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WOVEN HAND

Ort: Leipzig - UT Connewitz

Datum: 18.04.2015

Ganz am südlichen Ende von Leipzigs berühmtester Straße, der Karli (Karl-Liebknecht-Straße) liegt unser heutiges Ziel, das 1912 eröffnete und damit älteste Lichtspieltheater der Stadt, UT (Union-Theater) Connewitz. Von außen fällt der kleine Eingang neben den ganzen Geschäften überhaupt nicht auf. Nur ein großer Pulk zeigt, dass wir am Ziel sind. Im Inneren reisen wir in der Zeit zurück und es erwartet uns ein großer Saal mit einem riesigen Portal auf der Bühne. Die anderen drei Seiten des Zuschauerraumes überdecken Balkone. Alles noch original erhalten und alles in einem morbid charmanten Zustand. Die Farbe verblasst, an vielen Stellen fehlt der Putz und das Gemäuer scheint hindurch. Dem Zahn der Zeit hat hier in den gut 100 Jahren zumindest optisch keiner etwas entgegen gesetzt. Für das heutige Konzert konnte kein treffenderer Ort gewählt werden. Einige Tage vorher wurde das Ereignis „ausverkauft“ gemeldet. Entsprechend gut gefüllt war der Saal vom alternativen Teenie bis hin zum alten Rocker mit Mähne und Bart.

Die Show kann beginnen… besser gesagt hat sie das schon längst. Denn von der Vorband MARRIAGES haben leider wir nur die letzten drei Minuten mitbekommen. Der Tenor der Zuschauer war, was die Sache für uns nicht besser macht, durchweg positiv, einige sagten, sie seien sogar nur wegen MARRIAGES angereist. Das aus Los Angeles stammende Trio um Sängerin Emma Ruth Rundle ist ein Nebenprojekt von RED SPARROWES. Hier bekommt jedoch die Stimme der Gitarristin den Vorzug, den sie auch verdient. Musikalisch finden sich hier Einflüsse von COCTEAU TWINS, ECHO AND THE BUNNYMEN, SIOUXSIE AND THE BANSHEES bis hin zu TALK TALK. Von Platte schon ein Genuss muss es wohl live ein echtes Highlight gewesen sein.

Nach einer kurzen Pause stehen dann die vier Jungs von WOVEN HAND auf der Bühne. Diese musikalische Erfahrung habe ich vor fast zehn Jahren einem überengagierten Plattenladen-Verkäufer zu verdanken, der das Album „Mosaic“ dermaßen in den Himmel gelobt hat, dass ich schließlich nachgab und wenig später mit vollen Händen den Laden verließ. Hätte er ja auch gleich sagen können, dass WOVEN HAND das Soloprojekt von David Eugene Edwards ist, nachdem sich 16 HORSEPOWER aufgelöst haben. Hier nochmal ein großer Dank an den Herren. Musikalisch ist der Sound seinem Vorgänger nicht unähnlich, was sicherlich viele 16 HORSEPOWER-Fans über die Trennung hinweggetröstet haben dürfte. Doch nach zwölf Jahren und sieben Alben sind WOVEN HAND längst aus dem langen Schatten ihrer Vorgängerin entsprungen und haben einen ganz eigenen Stil gefunden, eine dichte Mischung aus Alternative Country, Blues, Neofolk, Shoegaze und Post-Rock. Großartig, unvergleichlich und außergewöhnlich. Die markante Stimme von Edwards rundet das perfekte Arrangement aus 2 Gitarren, Bass und Drums ideal ab. Mehr braucht eine ordentliche Rockband nicht, um es krachen zu lassen. Über die Jahre ist WOVEN HAND härter und rauer geworden. Beim Leipziger Auftritt blies es daher auch mit voller Wucht aus den Boxen in den finsteren Saal. Der erste Teil war ohrenbetäubend. Dann wurde es etwas ruhiger und im Anschluss eingängiger, spiritueller und tanzbarer, der Sound der Anfänge. Dann wurde es still, die Band flanierte die Balkone entlang, um dann noch einmal die Bühne zu betreten und die lautstark eingeforderte Zugabe zu geben. Trotz dieser sehr extrovertierten Musik wirkten die Jungs auf der Bühne eher gegenteilig, in ihrer Musik versunken, ruhig. Edwards, mit Hut bekleidet, machte stetige, ruckartige Bewegungen mit seiner Hand über seinem Kopf, als inszeniere er sich selbst als Marionette. Und auch das Publikum verhielt sich sehr gediegen, entgegen der brachialen Urgewalt, die von der Bühne ausging. Die Musik lud eher zum Abdrehen ein. Vielleicht war das aber auch den einen stetig umgebenden Gerüchen aus konisch geformten Zigaretten geschuldet. Jedenfalls war das Konzert ein wahres Hörerlebnis. Sind WOVEN HAND schon von Platte ein echter Genuss, so sind die Jungs aus Colorado live und wahrhaftig ein wirklicher Ohrenschmaus. Wunderbar, ein Konzert, das sich mehr als gelohnt hat.

Copyright Fotos: Kai-Uve Altermann

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