NAKED LUNCH vs. RAMMSTEIN

Mit provozierenden Auftritten schaffte es die deutsche Rockgruppe Rammstein immer wieder in die Schlagzeilen. Jetzt droht neues Ungemach: Eine wenig bekannte österreichische Band wirft Rammstein Ideenklau vor. Das aktuelle Video „Ohne Dich“ sei ein Plagiat.

Oliver Welter, Sänger der österreichischen Band Naked Lunch, staunte nicht schlecht, als er im Fernsehen erstmals „Ohne Dich“ sah, das aktuelle Video der Band Rammstein: Darin stapfen sechs deutsche Rocker im Frühtau zu Berge, sie kämpfen sich durch Schnee und Eis und kraxeln eine Steilwand hoch. Auf dem dramatischen Höhepunkt rutscht Sänger Till Lindemann von einem Felsvorsprung, ein Bandgenosse kann noch seine Hand packen, doch er fällt. Aber er stirbt nicht. Die anderen schleppen ihn schwer verletzt hoch auf den Gipfel, vor das Kreuz. Dort, im Anblick des mächtigen Alpenpanoramas, scheidet er dahin.

Für Welter, den Alternativ-Rocker aus Klagenfurt, war die Sache sofort klar. Rammstein, so glaubt er, haben sich von einem Video seiner Band inspirieren lassen. Er spricht von „Ideenklau“. Welter: „Ich bin wütend auf diese Menschen, die glauben, weil sie Erfolg haben, dürften sie sich überall bedienen, wie im Supermarkt“. Das Naked-Lunch-Video „God“ erschien schon im Februar, und auch darin steigen Menschen auf einen Berg: Oliver Welter und sein Bassist Herwig Zamernik kriechen über weiße Hänge und kämpfen sich durch einen Schneesturm. Auch hier zieht der eine den anderen mit, auch hier packt der eine dramatisch die Hand des anderen, und am Ende sterben die beiden eingeschneit, oben auf dem Gipfel, vor dem Kreuz.

Nur 15.000 Euro hat das Video von Naked Lunch gekostet – ein Bruchteil dessen, was das Hochglanz-Epos von Rammstein verschlungen haben dürfte. Im deutschen Musikfernsehen wurde „God“ zwar gezeigt – allerdings nicht wie Rammstein in der Heavy-Rotation, sondern in abendlichen Spezialsendungen wie „Fast Forward“ auf Viva. „Wir haben einen europäischen Autorenfilm gemacht“, sagt Oliver Welter, „und Rammstein einen Hollywood-Schinken.“ Gedreht hat das „God“-Video ein Klagenfurter Jugendfreund von Welter: Der Regisseur Thomas Woschitz, den sie in Österreich „Kärntner Kaurismäki“ nennen und der schon mal Kurzfilme in Cannes und Locarno zeigen durfte. Seine Produktionsfirma Amour Fou hat ein Statement veröffentlicht, in dem unter anderem steht: „Das offensichtliche Aufgreifen des ‚God‘-Videos halten wir für einen kommerziell motivierten Versuch, aus der Kreativität einer hervorragenden Band und eines spannenden Regisseurs Kapital zu schlagen.“

Die Vorwürfe von Woschitz und Welter an die Adresse von Rammstein stützen sich aber nicht nur auf die vermeintlichen „Analogien“, die sie beim Betrachten festgestellt haben wollen. Als Beleg für seinen Verdacht legt Woschitz eine Mail vor, die er am 26. Februar erhielt – und zwar von der damaligen Geschäftsführerin des Universal-Labels Motor Music, Petra Husemann, die sowohl für Rammstein als auch für Naked Lunch zuständig war. „Ich finde Dein Video wirklich ganz großartig“, schrieb Husemann. Deshalb wolle sie Woschitz und sein Werk der Band Rammstein und ihrem Management vorstellen, „natürlich mit dem Ziel, dich dort als Videoregisseur für kommende Singles ins Gespräch zu bringen“. Ob er bitte Arbeitsproben einschicken könne?

Sein Musikvideo habe er daraufhin zusammen mit alten Arbeiten nach Berlin geschickt, so Woschitz. Von Husemann oder Universal habe er aber nie wieder etwas gehört. Im November habe er den neuen Rammstein-Clip gesehen und sei „sehr erstaunt“ gewesen. Petra Husemann, die Universal nach der jüngsten Umstrukturierung des Musikkonzerns verlassen hat, kann sich an die Mail erinnern – aus der Anfrage an Woschitz sei aber nichts geworden. Es sei schon seit Jahren geplant gewesen, mit Rammstein ein Video in den Bergen zu machen. Die Anschuldigungen hält sie deswegen für „lächerlich“, das Aufbegehren von Naked Lunch für „tragisch“. Husemann: „Mir hat das Album der Band zwar sehr gut gefallen. Es ist aber schade, dass es für sie nicht geklappt hat, und dass sie jetzt auf diese Weise auf sich aufmerksam machen müssen.“ Die Band Rammstein mag sich zu den Anschuldigungen selber nicht äußern.

Den Rammstein-Clip drehte Regisseur Joern Heitmann von der Berliner Produktionsfirma „Katapult-Filme“. Deren Geschäftsführer Alexander Kiening sagt, die Anschuldigungen seien „lächerlich“. Weder er noch der Regisseur hätten das Naked-Lunch-Video je gesehen, der Clip zu „Ohne Dich“ sei in mehreren zeitaufwändigen Treffen mit der Band Rammstein entstanden. Die Werke seien in in Stil, Look und Drehart völlig verschieden. Das wenige, was sie gemeinsam hätten, sei Allgemeingut und gehöre einfach zum Genre: „Der dramatische Handschlag und das Gipfelkreuz tauchen in jedem Bergsteigerfilm auf.“

Oliver Welter von Naked Lunch ist von seiner Version der Geschichte dennoch überzeugt. Besonders schlimm findet er, dass sein Gegner ausgerechnet Rammstein heißt: „Ich könnte viele Bands nennen, die dürften alles nachmachen, wenn sie uns fragen. Zu den ganz wenigen anderen gehört Rammstein. Diese Band steht für etwas, das ich nicht mag in meinem Leben und auch nicht um mich herumhaben will.“ Rammstein hätten „die rückwärtsgewandte Alpin-Ideologie des Heimatfilms unreflektiert übernommen“, klagt er und sieht sich nicht nur beklaut, sondern auch noch ideologisch missverstanden. Naked Lunch sei es darum gegangen, ein Gefühl der Erschöpftheit und ein Scheitern zu visualisieren. Die Rammstein-Bandmitglieder würden dagegen „auf lächerliche Weise zu Berg-Heroen“ stilisiert. „Die haben alles komplett falsch verstanden“, sagt Welter über die erfolgreichen Berliner. Doch weder Welter noch Woschitz werden Rammstein verklagen. Die Anwälte hätten gesagt, es sei eine relativ simple Idee, auf einen Berg zu steigen, so Woschitz. Juristisch könne man nur gegen eine exakte Kopie etwas machen. Und Welter sagt, es fehlten ihm die finanziellen Mittel um vor Gericht zu ziehen. „Obwohl: Mir hätte das nichts ausgemacht, mich von Rammstein bis auf die Unterhosen ausziehen zu lassen. Ich hab ja nichts als Unterhosen.“

Es sei David gegen Goliath, so Welter. Dort die weltweit erfolgreichen Teutonenrocker, die schon über sechs Millionen Alben verkauft haben. Hier die kleine Alternativ-Band aus Österreich, der die Plattenfirmen seit zehn Jahren den großen Durchbruch prophezeiten, die ihn aber doch nie schafften. Selbst 1999 nicht, als Polygram für sie teure Videos produzierte und die Band weltweit touren ließ. Die Band verwüstete in Brasilien eine Bühne und wurde in London festgenommen. Aber ihre Platten verkauften sich trotzdem nicht. Nach einer fünfjährigen Schaffenspause erschien in diesem Frühjahr bei Universal ihr Album „Songs For The Exhausted“. Es verkaufte sich 10.000 Mal. Naked Lunch müssen jetzt schon wieder eine neue Plattenfirma suchen.

Weil sie vor Gericht chancenlos seien, wollen Naked Lunch sich auf andere Weise an Rammstein schadlos halten: „Das nächste Video das die für 150.000 Euro drehen“, so Oliver Welter, „machen wir einfach für 1000 Euro nach.“
Quelle: Spiegel.de

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.