste ich feststellen, dass mir die Debüt-Solo-CD des Herrn Wirtz außerordentlich gut gefiel. Da hat doch jemand seine Grunge-Lektionen gelernt und diese obendrein auch noch mit Melodien veredelt, die einem den ganzen Tag im Kopf herumschwirren („Mon Amour“, ich spreche von Dir!). Da sich die deutschen Texte ebenfalls recht unpeinlich (bis auf ein, zwei kleinere Ausnahmen) in das Gesamtbild einfügen, wurde doch glatt die Gelegenheit ergriffen, sich die Show des tätowierten Melo-Rockers anzuschauen, und ich muss sagen: Der gute Mann hat mich mehr als überzeugt!

Bevor es aber soweit war, musste man erst einmal einen etwas unpassenden, sehr jungen Support-Act namens MÄNNERURLAUB überstehen. So hart wie es klingt war es eigentlich nicht, aber die Kieler Jungs sollten doch vielleicht noch etwas professioneller werden und die eine oder andere Abi-Fete mehr bespielen. Das hat doch etwas oft arg geholpert (der Bass!), auch wenn diese Mankos mit juveniler Chuzpe wieder ausgebügelt wurden. Musikalisch also klassisches Fun-Punk-Territorium mit jugendlichen „Sturm und Drang“–Lyrics. Wenn man es aber nett mit den Jungspunden meint (und das meinen wir es natürlich) könnte man aber auch sagen, dass sie ihre Lektion bei den frühen DESCENDENTS gelernt haben (auch wenn die Band da wahrscheinlich noch mit einer Blechtrommel um den Weihnachtsbaum gerannt ist).
Also weitermachen, wir mussten alle unsere Lektionen lernen…

Nach der Umbauphase war es soweit und Daniel Wirtz betrat die Bühne, des für einen Sonntag bombastisch gefüllten Clubs und ließ vom ersten Ton an keine Zweifel, dass er es wirklich ernst meint. Der überraschend fragil erscheinende (und überdies hübsche Musiker, wenn man den Worten meiner weiblichen Begleitung trauen darf) punktete von Beginn an mit seinem sympathischen Auftreten und einer absolut warmen und einnehmenden Grunge-Röhre, die ich so das letzte Mal vor gefühlten zehn Jahren in dieser Klasse gehört habe. Das Publikum hing vom ersten Ton an seinen Lippen und war erstaunlich textsicher. So kannte man in der ersten Reihe jeden Zuschauer die Texte rezitieren sehen, meist mit verschlossenen Augen. So war es denn auch ein einfaches, den Background-Chor bei „Mon Amour“ in die Hände (und Münder) des Publikums zu legen, die diese Aufgabe bereitwillig und voller Inbrunst wahrnahmen. Auch verwunderlich welch verschiedene Persönlichkeiten WIRTZ im Publikum vereint: Vom jugendlichen Iro-Punker bis zum Wolfgang Petry-Fan war alles auszumachen, auch wenn die Mehrzahl der Fans zu der etwas gestandenen Alternative-Rocker-Fraktion zählte. Aber was wirklich zählt, ist die freundliche Atmosphäre unter den Besuchern und diese wissen WIRTZ schon früh mit ihrer positiven Stimmung aus der Reserve zu locken. So gab sich der gute Mann sehr erfreut, dass seit dem letzten Auftritt in der Prinzenbar jetzt endlich mehr Menschen vor als auf der Bühne sind. Ebenso berichtet er davon, wie es ist alles in eigenen Händen zu halten: “Ich kann ja schlecht von meinem eigenen Label gedroppt werden…“ gibt er unter ironischem Grinsen zu Protokoll. In einer anderen Sache kann er sich ebenfalls glücklich schätzen: Seine Backing-Band ist der Hammer!

Kai „Keile“ Stuffel an der Gitarre und Christian Adameit am Bass entstammen beide der Hamburger Formation KINGS AND KILLERS (die man unbedingt im Auge behalten sollte!) und sind, gelinde gesagt, wahre Ausnahmemusiker. Das groovte und rockte an jeder Ecke und selbst die Backing-Vocals waren kongenial umgesetzt. Alle Achtung meine Herren! Christoph „Fifa“ Liening am Schlagzeug überzeugte aber ebenfalls mit seinem „David Abbruzzese“ Drumming-Style. Gespielt wurden natürlich alle 11 Songs des Albums, die live alle noch eine spur authentischer und voller klangen und wirklich an die Glanzzeiten von PEARL JAM, STONE TEMPLE PILOTS und ALICE IN CHAINS erinnerten. So gab es denn auch nach dem regulären Set einen erstmals unbemützten Daniel Wirtz zu bestaunen und passend dazu ein Cover des STP-Klassikers „Dead and bloated“ vom Erstling „Core“ (als Brendan O´Brien noch Platten produzieren konnte und nicht, wie auf dem aktuellen SPRINGSTEEN-Album geschehen, einen einzigen übersteuerten Sound-Matsch zusammenschraubt). Ich habe mich darüber natürlich wie Bolle gefreut, musste aber nach einem Blick in die Runde feststellen, dass sich in den Gesichtern der jungen Zuschauer meist nur ein Fragezeichen finden ließ. Verdammt! Man ist doch ein alter Sack… Jedenfalls hat Scott Weiland seit Jahren nicht mehr die Klasse erreicht, in der Herr Wirtz diesen Song zum Besten gab. Es folgte noch ein „12 Zeuge“ namens „Leb´ Wohl“, der den anderen Songs in nichts nachsteht, sowie eine Akustik-Version von „Ne Weile her“, die noch um einiges intensiver, als die gerockte Version daher kam.

Damit hatte WIRTZ nun aber wirklich all sein Pulver verschossen und bedankte sich überschwänglich und war sichtlich gerührt, ob der herzlichen Reaktionen. Zusammen mit der Band verbeugte sich einer der wenigen richtigen Unikate der deutschen „Rock“-Szene und sorgte für einen mehr als würdigen Abschluss eines einnehmenden Auftritts. Man sah nur zufriedene Gesichter und Hamburg hat wieder einmal bewiesen, dass es allen Unkenrufen zum Trotz in der Lage ist, eine richtige Party zu feiern. Thumbs up!

Copyright Fotos: Michael Päben

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