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DANIEL ESPINOSA/ MICHAEL HJORTH - Sebastian Bergman – Spuren des Todes I

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Artist DANIEL ESPINOSA/ MICHAEL HJORTH
Title Sebastian Bergman – Spuren des Todes I
Label EDEL MOTION
Leserbewertung
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7.5/10 (2 Bewertungen)

Schwedische Krimis sind „in“. Insbesondere seit Henning Mankells weltweit erfolgreicher Buchreihe über die beruflichen wie privaten Fallstricke eines gewissen Kommissar Wallander gilt die Symbiose aus nordischer Schwermütigkeit und tiefschwarzem, psychologischen Thrill als Garant für gute Fernseh- bzw. zuweilen auch Kino-Unterhaltung. Nicht zu vergessen natürlich die sozialkritisch angehauchten Werke nach Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die bereits diverse Male auf die Leinwände gebracht wurden. Auch meine Wenigkeit gehört zu den großen Fans skandinavischer Spannungskunst, die oftmals der Behäbigkeit deutscher Konkurrenz um Lichtjahre voraus ist. Bzw. war, denn in letzter Zeit werden auch Abnutzungserscheinungen deutlich, das Geschäftsprinzip der zu melkenden Kuh macht auch vor der schwedischen Film- und Fernsehproduktion nicht Halt. Eine gewisse Routine macht sich breit, die zwar formal noch immer ordentlich, inhaltlich aber bestenfalls wiederkäuend ist, um mal bei der Metapher zu bleiben. Serien wie „Maria Wern, Kripo Gotland“ oder auch „Ein Fall für Annika Bengtzon“ können qualitativ nicht annähernd mit früheren Meisterwerken verglichen werden, dienen nur noch dazu, das Sonntags-Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender zu füllen.

Da kommt der alte Haudegen Rolf Lassgård als Zugpferd eines neuen Merchandises gerade richtig, ist er doch als ursprünglicher (und BESTER) Wallander-Darsteller quasi eine Ikone des Genres (abgesehen davon hat er am selben Tag im Jahr Geburtstag wie der Schreiber, das verbindet). Der Vollständigkeit halber seien Krister Henriksson und Kenneth Branagh ebenfalls erwähnt, die mit ihrer jeweiligen Verkörperung der Figur durchaus auch überzeugen konnten. Doch Lassgård mit seiner tapsigen Schwerfälligkeit, dem traurigen Blick und dem gleichermaßen wachen Blick für die Details ist geradezu prädestiniert für die Rolle des einsamen Wolfes, die er übrigens in dem Doppel „Die Spur/ Die Nacht der Jäger“ perfektionierte. Umso erstaunlicher, dass er in den Kommissar-Beck-Verfilmungen aus den frühen 90ern noch das Raubein „Gunvald Larsson“ gab, eine Rolle, die Mikael Persbrandt in den „neuen“ Fällen später zweifellos deutlich besser ausfüllte. In den vorliegenden ersten beiden Teilen der neuen Sebastian Bergman-Reihe (im Original „Den fördömde 1 & 2“ – hierzulande nach den eingedeutschten Buchtiteln benannt) gibt er den ehemaligen Polizeipsychologen gleichen Namens, der gleichermaßen für sein Talent wie seine schwierige soziale Ader bekannt ist. Der berühmt-berüchtigte Tsunami 2004 nahm ihm Frau wie Tochter, die er nicht hatte retten können, was ihm ein ordentliches Trauma bescherte, so wie es der schwedische Krimi eben erfordert. Das mag jetzt zynisch klingen, andererseits ist das Klischee nicht weit, wenn ein Gebrochener emotional Amok läuft und damit mal wieder ein zerrissener Charakter etabliert werden soll. Zudem oder vielleicht auch trotzdem hatte Herr Bergman unzählige Frauengeschichten, was angesichts der Optik doch ein wenig verwundert, aber vielleicht zieht im hohen Norden ja der Intellekt mehr als hierzulande. Diese Biographie wird dem Profiler im 2ten, deutlich schwächeren Teil „Die Frauen, die er kannte“ (fast) zum Verhängnis.

Die bereits 2010 abgedrehten Filme liefen erst knapp 3 Jahre später im Deutschen Fernsehen, woraus man aber keine Schlüsse ziehen sollte. Mittlerweile sind bereits 2 weitere Fälle fertiggestellt, die uns 2014 erreichen sollen. Das alles als Schwedisch/ Deutsch/ Niederländische Co Produktion, was heutzutage ja üblich ist. Die beiden Buchautoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt sind erfahrene alte Spannungshasen, die auch als Drehbuchautoren bereits überzeugen konnten. Erstgenannter hatte seine Finger beispielsweise bei der sehr guten Mankell-Adaption „Die Frau, die lächelte“ im Spiel, Rosenfeldt war an der hochgelobten Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ beteiligt. Ein Grund für die doch deutlich erkennbare Überlegenheit von Teil 1 – „Der Mann, der kein Mörder war“ – könnte die Besetzung des Regisseurs sein. Daniel Espinosa durfte direkt nach diesem Film hier in den Staaten den gutklassigen „Safe House“ mit Denzel Washington drehen und hat gerade die Arbeiten an „Child 44“ mit Tom Hardy, Gary Oldman und Noomi Rapace beendet. Auch wenn Hollywood kein absoluter Gradmesser für Qualität ist, so hat man hier doch die Fähigkeiten des halb schwedisch/ halb chilenisch-stämmigen Herren richtig eingeschätzt. Für Teil 2 setzte sich Buchautor Hjorth persönlich auf den Stuhl, und der hat nun wahrlich keine weiteren bedeutenden Werke in seiner Filmographie, dementsprechend ist das Ergebnis kaum mehr als oberer Durchschnitt. Doch nun zu den beiden Filmen selbst, die jeweils auf einer DVD im typischen 1.78:1 Format präsentiert werden.

„Der Mann, der kein Mörder war“

Sebastian Bergmann kehrt nach dem Tod der Mutter in sein Elternhaus zurück, was ihn einerseits emotional noch tiefer in die Krise stürzt ob der Erinnerungen, andererseits letztendlich auch ins Leben zurückholt. Er erfährt durch Briefe von einer früheren Liebschaft, aus der offensichtlich ein Kind hervorgegangen ist, ganz zum Schluss wird dessen Identität gelüftet, da hatte er aber bereits beruflich mit seiner Tochter in spe zu tun. Sie war Teil einer Ermittlungseinheit im Mordfall an einen minderjährigen Schüler einer Privatschule, an der nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen scheint. Roger Eriksson war ein eher ungeliebter Einzelgänger, der nur aufgrund von Beziehungen überhaupt an die elitäre Einrichtung hatte wechseln können. Während der Zuschauer früh den Mordhergang zu Gesicht bekommt, rätselt das Einsatzteam, das den soziopathischen Profiler eher widerwillig aufnimmt, noch über Abläufe und Motive. Und davon werden im Verlauf der 90 Minuten einige präsentiert – falsche Fährten werden gelegt, weitere Figuren treten den Weg alles Irdischen an, und erst gegen Ende führen alle losen Enden zusammen. Mittels diverser, teils auch bewusst irreführender Rückblenden werden immer wieder mögliche Szenarien durchgespielt, technisch mit grobkörniger Kamera gekennzeichnet. Daneben finden sich oft wacklige Aufnahmen, die eine gewisse fiebrige Unsicherheit unterstreichen sollen, ergänzt von einem düsteren, minimalistischen Score. Regisseur Espinosa und sein Team erreichen hier fast Kinoqualität. In Verbindung mit dem ansprechenden Spannungsbogen kann man hier von einem deutlich überdurchschnittlichen Filmerlebnis sprechen, bei dem Lassgård die Zerrissenheit seiner Figur zwischen Arroganz, Tragik und Selbstzerstörung sehr gut rüber bringt. Ob es nun auch sämtlicher Nebenstränge wie die homosexuellen Neigungen des Direktors gebraucht hätte, sei mal dahin gestellt.

„Die Frauen, die er kannte“

Im 2ten Teil geht es um einen Serienmörder, der scheinbar wahllos Frauen auf brutale Art und Weise und mit einem ganz bestimmten Modus Operandi ins Jenseits befördert. Bergman, der gerade von seiner Psychologin in eine Art Selbsthilfe-Gruppe gesteckt worden war (und am ersten Abend sofort eine seelisch angeknackste Mitleidende ins Bett befördern konnte), wird hellhörig, denn er erkennt sofort, dass hier jemand die Morde eines gewissen Edward Hinde kopiert, den er selbst zur Strecke gebracht hatte. Die beiden hatten eine Art Psychoduell ausgefochten, zudem rührt Bergmans Ruhm nicht zuletzt aus 2 Büchern, der er über den hochintelligenten, pathologischen Serientäter verfasst hat, der als Kind natürlich von seiner Mutter missbraucht wurde. „Natürlich“, denn hier werden doch einige klassische Topoi der Filmgattung präsentiert, die nicht eben besonders clever variiert werden. Hinde ist eine Art Dämon, der schwächere Mitmenschen beeinflussen und zu willigen Werkzeugen machen kann. Die Besuche im Gefängnis erinnern beizeiten an die schweigenden Lämmer, ohne auch nur ansatzweise dieselbe Tiefe zu erreichen. Darsteller Niklas Falk („Vergebung“) kann zudem das Bedrohliche seiner Figur nicht immer glaubhaft machen. Um den Plot emotional noch weiter zu befeuern, ist Sebastians uneheliche Tochter Vanja (die noch unverbrauchte Moa Silén) abermals in der ermittelnden Einsatzgruppe, die natürlich ins Visier des Killers gerät und die die wahre Identität ihres Erzeugers nicht erfahren soll. Was auch wieder an die komplexe(re) Vater-Tochter-Beziehung in den Wallander-Romanen erinnert. Das alles ist cinematographisch sicher ordentlich gemacht, auch die Darsteller geben ihr Bestes und Lassgård ist natürlich immer eine Bank. Doch das alles wirkt viel zu formelhaft, hin und wieder psychologisch zu „billig“ und entwickelt nur oberflächlich Spannung. Ein Gebrauchskrimi, der einmal ordentlich unterhält – nicht mehr aber auch nicht weniger. Am Ende schaut man zumindest neugierig in die Zukunft, wie sich das Verhältnis der Figuren entwickeln und ob der Profiler wieder Halt im Leben finden wird.

Fazit

Ein ausgezeichneter Hauptdarsteller, ein technisch wie inhaltlich überzeugender erster Teil und ein leicht biederes Sequel, das aber noch annehmbar ist. Für Schwedenkrimi-Fans definitiv eine Sichtung wert. Enttäuschend die DVD-Präsentation. Das Fehlen sämtlicher Extras sowie von Untertiteln oder der Originaltonspur steht stellvertretend für die lieblose Aufmachung. Dabei wäre das alles heutzutage sicher kein Problem. Ein Wendecover ist ebenfalls nicht vorhanden, so stehen letztendlich die beiden Filme für sich, in optisch annehmbarer Qualität, wobei das Bild hin und wieder bewusst unter Stilmitteln „leidet“. Wer sich also ausschließlich auf die 180 Minuten Sebastian Bergman stürzen will, ist mit dieser recht preisgünstigen VÖ ordentlich bedient. Ich für meinen Teil freue mich auf die Fortsetzungen, die hoffentlich das hohe Niveau des Erstlings wieder erreichen.

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