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CARLA GARAPEDIAN - Screamers (DVD)

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Artist CARLA GARAPEDIAN
Title Screamers (DVD)
Homepage CARLA GARAPEDIAN
Label SONYBMG
Leserbewertung
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9.0/10 (1 Bewertungen)

Das Genre der politischen Dokumentation ist spätestens durch Michael Moore in den Fokus einer weiten Öffentlichkeit gerückt. Dass hierbei Information, Agitation und Suggestion Hand in Hand gehen, ist quasi Genre-inhärent. Ein besonders interessanter Vertreter dieser Sparte verbindet Motive des Konzertfilms mit einer Anklage gegenüber der (westlichen) Teilnahmslosigkeit hinsichtlich historischer Massenabschlachtungen. Genozide. Während der Holocaust, die Verbrechen in Bosnien oder Kambodscha international „anerkannt“ sind, werden historische Ereignisse, die sich um 1915 herum in der Türkei abgespielt haben, kontrovers diskutiert. Es geht um die systematische Ausrottung der armenischen Minderheit insbesondere in Anatolien, die von der damaligen türkischen Regierung befehligt wurde. Lange Zeit war nur wenig bekannt darüber und das wäre möglicherweise auch so geblieben, wenn nicht eine Armenisch-stämmige Rock/ Metalband zu größter Berühmtheit gelangt wäre. SYSTEM OF A DOWN. Die mittlerweile auf Eis gelegte Formation wurde nicht müde, ihre Finger in die Wunden des eigenen Volkes zu legen, selbst direkt betroffen, wie die Aussagen von Serj Tankians Grossvater zeigen. Mit ihren Songtexten, den Interviews und der Zusammenarbeit mit politischen Gruppierungen konnten sie die Öffentlichkeit für die grausamen Geschehnisse der Vergangenheit sensibilisieren.

In diesem Zusammenhang steht auch der Film „Screamers“, der sich im Titel auf Menschen bezieht, die ihren Unmut, ihre Beobachtungen LAUT herausschreien, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Das Unglaubliche an den oben beschriebenen Vorgängen ist nämlich, dass weder die Türkei selbst, noch die Vereinigten Staaten oder Großbritannien den vielfach belegten Genozid anerkennen. Im Gegensatz übrigens zu Staaten wie Frankreich oder Deutschland, was uns nun auch nicht zu Heiligen macht. Aber immerhin. Als Regisseurin fungierte die ebenfalls mit armenischen Wurzeln gesegnete Carla Garapedian, die es zur Anchor Woman von BBC World News brachte und mittlerweile für ihre Dokumentationen (etwa über Frauen in Afghanistan) hoch angesehen ist. Mit ihren Kameras begleitete sie SYSTEM OF A DOWN auf verschiedenen Stationen ihrer Tournee, beispielsweise in London, Amsterdam oder Berlin. Immer wieder werden Live Mitschnitte gezeigt, die geschickt mit Aussagen von Zeitzeugen, Menschenrechtlern aber auch Originalbildern von Gräueltätern kombiniert wurden. Dadurch entsteht eine enorme Sogkraft, sich mit diesen Themen zu identifizieren, andererseits wird man natürlich auch angreifbar, sich selbst propagandistischer Stilmittel zu bedienen. In diesem Fall aber absolut akzeptabel, denn nur so erreicht man die heutzutage doch meistenteils träge, unpolitische Jugend. In Interviews mit den Band Mitgliedern betonen diese ihre Pflicht, sich für die Aufbereitung der Vergangenheit einzusetzen, aus privaten und gesellschaftlichen Motiven. Dann wird auch mal wieder im Tourbus rumgealbert, was einen gewissen Stilbruch darstellt, zwischen aufgedunsenen, zerhackten, vergewaltigten, zerstörten Körpern.

Dass dieser Film und auch die Band selbst in weiten Teilen der Türkei keine besondere Verehrung erfahren hat bzw. wird, dürfte auf der Hand liegen. Zeitgenössische Bilder von Demonstrationen gegen armenische Geschichtskongresse oder Fotoausstellungen wirken geradezu erschreckend. Fanatism lives. Wobei es natürlich auch dort kritische Stimmen gibt. Eine davon, welche dem Chefredakteur der türkisch-armenischen Zeitung Agos gehörte, wurde mittlerweile zum Schweigen gebracht. Ein 17-jähriger arbeitsloser Jugendlicher erschoss Hrant Dink auf offener Strasse. Auch auf eine DVD Beilage des Time Magazins, in der für die Türkei als Urlaubsland geworben und nebenbei in einem Hidden Feature der Genozid geleugnet wurde, wird hingewiesen. Kurioserweise zierte der damalige Kanzler Schröder genau diese Ausgabe. Dazu immer wieder Bilder von Reagan, Bush und Co., die zwar mit starken Worten die Schrecken dieser Welt verurteilten, aber den Worten keine Taten folgen ließen, teils aus politischen Interessen.

Die technische Seite dieser DVD ist bei dem Thema eher vernachlässigbar, soll aber kurz beleuchtet werden. Man vertreibt den Film hierzulande in der Originalfassung mit Untertiteln (auch bei den Live Songs), was absolut in Ordnung geht. Ob man das ursprüngliche NTSC Format nicht hätte konvertieren können, sei mal dahin gestellt, kann aber den Sehgenuss natürlich nicht trüben. Obwohl „Genuss“ sicher das falsche Wort ist, denn man fühlt doch einen dicken Kloß im Hals, der gerade bei unserer eigenen Vergangenheit einen bitteren Beigeschmack besitzt. Wir sollten eigentlich die Letzten sein, die mit ihren Fingern auf andere zeigen. Absolut unverständlich für mich die Altersfreigabe. Während sonst jeder gewalttätige Action Müll mit 16er Freigaben (und dem Prädikat „pädagogisch wertvoll“) fürs Kino durchkommt, prangt hier das Etikett „Keine Jugendfreigabe“ auf der Verpackung. Dabei handelt es sich doch „nur“ um reale Dokumentarbilder. Brutal und schockierend aber WAHR. Wäre in meinen Augen schon für 14-Jährige eine gute Gelegenheit, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Gerade durch die „populäre“ Dreingabe, etwas über seine Lieblingsband zu erfahren. Zumal eine von Schimpfwörtern bereinigte Educational Version vorhanden ist. Als Bonus Material gibt es zudem mit „Question!“ ein Video sowie Behind the Scene Aufnahmen.

Ein sehr kraftvoller, in seiner Aussage natürlich absolut klarer Dokumentarfilm, der auf geschickte psychologische Kriegsführung gegenüber seinen (mächtigen) Gegnern setzt und sicher das Publikum spalten wird. Das gelingt in der Regel nur Kunstwerken von hoher Perfektion, die von absoluter Leidenschaft gekennzeichnet sind. Genau wie das Wirken von SYSTEM OF A DOWN.

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