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WOLVES LIKE US – JUNIUS – AURIGA DELTA

Ort: Ahlen – Schuhfabrik

Datum: 27.04.2012

Wie versprochen kehrten die Norwegischen Durchstarter WOLVES LIKE US nach ihrem ersten Schnupperkurs durch Europa Ende letzten Jahres Mitte April zurück in unsere Breitengrade. Aus Sicht der Skandinavier kennzeichnete sich der Frühlingstrip schon von Beginn an durch zwei grundlegende Veränderungen: zunächst mussten sie die Shows nicht mehr eröffnen, sondern waren selbst Dreh- und Angelpunkt des Abends. Zusammen mit den Labelkollegen JUNIUS, die WLU-Drummer Jonas Thire schon im Interview mit dem Terrorverlag neben der eigenen Band als die eher „weirderen“ Vertreter auf Prosthetic bezeichnete, formierten sie zudem ein viel weniger Metal-, dafür Atmosphären-lastiges Lineup, abgerundet durch meist Ortsansässige Support-Bands. Gleichzeitig mussten sich die Jungs ohne ein Zugpferd wie KVELERTAK wieder mit kleineren Schuppen arrangieren. Zum Beispiel mit der Schuhfabrik in Ahlen, soziokulturelles Zentrum und Treffpunkt des heimischen Volkes aller Altersklassen. Praktischerweise war die zugehörige Kneipe gleich nebenan, so dass diejenigen, die mit dem angekündigten Einlass, bzw. Beginn um 20 Uhr gerechnet hatten, bei einem Bier die Zeit in Gesellschaft der anderen Anwesenden überbrücken konnten. Knapp eine halbe Stunde später nämlich verklangen erst die letzten Töne des Soundchecks, und die Pforten öffneten sich schließlich.

Immerhin verstrichen daraufhin nur noch wenige Minuten, bis das abendliche Programm mit AURIGA DELTAs stillem Betreten der Bühne Fahrt aufnahm. Früher wohl auch als MASCHINE bekannt, lässt sich das deutsche Quartett, dessen Referenzen die beiden Vorgängerbands LOST YOUTH und MIND READER umspannen, grob im Raum Beckum verorten, nur einen Spuck weit weg vom Ort des Geschehens. So bestand der deutlich überschaubare Trupp Zuhörer zum einen aus einer Handvoll mitgereister Bekannter, zum anderen aus Fotographen und ein paar frühzeitig eingetroffenen Gästen, die allesamt zur Einstimmung in den Genuss psychedelisch langer Instrumentalphasen kamen. Aufgrund fehlenden Gesangs verlief die Kommunikation mit der kleinen Menge ausschließlich nonverbal, ein Schwall verträumt gefrickelter Läufe, beizeiten von härterer Saitenbearbeitung abgelöst und dank konstant vorwärts treibender Drums durch den Saal gepustet, ergriff stattdessen das Wort. Das eher verhaltene Auftreten der Musiker, durch das in einer Linie mit der Saitenfraktion platzierte, eigene Schlagzeug an Platz beraubt, deckte sich mit der entspannten Stimmung, vor allem auch mit dem in dunkle Lichter getauchten Bild auf der schmalen Anhöhe, die als Bühne diente. Daher passte es auch, dass die Jungs nach einer gefühlten halben Stunde unter anerkennendem Applaus ebenso wortlos die Instrumente beiseitelegten und eine behutsam angewärmte Startatmosphäre hinterließen.

Damit waren JUNIUS als Co-Headliner, ein artig mit den norwegischen Kollegen geteilter Posten, an diesem Abend nahezu formidabel platziert. Beschwörend breitete sich nach einem hymnischen Intro ein düsteres Flair aus, den die Bostoner zuletzt 2011 mit ihrem aktuellen Werk „Reports from the Threshold of Death“ auf musikalisch wie thematisch tiefsinnige Weise dokumentierten. Getragen von der herausragend gefühlsstarken Stimme des Sängers und Gitarristen Joseph E. Martinez, unter seiner schwarzen Kapuze auch eher Shoegazer als Darsteller, erhielt der sphärische Lufthauch direkten Einzug in die nun zahlreich angeregt lauschenden Ohren, die sich unweigerlich in Sekundenschnelle zart entspannten. Anders als die Beckumer Instrumentalisten exekutierten die Amis dieses Urteil nicht ausschließlich auf der langen Streckbank, sondern spannten das desperat träumerische Motiv in der Regel Songdienlich in ein stets vorwärts gerichtetes Gesamtpaket, ohne gleich die Peitsche aus dem Keller hervorgreifen zu müssen. Unberechtigt ist es daher nicht, wenn, wie bereits geschehen, zum Vergleich sowohl KATATONIA als auch die DEFTONES heran gezogen werden. Ein einfacher, eigentlich selbstverständlicher, aber in Anbetracht der gut 45 Minuten vorherrschenden Stimmungslage ausdrucksstarker Effekt bewährte sich besonders: sobald die Dynamik mit einem Satz anstieg und die Emotion aus den schwelgenden Phasen herausbrach, hoben sich die zuvor im diffusen Farblicht der Deckenspots versteckten Silhouetten in einem grellen Schein aus dem hinteren Bereich der Bühne deutlich, doch fast unbewegt hervor. Bei aller Simplizität ein großartiges Bild! Da fehlten nicht nur den vielleicht zwei- oder dreimal fast schon verlegen ins Mikrofon sprechenden Post-Rockern selber die Worte, doch welche Beschreibung sollte dieser besonderen Stimmung auch schon gerecht werden? Sicher ist jedoch: selbst die zehnfache Länge ihrer tatsächlichen Spielzeit hätte diesen Eindruck nicht geschmälert.

Dass WOLVES LIKE US nach diesem – grob gesagt – einheitlichen Vorprogramm dem abendlichen Gefühl anschließend noch eine entscheidende Wende geben konnten, erschien angesichts der, wie es mir vorkam, erneut geschrumpften Menge nicht unbedingt wahrscheinlich. Allzu lässig machten sich die Wölfe an ihr Handwerk, ließen das eigene Set nach einem selbst geschrammelten Intro erwartungsgemäß mit „Burns like a paper rose“ anrollen. Als die abwartende Menschentraube tatsächlich zögerlich blieb, kam Sänger Lars Kristensen ihnen mit einem kleinen Sprung entgegen und bat mit einer eindeutigen Handbewegung, einfach einen Schritt nach vorne zu machen. Und das half! Ohne Anzeichen von Ermüdung wurde fortan quer durch das lobend rezipierte Debüt „Late Love“ gefeiert, sodass selbst das überlange „To whore with foreign gods“ den Spannungsbogen mit Schmackes weit nach oben boxte. Viel Jubel, aber im Verhältnis wenig Bewegung gab es auch für das weitere Repertoire, zu dem sich selbstredend das wohl den meisten bekannte „Deathless“ zählte, wobei sich die vorderen Reihen nach und nach von dem norwegischen Energiebündel anstecken ließen. Trotzdem kam man nicht um den Eindruck herum, den vier regen Bartträgern fehlte es hier und da an Möglichkeiten zur Interaktion, die sie doch von Vorneherein suchten. Als irgendwann die neu gewonnen Kollegen von JUNIUS schon ihren Weg an die Mikros gefunden hatten, startete Drummer Jonas Thire doch noch den Versuch einer Mitmachaktion für das Ahlener Publikum. Munter durften ein paar mit Sticks bewaffnete Auserwählte die Becken verprügeln, die just vorher vom Kit in die Mitte des Saals wanderten. In der Zwischenzeit klemmte sich Lars hinter die verbliebenen Trommeln, Jonas schnallte sich dafür die Klampfe um, und punktgenau verstummte die wirre Geräuschkulisse zum Ende des Gigs. Das Kind im Manne, möchte man sagen, denn so ähnlich muss es wohl schon Jahre zuvor ausgesehen haben, als die Jungs noch mit ihren ungestümen Vorgängerbands durch die kleinen Kaschemmen gezogen sind. Und auch ohne es gesehen zu haben, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie die nach hinten verschobene Zugabe an der Theke, auf die man die laut werdenden Rufe vertröstete, von Statten gegangen sein mochte. Herrlich anzusehen und –hören, der skandinavische Abschluss dieses eher entspannten Konzertabends. Gerne wieder, nur ein paar Leute mehr wären sicherlich nicht schlecht!

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