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WITH FULL FORCE 2009 – TAG 3

Ort: Löbnitz bei Leipzig

Datum: 05.07.2009

Nachdem das Aufstehen nun immer schwieriger wird, die Zeltnachbarn sich immer unverschämter benehmen und die Alkoholopfer immer höher gestapelt werden, ist es endlich Zeit, zurück zur Bühne zu kehren. Heute steht zu Beginn ein ganz besonderer Act auf der Bühne!

Wo vor einem Jahr Mambo Kurt für ausgelassene Belustigung sorgen konnte, wurde dieses Jahr die Position von ELSTERGLANZ ergriffen!!! Wie, kennt ihr nicht? Kleiner Tipp: Ramboverarsche „Der beste Koch der Welt“, das Youtube-Video, das auf allen Partys und in allen Tourbussen hoch und runter läuft und mit Aussprüchen wie „Wir essen Eier jerne“ für einen fetten Lachkasper zu sorgen weiß. Doch wie viele nicht ahnen, die Jungs, die eine Vorliebe für das Synchronisieren von Filmszenen haben, lassen auch manchmal musikalisch ihren Dampf ab. Für 2009 keine Tour angesetzt, kommt man doch auf dem With Full Force in den Genuss, die beiden Blödelsäcke live zu erleben – für viele das erste Mal!!! Bereits 10 Minuten vor Beginn ist die Bühne so pralle voll, wie es teilweise manch eine Band auf dem Last Supper nicht schaffen sollte. Wahnsinn! Die erste Reihe erhält eine nette Dusche, bevor die beiden Nobelpreisträger mit ihrer Schwalbe auf die Bühne gefahren kommen. Auf den Brettern stehen bereits zwei Backöfen bereit, die rhythmisch ihre Pyros aus den Herdplatten pfeffern – ein Segen für die Lachmuskeln und der Kater ist komplett vergessen. Serviert wird eine Show, die aus Metal, Müll und Spaß pur besteht (die Fans, Kumpel wie sie sind, spendieren das Klopapier und die DDR-Fahne).

Zwischen den ulkigen und delikaten Blödelsongs wie „Die Mutter von James Bond“ (Melodie von „Alles nur geklaut“), erfreuen uns die Jungs mit Sprüchen der Marke „Hast du ne Macke wir sind doch nicht auf dem Fußballplatz!!! Nüscht kanner. Dein Opa konnte schon nüscht und sein Opa, der konnte erst recht nüscht…!!!“ Mit Hula Hoop Reifen, Badeanzügen und Putzkitteln auf der Bühne und einer merkwürdigen Kombination aus Polonaise und Circle Pit kann dieser Tag gar nicht besser starten. Mit „Hunger bis Tod“ wird uns der erste Song, der je von ELSTERGLANZ geschrieben wurde, präsentiert. Legendär! Noch dazu gesellt sich das wohl brutalste und ehrwürdigste Gitarrensolo des ganzen Force – es quietscht und schnarrt wie das eines Schülers in seiner ersten Lehrstunde – wie eine Wuchtbrumme!!! Der Ringrichter muss vermitteln, bevor der letzte Song des „Abends“ angekündigt wird. Ein Fan hinter mir weiß es ganz genau: „Kaputtschlaahn!!!!“ Und so soll es sein. Die Fans glänzen in ihren besten Party- und Hüpfkünsten während Sveni und Gilli die Bühne auseinandernehmen…und sie leider mit ihrer Schwalbe (und einem kleinen Crash) wieder von dannen fahren. Was für ein genialer Auftakt! Die Fans singen noch minutenlang vom Cottbusser Postkutschkastenkutscher und dem Bäcker, der ohne Fleisch bäckt.

Nach soviel Spaß sollte es mit SCARAB wieder ernster. Neben NERVECELL sind SCARAB die zweite Exotenband, denn die Herren stammen aus dem idyllischen Kairo. Wer auf Knüppel-Aus-Dem-Sack-Musik steht, der ist hier genau richtig. Nur schade, dass wie bei den Kollegen aus Dubai keine einheimischen Elemente in die Musik einfließen, sondern x-beliebiger Death Metal durchgeprügelt wird. Aber das scheint bei 30 Grad Celsius überraschend gut anzukommen, denn nachdem nach ELSTERGLANZ der Platz zunächst wie ausgestorben wirkte, füllt sich der Bereich vor der Bühne im Laufe der Show. Die ist jedoch völlig unspektakulär – vielleicht sind die Ägypter auch nur ein wenig nervös und konzentrieren sich daher auf ihre Instrumente, statt das Publikum anzuheizen. Was soll’s – Death Metal-Fans kommen auf ihre Kosten, während sich der Rest wie im Backofen fühlt.

Und es wart ein neuer Stern am Metalhimmel geboren, als sich 1997 Drummer Tobias Graf, Gitarrist Sebastian Reichl und Sänger Johannes Prem über den Weg liefen und 1998 mit Hans-Georg Bartmann am Bass das erste stabile Line Up von DEADLOCK bildeten. Mit einigen Besetzungsänderungen und der Aufnahme von Sabine Wenige – dem wahrlich größten Gewinn – wurden sie zu dem, was sie heute sind. Ein Kandidat, der es auf den feuerfesten Metal-Thron abgesehen hat. Hatte der Acker stimmungstechnisch unter SCARAB gelitten, kommen sie nun alle angerannt. Warum wird mir schon nach kürzester Zeit klar. Mit einer eingängigen Mixtur aus shoutenden Growls, niederschmetternder Härte und griffigen Melodien, gesungen von einem elfengleichen Stimmorgan, fahren unsere Ohren Loopings. Stilistisch erinnert ihr Melodic Death Metal stellenweise an LACUNA COIL, nichtsdestotrotz mit ganz eigenen Gewürzen gekocht, was sich zum Beispiel auch an teilweise technoiden Beats sichtbar macht. Im Sinne von ELSTERGLANZ muss ich betonen, dass man wohl alles kaputtschlaahn sollte, in dem kein Fleisch drin steckt. Und wer auf dieser Welt würde annehmen, dass aus einem Veganer ein richtiger Metaller werden könnte, geschweige denn eine ganze Metal-Band? Die süddeutsche Truppe von DEADLOCK ist der lebende Beweis, so zeigen sie, dass ihre Fleisch- und tierische Produkte verneinende, straight-edge Lebensweise ganz eigene dynamische Kräfte freisetzen kann. Die Reaktion des Publikums kann dem nur zustimmen und so wird die Keule ausgepackt und blutrünstig über den Acker geschwungen. Fazit der Musikpolizei: Die werden mal groß!

Und weiter geht der nachmittägliche Spaß: RAUNCHY. Bereits auf der letzten VOLBEAT-Tour quälten mich die Dänen mit ihrem 08/15-Metalcore. Aber wer seinen Stil mit „Futuristic Hybrid Metal“ beschreibt, dem fällt eh nix mehr ein. Genau wie es erwartet habe, läuft jeder Song nach dem gleichen Muster ab: Gegrunzte Strophe von Sänger Kasper und cleaner (megaklebriger und langweiliger) Refrain von Keyboarder Jeppe. Das geht beim zweiten Song schon so auf die Nerven, dass man hier nur Verschwinden mag. Mögen die Strophen noch halbwegs erträglich sein, so geben mir die Refrains echt den Rest. Ich bin sprachlos, wie man mit so wenig Talent so einen Slot bekommt. Hier gibt es einen fetten Strafzettel von der Musikpolizei. Zum Glück bin ich mit meiner Meinung nicht alleine, denn das Gelände leert sich im Laufe der Show beträchtlich.

Kommen wir nun zu einer Verschmelzung in Sachen Szene-Helden. Was ergibt eine Kombination aus Phil Anselmo, Rex Brown (PANTERA), Jimmy Bower (EYEHATEGOD), Kirk Windstein (CROWBAR) und Pepper Keenan (C.O.C.)? Eine steinharte und tonnenschwere Combo namens DOWN! Und ab dafür… Schon beim Opener „Stone The Crow“ geht den Leuten vor Begeisterung augenblicklich der Hut hoch. Ach Quatsch mit hochgehen – weg mit dem Stofffetzen, es muss ordentlich gebangt werden! Es ertönt eine musikalische Einheit mörderischer Powerriffs von PANTERA, dem Doom Metal von EYEHATEGOD und CROWBAR plus Hardcore von C.O.C. – eine perfekte Verbindung, die sich nichts anderes als Knüppeln zum Ziel gesetzt hat. Während der Pöbel obszöne Bumsaufkleber verteilt, wird auf der Bühne dreckiger schlachtender und feingeschliffener Südstaatenrock auf die Bühne gehämmert. Nachdem Klassiker wie „New Orleans Is A Dying Whore“ zum Besten gezockt wurden, legt sich Sänger Phil Anselmo das Mikrokabel um den Kopf und scheint am Ende zu sein. Doch anstelle von Depression und Asphyxiopholie gibt es nun eine Wunschparade. LED ZEPPELINs „Stairway To Heaven“ wird vertont, die Presse spielt Flaschengitarre, wir bedanken uns für diesen Auftritt…

Beschwingt machen wir uns nun weiter ans Werk mit SOCIAL DISTORTION, welche auf dem diesjährigen With Full Force ihr 30. Bandjubiläum feiern. „Wie alt die wohl sein mögen???“ höre ich es hinter mir nuscheln. Und Recht hat man, betagt mögen die Herren wohl sein, doch welche negative Konsequenz kann man daraus wohl ziehen, wenn man einen gewaltigen Rucksack voller Erfahrungen herumschleppen kann? Richtig – keine! Mit zarten 17 Jahren gründete Frontmann Mike Ness damals 1979 die Band. Das erste reguläre Album „Mommy’s little Monster“, welches 1983 den Straßenhimmel erblickte, gilt als ein bahnbrechender Meilenstein in der Geschichte der amerikanischen Punkrock-Bewegung. Heute zählen die Amis ganz klar zu den Königen der Punkrockbands. Ihr Stil aus Rock’n Roll, Rockabilly, Blues und Country rotzt all den Ackerdreck weg, der sich in letzter Zeit angesammelt hat. Das ist Gitarrenpunk mit wahrlich Seele im Blut. Doch der Funke springt nicht über – in meinen Augen eine absolute Schande. Wer aufmerksam hinschaut, bemerkt, dass die ersten Reihen (die sich bereits den heißersehnten Platz für MOTÖRHEAD erkämpft haben) sogar gegen eine Bewegung infolge des leichten Windhauchs resistent sind. Mike denkt, Reden ist Gold und versucht es mit der Gesprächstherapie. Doch leider kann ihm niemand folgen. So nuschelt und brabbelt er zusammenhangloses Zeug zusammen, dass sogar das sonst so neugierige Rotkäppchen lieber auf ihrem Weg verharrt. Einige Punker lassen mich dagegen wieder an eine gerechte Welt glauben und verlieren bei dem ehrwürdigen „Don’t Drag Me Down“ oder der Interpretation von JOHNNY CASHs „Ring Of Fire“ vor Euphorie und Unbeschwerlichkeit sogar ihre Hosen – das nenn ich wahre Anhängerschaft. Als Zugabe rieseln das im Original von Hank Williams vertonte „Alone And Forsaken“ und das blues-rotzige „The Story of My Life“. Erreichte Höchstleistung, so weitermachen!!!

Es ist Zeit, Kollege Enrico wieder sprechen zu lassen: Nach so viel Kaffeefahrtmusik ist es nun Zeit für eine deftige Prise Rock n’ Roll. Und wer kann uns das am besten liefern? Klar, nur ein Lemmy Kilmister. Und weil jeder weiß, was man an diesem Urgestein hat, ist der Bereich vor der Bühne auch rappevoll, was Sonntagabend nicht immer der Fall war. So mussten SLAYER vor zwei Jahren mit weniger Fans auskommen. Doch Lemmy muss zunächst erstmal seinen Whiskey austrinken, daher verzögert sich der Start der Show um einige Minuten. Bei Lemmy drücken wir da gerne ein Auge zu. Dann ist es aber soweit. „Guten Abend – We are MOTÖRHEAD and we play Rock n’ Roll!“ Mit „Iron Fist“ legen Lemmy, Phil und Mikkey D. traditionell los. Was soll ich eigentlich zu einem MOTÖRHEAD-Konzert sagen? Jeder, der auch nur einmal eine Show der Götter gesehen hat, weiß, was sich hier auf dem Acker abspielt. Nach „Stay Clean“ wird mit „Be My Baby“ der erste neuere Ton angespielt. „Is It Loud Enough?“ Mit „Rock Out“ wird es dann ganz frisch – wobei dieser Song wohl der einzige Titel des aktuellen Albums „Motörizer“ werden wird, der langfristig in die Live-Setlist rutschen wird. Es folgen Klassiker wie „Metropolis“, „Over The Top“ und ein nettes Gitarrensolo von Mr. Campbell. Leider ist der Sound heute nicht das Gelbe vom Ei, was den unbegrenzten MOTÖRHEAD-Spaß nur bedingt einschränkt. Was gibt es besseres als ein MOTÖRHEAD-Konzert mit einem frischen Bier in der Hand? Mit „When The Eagles Screams“ folgt sogar noch ein zweiter Track des aktuellen Albums, bevor nach „Another Perfect Day“ das obligatorische „In The Name Of Tragedy“-Spektakel (inklusive herrlichem Drum-Solo von Mikkey D.) ansteht. Nach „Going To Brazil“ und „Killed By Death“ (feat. Nina C. Alice von SKEW SISKIN) ist erstmal Feierabend. Doch zwei Songs fehlen natürlich noch und so kehren die Briten und der Schwede ein letztes Mal zurück. Mit „Ace Of Spades“ und „Overkill“ geben sie der Hauptbühne den Gnadenstoß und verabschieden sich nach einer ordentlichen Show von ihren Fans.

Das Programm der Mainstage ist ausgeschlachtet. Das With Full Force 2009 nähert sich dem Ende. Doch keiner verlässt das Haus, ohne ein Betthupferl einzunehmen! Somit verziehen wir uns nun in die Tentstage, die ein ultraleckeres Buffet aufgereiht hat: END OF GREEN, MY DYING BRIDE und ANATHEMA! Genialer könnte es in meinen Augen nicht enden…

Los geht der saftige Endspurt mit den Stuttgarter Jungs von END OF GREEN, deren Auftritt dank der Verspätung von MOTÖRHEAD zu Beginn nur mau gefüllt ist. Präsentiert wird hier düster-melancholischer weltschmerzender Goth Rock, solide in Szene gesetzt von Sänger Michelle Darkness. Live jedes Mal absolut überzeugend!!! Die Kombination aus erdiger Verbitterung und samtigweicher Sehnsucht nimmt mich so in Gefangenschaft, dass mir beim pumpenden „Demons“ vor Bewegungslosigkeit der Kuli aus der Hand fällt. Schade nur, dass der Rest des Publikums infolge der letzten drei Tage absolut abgebrannt rumliegt oder vor sich hinvegetiert, denn Stimmung mag so recht leider gar nicht aufkommen, auch als nach dem Ende MOTÖRHEADs ein Teil der Meute in die Tentstage umzieht. Aber Profis lassen sich von so was natürlich nicht irritieren. So rocken END OF GREEN mit fesselnden Rockbrocken wie das zerrende „Die Lover Die“ (vom aktuellen Album „The Sick’s Sense“ stammend) feste den Staub aus den Ritzen und geben sich ihrem wunderschönen schwermutigen Dark Rock Klängen hin. Gefasst und zurückhaltend kommt der letzte Song des Auftritts das endlos geniale „Death In Veins“ daher, bevor er gefährlich und schleichend im Abgang für eiskalte Gänsehaut sorgen kann! Packender Auftritt!!!

Seid ihr bereit für die Hauptspeise und den mentalen Suizid? Heute Abend frisch aus
England eingeflogen und angerichtet in der Tentstage! Vorhang auf, es ist Zeit für MY DYING BRIDE. Die nun folgenden lapidar menschlichen Worte sind absolut unwürdig, um nur im Entferntesten das wiederzugeben, was uns bei diesem einstündigen Auftritt, welcher sich wie zehn Minuten anfühlte, geboten wurde. Wie keine andere Band auf diesem Planeten schaffen es diese Engländer einen eiskalten Sturm über sonnenerhitzte Acker wallen zu lassen, so dass sogar der Vodka in seinem Becher zu steinhartem Eis erfriert, während auf der anderen Seite das Blut in einem Lavakessel zum Wallen gebracht wird. Die Briten verströmen eine dermaßen unglaubliche Melancholie, dass allein der Gedanke an Depressivität lächerlich erscheinen mag. Dennoch, bei pathologischen Stimmungsschwankungen sei diese schönste Form des Doom Metals auf keinstem Fall als Therapiemöglichkeit einzusetzen, denn der Fenstersturz sei garantiert. Wer abseits dessen meint ketzerisch verkünden zu müssen, dass MY DYING BRIDE einschläfernd seien, wird skrupel- und erbarmungslos umgenietet! Atmosphäre pur wird hier versprüht, die Augen suchen hilflos und unermüdlich die Nähe von Sänger Aaron Stainthorpe, der über eine einzigartige Bühnenpräsenz besitzt. Mal stoisch dahinvegetierend und ins Leere apathisierend, mal geknickt auf dem Bühnenrand sitzend, dann wieder beide Arme in den Himmel ausstreckend und prophetisch die Zeilen seiner Songs verkündend. Mit dem aktuellem Album „For Lies I Sire“ in der Tasche wird uns direkt vom Schlachthof eine hausgemachte Frischfleisch-Platte der todtraurigsten und zerstörendsten Gefühle der Verzweiflung an den blutenden Hals geworfen, zusammen mit einem perfekt harmonischen Zusammenspiel von Aarons fragilem Gesang und den melodieführenden Saiteninstrumenten (natürlich nur von unglücklichen Tieren, denn das Schlachten von glücklichen Wesen ist wahrhaft grauenvoll). Der Last Supper sollte in Romance Supper umgenannt werden. So schwelgt das Publikum in einer perfekten Kombination aus leidenschaftlicher tiefst depressiver Melancholie mit zerreißenden Riffs und ordentlich bangbaren harten Parts voller donnernden Drums und walzender Bassgitarre – das Publikum besteht in diesem Moment einzig und allein aus musikalischer Erregung und wohligem Schauern. Perfekt zum Bangen und Kuscheln – ohne Zweifel. In seinem Rausch, in dem Aaron mit seinen warmen herzzerreißenden Vocals die Hauptrolle spielt, klopft ein Fan taktvoll auf eine dahergelegene Mülltonne ein Suicide Kommando. Eine Stunde Finsternis mit allen Wellenlängen des Regenbogens – ich bin komplett sprachlos…

Was für ein Brocken. Der muss wohl erst mal geschluckt werden. Leider gibt es dazu keine Möglichkeit, denn als nächstes steht das Dessert, die Fender-Heroen von ANATHEMA auf der Speisekarte – um fleißig Nachschlag wird gebeten. Um ehrlich zu sein, reißen mich schon die ersten Töne vom Opener „Fragile Dreams“ des aktuellen Albums „Handsights“ aus allen mentalen und körperlichen Verankerungen. Ihre Wurzeln ins Erdenreich des Doom Metals gestoßen, weiterentwickelt zu melodischem Alternative Rock, verspritzen die Briten mit süchtigmachenden romantischen Melancholie-Rockschinken ihr Gift ins Volk. Mit Fender Strats bewaffnet (von Metalheads auch gerne als Mädchenklampfen beschimpft) wird hier mit Abstand der gefühlvollste Sound des ganzen Force vertont und der kleine Rest des anwesenden Volkes, welches sich noch nicht vor Herz- und Welt- oder Magenschmerz vom Acker gemacht hat, sollte sich ganz fest am Stehnachbarn festkrallen, wenn er nicht in die himmlischsten Sphären, die er je erblicken durfte, abheben möchte – ein Crowdsurfer scheint sich auf den Weg dahin zumachen. Herzerreißende Keys, bombastische und niederschmetternd leidenschaftliche Soloeinlagen, zärtlicher als Menschenhände es sein könnten, legen sich über unsere Ohren, erschleichen sich den Zutritt in unsere Seelen und lassen diesen Moment einzigartig werden. Noch nie sind peinzerfressende innerste Qualen so schön gewesen. „Lost Control“, das MY DYING BRIDE gewidmet wird, kann gar nicht anders als auf diesen brennenden Zug der inbrünstigen sich hingebenden Passion aufspringen und sorgt wie alle anderen Stücke, mit Westerngitarre für Gänsehaut am ganzen Körper. Es ist der absolute Wahnsinn! Spätestens jetzt sollte allen unglücklich Verliebten der Knoten platzen: Wer seine Klampfe so streichelt, wie es von diesen Jungs vorgemacht wird, wird jedes Herz in einem Takt, einer Quinte oder einem Powerchord erobern. Als part-time-member Lee Douglas zusätzlich den Thron betritt, werf ich mein mentales Wörterbuch über den Haufen und gebe mich geschlagen. Diese überwältigende Meisterhaftigkeit, die hier mit „A Natural Disaster“ geboten wird, zerreißt mir Neuronen und Blutzufuhren. Der Mülltonnenrocker geht empathisch auf mich ein, auch ihn reißt es bei „Sleepless“ endgültig aus der Verfassung. Doch eine Zugabe ist glücklicherweise noch drin, so dass es mit dem PINK FLOYD Cover „Comfortably Numb“ noch einmal eine zuckersüße Nachspeise für alle regnet bevor wir nun endgültig ans andere Ende der irdischen Anwesenheit segeln. Ein genialerer Abgang ist nicht vorstellbar – da gibt es nichts zu diskutieren…

Nachdem das obligatorische „Also sprach Zarathustra“ ertönt, hat man nun die Wahl sich zu ergeben und dem Force den Rücken zuzudrehen oder einfach noch einmal mitten rein zuspringen und schauen, was die Nacht noch bringen mag. Ich für meinen Teil wähle die zweite Option und begebe mich in die weiten Dimensionen des unendlich erscheinenden Zeltplatzes. Doch was sich mir dort so offenbart, gleicht einem Gruselkabinett. Denn wie in einer Geisterstadt ist hier alles leergepustet. Da ich die Annahme der Anwesenheit eines kopflosen Reiters verweigere, scheint wohl nun das Ende der Standfestigkeit der Metalheads erreicht zu sein. Ein Blick durch die Runde: Die Couchgarnitur brennt, die menschlichen Berge werden abgestapelt, der Intimfriseur schließt seine Toren und das Schlimmste: ungeöffnete Bierfässer stehen unbeachtet vor den Zelten – ein eindeutiges Zeichen, auch Metaller haben irgendwann genug. Es ist Zeit zu gehen. So schleppe ich mich nun auch am dritten Tage der einzig wahren Death Metal Sause zurück ins Zelt – dieses Mal befreit von akustischen, visuellen und dank der eisigen nächtlichen Kälte auch haptischen Sinneswahrnehmungen.

Fazit: Ein absolut beeindruckendes Festival mit einzigartigen Klangerlebnissen und musikalischen Überraschungen.

See you next year!!!

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