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BRANDED WOMEN - Velvet Hours – Stolen Moments

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Artist BRANDED WOMEN
Title Velvet Hours – Stolen Moments
Homepage BRANDED WOMEN
Label SPINEFARM
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Timing ist offensichtlich nicht die Sache dieser Band. Da haben sie den perfekten Soundtrack zum Sommer verfasst, zu Hitze und Schwitzen und dann verzögert man das offizielle Veröffentlichungsdatum auf den 23. August! Wenn wahrscheinlich wieder schwere Gewitterwolken über Europa hängen. Zu spät sind die Damen auch für den inzwischen kaltgewordenen „Chill-Out“-Einheitstopf, mit dem sie zwar rein gar nichts zu tun haben, in den sie aber bestimmt hineingeworfen wären – finanziell reizvolle Nebenwirkungen inklusive. Zu guter letzt haben vier Fünftel dieser Damen (plus drummenden Quotenmann) das dreißigste Lebensjahr bereits überschritten und da wird es auch mit der internationalen Popkarriere wohl kaum etwas werden.

Alles natürlich völlig nebensächlich. Denn zum einen kennt gute Musik kein Verfallsdatum. Und zum zweiten ist die der BRANDED WOMEN ohnehin zeitlos. Abgeklärt und cool obendrein. Die tiefe, rauchige Stimme von Katja auf „Still in me“ schabt nicht wie das Rasiermesser an der Vene, sondern schmirgelt wohlig wie ein guter Bourbon in der Kehle. Auf den ersten Blick werden das viele für Lounge halten und zu diesen Klängen eine Olive zerbeißen. Doch sogar „More“, das mit seinem lockeren Swing zum Schwofen einlädt, untermalt nicht eine American-Pie Szene, sondern die Fahrt durch eine idyllische, doch trügerische Fassade eines David Lynch Provinznests. Der korrekte Albumtitel wäre natürlich „Blue Velvet Hours“ gewesen und von „You know me“ zu „Candy coloured clown they call the sandman“ ist es nur eine kurze Spritztour um den Block. In dem auch ELVIS, RAY ORBISON und sogar SHIVAREE wohnen. Und den Text, so naiv wie ein Sommerwölkchen, pfeifen dort bereits die Tauben von den Dächern: „Fly away, fly away, fly away with me“. Rickebacker-Seligkeit, gestreicheltes Schlagzeug Klaviertupfer, die Songs zergehen wie das „Eis des Jahres“ auf der Zunge. Da kann einen selbst eine nur dezent angeschlagene Pedalsteel aus der Fassung bringen und die vorsichtige Beschleunigung in „Runner“ mutet bereits wie ein tobender Orkan an. Darin liegt indes auch ein wenig das Problem. Wenn die Band, wie bei „Worth Living“, mit verzerrten Gitarren und verzerrter Stimme aus dem Schema ausbrechen will, hört sich das ziemlich angestrengt an. Belässt sie aber alles beim alten, gerät selbst ein eigentlich toller Song wie „Sunbather“ allzu harm- und konturenlos. Zumindest die Andeutung eines Ausbruchs oder ein einziger spitzer Ton wäre nett gewesen. Zum Schluss gehen die BRANDED WOMEN allerdings dann doch noch ein paar Risiken ein: War bislang alles genau auf den Punkt gebracht, dauern die drei letzten Tracks beinahe noch einmal so lange wie alle vorangegangenen. Das Experiment gelingt nur zum Teil. „Feel“ treibt mehr als sieben glutvolle Minuten dahin, ohne Solo, ohne ausgesprochenen Klimax, die Licks heiß und schmachtend. Doch „Perfect“ hält das Versprechen des eigenen Titels ganz und gar nicht.

Was einen jedoch immer bei der Stange hält ist die Schlagzeugarbeit von Timo: Als Antithese zum Drumcomputer gewinnen die Stücke durch sein Schleppen und Verschleppen paradoxerweise an Fahrt. Nach Euphorie darf hier gar nicht erst gefragt werden: In einer Zeit, in der MUSE, COLDPLAY und RADIOHEAD die halbe heranwachsende Musikergeneration zur Sektion der privatesten Emotionen und gigantomanischen Emotionen inspiriert, bietet „Velvet Hours“ mit seinem Understatement eine willkommene Abwechslung. Musik für gewisse Momente, ganz klar. Doch wenn das Fenster offen steht und das Shirt am Körper klebt, gibt es wenig Besseres als ein kühles Alster in Griffnähe und die BRANDED WOMEN in der Anlage.

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