Band Filter

BROILERS - Puro Amor

VN:F [1.9.22_1171]
Artist BROILERS
Title Puro Amor
Homepage BROILERS
Label SKULL & PALMS RECORDINGS
Leserbewertung
VN:F [1.9.22_1171]
0.0/10 (0 Bewertungen)

In Zeiten dieses endlos erscheinenden Dauer-Lockdowns kam die Ankündigung eines neuen BROILERS-Albums im Winter gerade recht als ein kleines Licht am dunklen Horizont. Plötzlich ist fast Sommer, wir sitzen immer noch im Lockdown und „Puro Amor” ist erschienen. Nachdem ich den neuen Langspieler nun seit Freitag auf Dauerschleife laufen habe, fühle ich mich allmählich in der Lage, ein fundiertes Urteil darüber abzugeben.

Die BROILERS haben mit „Puro Amor” ein echtes Statement gesetzt und im Jahr 2021 eines ihrer besten Alben herausgebracht. Bei den 14 Songs ist kein einziger Rohrkrepierer dabei. Musikalisch knüpfen die Düsseldorfer mit dem vermehrten Einsatz von Bläsern wieder an alte Zeiten an und erfreuen so auch viele Oldschool-Fans. Der Song „Schwer verliebter Hooligan” dürfte jeden dieser Leute nur so anspringen und schon heute als Hit gelten. Mit den bereits vorab veröffentlichten Titeln „Alles wird wieder ok” und „Gib das Schiff nicht auf”, gibt es zwei Mutmach-Stücke, die den lethargischen Lockdown-Geschädigten wie Balsam auf der Seele erscheinen. Thematisch geht es aber auch ums Älterwerden. Im fast gleichen Alter wie die Bandmitglieder fühle ich mich hier hervorragend abgeholt und freue mich schon darauf ‚Wenn der Rücken es erlaubt – die Mittelfinger hoch!‘ aus dem Opener „Nicht alles endet irgendwann” auf dem ersten Konzert nach der Pandemie mitzugrölen. Mit „Nach Hause kommen / zurück zu mir” und „An allen anderen Tagen nicht” haben die BROILERS zwei hochemotionale Lieder über den Tod geschrieben. Da wir erst selbst küzrlich im engen Familienkreis einen schweren Verlust durch einen plötzlichen Tod verkraften mussten und immer noch verkraften, haben mich diese Songs besonders tief berührt. Gerade das letzte Lied der Platte „An allen anderen Tagen nicht” hat eine unfassbare emotionale Kraft, die mir schon das eine oder andere Mal das Wasser in die Augen und den Kloß in den Hals getrieben hat. Es ist aber zugleich auch unglaublich lebensbejahend und bietet somit eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die live sicherlich bei vielen Fans ihre Schleusen öffnen dürfte. Überhaupt geht es auf „Puro Amor” auch traurig und nachdenklich zu: „Dachbodenepisoden” erzählt von alten Geschichten, die melancholiche Gefühle (erneut) zum Leben erwecken, während „Da bricht das Herz” musikalisch deutlich weiter nach vorne geht, aber thematisch beim eher traurigen Titel bleibt. Politisch werden die BROILERS auch wieder. Zwar nicht ganz so deutlich, wie beim Vorgänger „(sic!)”, dafür aber tiefgründiger beim Song „Porca Miseria”, wo es um den zusammengefallenen Zusammenhalt Europas geht. „Alice und Sarah” ist beim ersten Hören ein echter Gute-Laune-Song, der aber eine klare antirassistische Botschaft hat, die hier jedoch mit viel Humor verpackt ist und längst nicht so plump daherkommt, wie oftmals bei anderen (Punk-)Bands. „Niemand wird zurückgelassen” ist eine Hymne für die Subkultur, die einem schon nach dem ersten Hören nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein echter Knaller ist zudem der Song „Diktatur der Lerchen”, wo es nach dem Oldschool-Hit „Nur die Nacht weiß” nach langer Zeit mal wieder um das Nachtleben geht. „Alter Geist” ist ein weiterer Song, der schnell Ohrwurm-Potenzial entwickelt, wenngleich er thematisch eher die düsteren Gedanken der dunklen Jahreszeit behandelt. Zu guter Letzt ist „Trink mich doch schön” ein wahnsinnig cooler, lustiger und schwoofiger Trink-Song, der mit seinen Roots-Reggae-Vibes sofort ansteckt und zum Mitlallen einlädt.

Als BROILERS-Fan, der die Band schon vor knapp 20 Jahren in Jugendzentren gesehen hat und sie seit dem zweiten Album aktiv verfolgt und auf vielen Konzerten begleitet hat, ist die Gesamteinordnung in die Diskografie der Band immer recht schwer. Bei den BROILERS liegt die Latte hier ganz klar beim 2007er Album „Vanitas”, welches aus meiner Sicht das beste deutchsprachige Punkrock-Album überhaupt ist. Diese Meinung habe ich bei weitem nicht exklusiv. Bei den weiteren Alben der Band-Diskografie scheiden sich aber die Geister. Das ist bei einer Band, wie den BROILERS nichts Außergewöhnliches, da die Düsseldorfer als kleine, junge Oi!-Punks angefangen haben und heute auf großen Bühnen im Deutsch-Rock mit verschiedenen Einflüssen und den Subkultur-Roots von damals spielen. So gibt es natürlich auch 20 Jahre nach den Oi!-Konzerten in abgeranzten Jungendzentren immer noch Leute, die meinen, dass “ihre” BROILERS genau so klingen müssten, wie damals. Das ist natürlich Quatsch und kann daher auch nicht mehr als Bewertungsgrundlage der heutigen Musik gelten. Ich persönlich finde, dass die BROILERS mit „LoFi”, „Santa Muerte” und „(sic!)” drei hervorragende Alben jenseits der einseits angesprochenen „Vanitas” herausgebracht haben. Das Album „Noir” fällt in meinen Augen deutlich ab und kann aus heutiger Sicht als kleiner Fehltritt in der Bandhistorie gewertet werden (zumindest aus meiner Sichtweise). Nun haben sie mit „Puro Amor” wieder ein echtes Brett in den Musikhimmel geschickt, welches wohl so vielschichtig ist, wie kein BROILERS-Album zuvor. Schmerz, Trauer, Wut, Spaß, Melancholie, Politik, Alkohol … thematisch ist alles dabei. Musikalisch ist das Album durch den vermehrten Einsatz von Bläsern und vielen unterschiedlichen Stilen und Einflüssen ebenfalls so vielschichtig wie noch niemals zuvor. Von ganz ruhigen a-capella-mäßigen Songs bis zu harten Gitarrenriffs ist alles dabei. Die rhythmischen Oldschool-Nummern mit Roots-Einflüssen runden diese Vielfalt ab und sorgen dafür, dass man nicht anders kann, als „Puro Amor” in Dauerschleife laufen zu lassen und die unterschiedlichen Gefühlswelten immer wieder mit voller Emotion zu durchleben. Kurzum: Ein wunderbares Album haben die BROILERS in dieser harten Zeit herausgebracht. Die Gesamteinordnung fällt heute sicher noch etwas schwer, aber schon heute kann ich behaupten, dass ich „Puro Amor” mindestens (!) auf die gleiche Stufe wie die oben genannten drei Alben „LoFi”, „Santa Muerte” und „(sic!)” stellen würde. Durch die angesprochene Vielfalt und den bisher nicht enden wollenden Suchtfaktor hat es aber tatsächlich auch das Potenzial noch eine Stufe darüber zu stehen. Wir werden sehen… schade, dass es wohl noch länger dauert, bis wir die neuen Songs auch live erleben und einordnen können. Ich bin ein ‚schwer verliebter Hooligan‘ in dieses Album und von mir gibt es ‚puro Amor‘!

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

BROILERS - Weitere Rezensionen

Mehr zu BROILERS