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ZEROMANCER – SCREAM SILENCE – ESSENCE OF MIND

Ort: Leipzig - Lagerhof

Datum: 04.04.2009

Alles Gute kommt bekannterweise von oben. Auch wenn mir jetzt bei dieser Formulierung jeder Geographielehrer am liebsten die Schlinge um den Hals legen würde, war der Leipziger Auftritt der Norweger ZEROMANCER im Rahmen der „Sinners International Tour“ schlicht und ergreifend erste Sahne. Einige Jahre war es ruhig geworden um die stylishen Jungs aus dem hohen Norden und böse Zungen witterten schon das Aus der Band. Doch weit gefehlt, 2009, sechs Jahre nach Veröffentlichung der letzten LP „Zzyzx“, erblickte die neue Platte „Sinners International“ das Licht der Welt. Keine Frage, damit geht’s auf Europareise und ich, als Fan der ersten Stunde, bin natürlich mittendrin. So spazierten Fotohase Tine und ich an diesem gemütlichen Samstagabend gespannt wie ein Flitzebogen in den nah gelegenen Lagerhof zu Leipzig. Dort angekommen, erfreuen sich die gezählten 6 Fotographen am nicht vorhandenen Fotograben. Das heißt Fans nerven, na die werden sich freuen.

Punkt 20.15 Uhr, wenn normalerweise der große Abendfilm beginnt, betreten die drei Norweger von ESSENCE OF MIND die Bretter mit einer ordentlichen Portion aggressiver Power und Betätigungsdrang. Geboten wird harter Electrorock mit typischen EBM-Basslines, der ziemlich nach vorne geht und die Zähne fletscht. In den Medien leider tot kritisiert, wird den 3 Nordlichtern vorgeworfen die Lorbeeren von Bands wie APOPTYGMA BERZERK, COMBICHRIST und ICON OF COIL zu mopsen und unkreativ auf deren Pfaden weiter zu wandeln. Hier muss ich dennoch als electro-unerfahrener Kollege Partei für die Band ergreifen, die meinen Körper ordentlich in Schwingungs- und Köpfchenwackellaune versetzt. Der quirlige Powermann Erlend schreit voller Innbrunst seine Message in die Massen, während der übers ganze Gesicht grinsende Gitarrist Alex stilsicher mit Cowboyhut die Gitarre zu bändigen versucht. Besonders Songs wie „Nightmare“ und „Watch Out“ beeindrucken mich stark und ich kann mich den Vibes nicht mehr entreißen. Das restliche Publikum wird dagegen eher kaltgelassen. Außer und sachtem Kopfnicken ist da nicht viel zu holen. Zugegeben, ein Wahnsinns-Spektrum an musikalischer Vielfalt wird nicht geboten, aber für einen halbstündigen Auftakt stellen ESSENCE OF MIND doch einen durchaus ernstzunehmenden Anheizer dar!!!

Setlist ESSENCE OF MIND
Original Poser
Nightmare
Face Yourself
My Time
Watch Out
Piss Artist

Nach kuscheliger Raucherpause ist es nun Zeit für etwas Gothrock aus Berlin. SCREAM SILENCE haben sich dafür bereit erklärt und wollen nun wissen, wo der Hammer im Lagerhof hängt. Sänger Hardy Fieting bringt es auf den Punkt: „Lange nicht mehr in Leipzig gewesen – ja ja“ Also, dann ist wohl Nachholbedarf angesagt mit dem kommenden Gig, den er selber als Hammerauftritt bezeichnet. Soviel Eigenlob macht neugierig und gespannt darauf, ob er sein Wort halten kann. Die Berliner haben sichtlich Spaß auf der Bühne, da stört es auch niemanden, wenn Drumsticks und Bierflaschen über selbige rollen. Auch wenn man gleich in die Vollen geht und vorantreibende Rockfetzen aus den Koffern holt, will sich das Publikum auch jetzt nicht so richtig anstecken lassen. Mit einigen witzigen Ansagen („Bin mal gespannt wie ZEROMANCER das hier oben machen wollen. Ich verhak mich ja schon im Mikro.“) wird die Kommunikation zwischen Band und Publikum zwar aufrecht gehalten aber mit dem soliden Darkrock nicht wirklich der Draht zu diesem gefunden. Musikalisch extrem stark an die legendären DREADFUL SHADOWS erinnernd, wird es auch mir ziemlich schnell fad, da das Gefühl, bei Sven Friedrich abgekupfert zu haben, der es aber in seinen besten Zeiten wesentlich besser konnte, einfach nicht locker lässt. Im Gesamtwerk kann man fast sagen, dass das Ganze leider, aufgrund der nicht wirklich vorhanden Abwechslung, ziemlich untergeht, was schon schade ist, da deutlich gemacht wird, dass die Jungs was von ihrem Handwerk verstehen. Selbige Befürchtung hab ich übrigens auch von der physischen Anwesenheit von Hardy, der aufgrund der massiven Enge dort oben schon fast auf der ersten Reihe steht. Ein kleines Highlight wird geboten, als die Akustikgitarre ausgepackt und eine kuschelige Ballade angestimmt wird, die sogar richtig Schmuserockstimmung aufkommen lässt und gegen Ende voller Herzschmerz, untersetzt mit Streichern, blutet. Wäre der Abschluss charakteristisch für den ganzen Abend gewesen, würde es wohl mehr Applaus regnen. Trotzdem einen ordentlichen Job haben sie da oben geleistet. Doch nun heißt es Platz machen für die Stars des Abends – ZEROMANCER!!!

Nach 4 Zigaretten und gefühlter viel zu langer Umbaupause und nervösem „Anfangen“-Gebrüll wird es pünktlich um 22 Uhr mucksmäuschenstill. Ein greller Lichtstrahl, ein scharfer Riff und vereintes Klatschen kündigen das nun auf dem Höhepunkt angekommene Abendprogramm an – let’s fetz!!! Als Sänger Alex schnieke im Jacket die Stage betritt, laufen die Mädels auf Hochtouren. Man wartet förmlich drauf, dass Höschen fliegen. Wo die Leipziger sich bei den beiden Support Acts zurückgenommen haben, kehrt sich jetzt ins andere Extrem. Mit dem Titelsong der aktuellen Scheibe „Sinners International“ startet man flott ins heutige Set – mit weiblichem Gesangschor unterlegt. Wer hier seinen Stehplatz wechseln will, sieht leider alt aus und muss Mühen haben sich durch die Lagerhalle zu bewegen. Der in meinen Augen musikalisch etwas seichte Opener eröffnet den Abend stimmungstechnisch in der oberen Liga und im Verglich mit dem zuletzt gesehenen Deutschlandauftritt auf dem Zita Rock Festival bin ich vom Publikum mehr als positiv beeindruckt. Mit vollen Rohren schießen wir weiter mit der aktuellen Singleauskupplung „Doppelganger I Love You“. Freie Fahrt voraus. Basser Kim bangt sich einen Wolf, während ich zerdrückt werde, Gitarrist Dan „Electro“ Heide Liebe mit seiner Klampfe macht – und Alex? Da gibt’s wohl gar keine Fragen. Der ZEROMANCER-Frontmann gibt wie eh und je eine perfekte Figur ab – stimmlich wie auch körperlich. Vom aktuellen Album etwas enttäuscht stimm ich mich ziemlich glücklich, als mit „Need You Like A Drug“ einer der älteren Songs der Norweger ertönt – und eines der geilsten obendrein!!!! Zähnefletschender Synth Rock mit wuchtigen Rhythmusgitarren, fetten Beats und Alex’ eingängigen sensibel-aggressiven Vocals. Die erste Reihe ist nun auch endlich ganz aus dem Häuschen und springt wie Flummibällchen auf und ab. Alex sorgt mit seinen heißen Posen für immer weiteren Zunder und die Meute ist nicht mehr zu bremsen. Schon jetzt ertönen Zugaberufe. Aha, es machen sich also bereits Verlustängste breit. Ordentlich röhrende Gitarrenriffs und aufregende Synthies dringen zu meinem Ohr vor – sehr gut, einer der positiven Ausreißer von „Sinners International“ will herausgelassen werden – das vorantreibende melodische „Im Your’s To Lose“, welches für einig Zappelstimmung sorgen kann. Alex ist überwältigt vom Applaus und ergreift zuckersüß das Wort: „Fantastisssch“. Als Kim wieder mit den Mädels der ersten Reihen zu flirten beginnt, kommen wir zu einem der geilsten Parts des ganzen Abends. Nein, nein nicht deswegen. „Chrome Bitch“, vom „Eurotrash“ Album, welches mich auf Platte nie annähernd vom Hocker gerissen hat, dröhnt aus den Boxen und feuert allen den Dreck aus dem Schädel. Rotzende Riffs, hämmernde Beats, griffige Lyrics und ein walzender Refrain, der sich sofort ins Großhirn schießt – und ins Kleinhirn dazu, denn mit Stillhalten ist hier nicht mehr viel. Das Leipziger Publikum bekommt ganz klar Note eins für seine Mitarbeit. Es wird gezappelt, gegrölt, geklatscht, gesungen und einfach nur Spaß gehabt – so ist das brav. „Chrome Bitch“ erntet bis jetzt den fettesten Applaus – ich bin beeindruckt!!!

Alex kann mit seiner Begeisterung wohl nicht ganz umgehen, täuscht er doch immer wieder einen zitternden Tobsuchtsanfall vor. Womöglich war es auch nur die Aufregung, denn – wir haben ja nur alle drauf gewartet – ab „Filth Noir“ ist Ausziehzeit und der Sänger der Polarlichter entblößt seinen makellosen braungebrannten Oberkörper. Es dürfte wohl nicht allzu schwer sein, die momentanen Gedanken der Mädels hier zu erraten. Nach weiteren Songs der aktuellen Platte kehren wir wieder zurück zu den guten alten Tagen und ballern mit „Die Of A Broken Heart“ erneut einen der härtesten Stücke ans Tagelicht. Kritiken hin oder her, zwar können die aktuellen Songs der Norweger live durchaus begeistern und der Stimmung des Publikums tut es auch gar nichts zur Sache, welche Titel gerade vorgetragen werden, dennoch fällt auf, dass ZEROMANCER mit den Jahren immer poppiger geworden und etwas von ihrer Bombenpower und Härte verloren haben – zumindest was die Platten betrifft. Live zeigen sie heute Abend, dass sich im Vergleich zu ihren Anfangszeiten gar nicht so viel verändert hat. Ich bin erleichtert, so schwing ich meinen Kopf zu dem arschgeilen Song, in der Gewissheit, dass das Herzl nicht weiter einreißen wird. Als würde mir Alex zustimmen, fängt er an zu bangen wie ein losgelassener Löwe, während Kim und Dan wie die Wilden über die Bühne jagen, ihre Krallen wetzen, in die Saiten hauen und nach unserem Blut und Schweiß lechzen. Als der Klassiker „Clone Your Lover“ ertönt, werden wie erwartet alle Ketten fallen gelassen und der Mitgrölsong schlechthin zelebriert – feine krachende Sache. Alex glänzt schweißgetränkt im besten Licht und rekelt sich sexy hin und her. Ich denke, das gibt ordentlich feuchte Schlüpfer!!! Als ich mich frage, wo plötzlich all die Leuchtstäbchen herkommen, bekomm ich einen Krampf im Fuß – na ganz toll!!! Selbst „Cupola“, welches die Aufmerksamkeit meines CD-Players nach ein- bis zweimal Hören nie wieder erlangte, glänzt und strahlt heute Abend in einem großartigen Licht und ist alles andere als langatmig. Eindrucksvoll rotzen die Jungs ihre Chords runter, während sich Alex ganz andächtig seinem Mikro widmet und Kim faszinierend wütend seine Vocals in den Saal pfeffert! „Hit me, hit me, hit me, hit my nerves…!!!” Unendlicher Jubel, alle Erwartungen werden übertroffen. „My Little Tragedy“ geht wieder nach vorne und sorgt erneut für Euphorie und verwandelt die Lagerhalle in ein Tollhaus. Die kleine Tragödie hab ich mittlerweile auch in meinem Fuß. Chucks, Krampf im Fuß, Springerstiefel stellt sich drauf – na tolle Wurst!!! Kim feuert die Massen immer weiter zu mehr Geklatsche und noch mehr Power an. Die gehorchen natürlich ganz artig, so dass die Stimmung sich stets selber zu übertrumpfen droht. Alex spricht eine Liebeserklärung an uns aus, Mädelherzen schlagen höher, Kim trommelt zum großen Finale von „Ammonite“ inbrünstig auf die Felle des Kollegen Noralf, bevor er sich vom Acker macht und Alex und Gefolge es ihm gleich tut.

Aber nicht mit uns. Leipzig verlangt nach mehr und bekommt auch, was es will. Vorhang auf für die Zusatzrunde!!! Alex räkelt sich zurück auf die Bühne und feuert mit „Fade To Black“ erneut einen alten Klassiker an die Mannen. Mörderische Beats untermalt mit kollektivem Klatsch-Nachhallen – einfach genial. Alex freut sich wie Bolle, bevor es mit „Houses of Cards“ das definitiv romantischste Stück der Norweger hagelt. Kim will, dass wir die Klappe halten, um uns noch ein paar wichtige Zeilen mit auf den Weg zu geben: Am Ende der Auftritte in Deutschland angekommen, stellt man heute fest, dass Leipzig unter all den deutschen Städten, die an der Tour teilgenommen haben, Platz Nummer eins erreicht haben und irgendwie ist das heute das erste Mal, dass ich diesen Spruch ernst nehmen kann. Als die Jungs nach dem DEPECHE MODE Cover „Photographic“ ein weiteres Mal verschwinden, will das Gejubel einfach nicht ablassen. Keine Chance, Jungs, da fehlt noch was…! So the show must go on, Alex und Co. kehren freudestrahlend ein weiteres Mal zurück um mit „Doctor Online“ nun alle Dezibelrekorde zu brechen. Leipzig holt alle restlichen Energiereserven eimerweise aus sich hervor. Unter Bodenerschütterndem Applaus verlassen sie die Bühne und ich ziehe mein persönliches Fazit: Trotz kollektiver Befürchtung haben ZEROMANCER auch nach all den Jahren nicht nachgelassen und man darf wieder mit Freude in die Zukunft blicken. Ich für meinen Teil habe mein Seelenfrieden gefunden und wanke mit einem Funkeln in den Augen und den Lyrics von „Chrome Bitch“ auf den Lippen hinaus in das Leipziger Nachtleben.

Setlist ZEROMANCER
Sinners International
Doppelganger I Love You
Need You Like A Drug
I’m Your’s To Lose
Chrome Bitch
Fictional
Filth Noir
Die Of A Broken Heart
Clone Your Lover
Neo Geisha
Cupola
My Little Tragedy
It Sounds Like Love (But It Looks Like Sex)
Stop The Noise
Ammonite

Fade To Black
Houses Of Cards
Photographic
Doctor Online

Copyright Fotos: Tine Kersten

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