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DEAR... - Whiteout Walls

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Artist DEAR...
Title Whiteout Walls
Homepage DEAR...
Label EIGENPRODUKTION
Leserbewertung
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7.9/10 (74 Bewertungen)

Selten ist sie geworden, Musik, in der man sich verlieren kann, die Tiefgang anstatt Kitsch auffährt und die einen gefangen nimmt, statt einem ein bestimmtes Gefühl einfach nur stumpf vor die Stirn zu schlagen, das so aber nie in den Kopf oder gar in das emotional gerührte Herz vordringt. In der Zeit zwischen den Baukasten-Weihnachtssongs, Schema F-Sommerhits und der im Turnier der Unkreativität um den ersten Platz kickenden Fußball-Songs zur EM reifte im Stillen etwas heran, das von zwei Brüder im musikalischen Geiste geboren und nun mit einem Ziel auf die Welt losgelassen wird, dem wir doch alle nachstreben: „Weltruhm und ein Geldspeicher“. Und so veröffentlicht das Duo DEAR…, bestehend aus PRAY FOR ABSOLUTION-Sänger Frederik („Freddy“) Rottmann und dessen besten Kumpel Nicolai („NK“) Klatz, quasi aus dem Nichts und ohne sich mit Demos oder EPs aufzuhalten ihr Debütalbum „Whiteout Walls“. Kleinvieh ist schließlich auch Mist, zumindest auf dem Weg zum Weltruhm.

Doch wo auf der Internetpräsenz noch große (und nicht ganz ernstgemeinte) Sprüche geklopft werden, zeigt man auf dem Erstlingswerk, was dahinter steckt. Bereits beim sphärischen „Intro“ spürt man, dass hier ein Projekt ins Leben gerufen worden ist, bei dem man seiner Kreativität einfach freien Lauf lässt, alle musikalischen Schubladen aufreißt und sich genau an dem bedient, was Atmosphäre, Stimmung und die vorherrschende Emotion gerade verlangt. Loungige Vibes zu Beginn werden ergänzt durch sanft trancige Ströme, auf denen der gefühlvolle Gesang entlanggleitet, doch ehe das Ganze zu sehr an Fahrt gewinnt, ebbt es auch schon wieder ab. Normalerweise schade da vielversprechend klingend, in diesem Fall aber nicht allzu tragisch, da es umso besser weitergeht. Mit dem zweiten Track „Walking Away“ folgt nämlich schon das erste absolute Highlight des Albums. Die elektronische Grundlage geht eine entspannende Symbiose mit den Pianoklängen ein – und als dann noch der Gesang einsetzt, kann man sich dem aufkommendem Wunsch, sich gedanklich fallen zu lassen, nicht länger erwehren. Die klare Stimme von NK ergänzt sich extrem gut mit Freddys reibigem Gesang; sei es bei den jeweils einstimmigen Parts oder eben auch als gegenseitige Untermalung. Hier ist ein echter Hit geboren! Und das ist bei weitem nicht der einzige. Direkt im Anschluss folgt mit „Surrender“ schon der nächste Knaller. Die Nummer kommt durch die rockigen Gitarren und den treibenden Schlagzeugrhythmus bereits von Beginn an wesentlich rasanter herüber, was durch die gelegentlichen Shouts von Freddy, die man ansonsten von seiner bereits erwähnten Metalband PFA kennt, noch weiter angeschoben wird. Doch auch wenn PRAY FOR ABSOLUTION-Gitarrist Simon Kowalzik hier als Gast in die Saiten greift, hat das Klangwerk seinen ganz eigenen DEAR…-Klang, dem Gastsängerin Deborah S. mit ihrem Goldkehlchen noch weiteres Profil gibt. Trotz dreier Stimmen, eines Gastgitarristen und der rockigen Attitüde wirkt das Stück in keinster Weise überladen sondern groovt was das Zeug hält und entpuppt sich als gnadenloser Ohrwurm.

Dem Zusammenwirken von Deborah und Freddys „musikalischer Vorgeschichte“ begegnet man dann erneut bei „When everything is falling apart“. Diese wunderschöne Ballade fand seinerzeit bereits auf dem Album „Unleash the darkness“ der Band BURNED ALIVE Platz, aus der dann später PRAY FOR ABSOLUTION hervorging. Gut vier Jahre später wirkt der schon damals starke Song noch gefestigter und passt hundertprozentig in das Gefüge der anderen DEAR…-Kompositionen hinein. Ihren dritten Einsatz hat Deborah dann beim höchst emotionalen „Ten Ways“. Eingeleitet von Freddys Sprachgesang, der durch seine beklemmende Art etwas an FALCOs „Jeanny“ erinnert, vertieft sie durch ihren Stimmeinsatz die bedrückende Stimmung des Songs auf hervorragende Art und Weise. Ein echtes Juwel, das man hier für seine Sache gewinnen konnte! Doch auch die beiden Herren der Schöpfung können jederzeit mit ihren Stimmen punkten. Bei ruhigeren Titeln wie „Take me home“ überzeugt vor allem NK, so dass man sich wundert, von ihm im Vorfeld nicht schon mehr gehört zu haben. Gefühlvolle Kompositionen müssen trotz Piano-Einsatz nicht unbedingt schmalzig oder kitschig wirken – zumal bei diesem Duo auch das, was ruhig beginnt, nicht zwangsläufig so bleiben muss. Bestes Beispiel wäre da „Walls of my room“, das mit seichter Gitarren- und Piano-Untermalung startet, einem im letzten Drittel dann aber mal ordentlich aufs Maul gibt. Die Gitarre hat scheinbar seinen großen, tätowierten Bruder eingeladen, während Freddy in böses Shouting umschlägt und man somit in alter LINKIN PARK-Manier losschmettert. Selbige Formation kommt einem auch generell in den Sinn; hier liegt man mit der Melange aus Wechselgesang, Gitarrenarbeit und den Arrangements nicht allzu weit von beispielsweise einem „Crawling“ entfernt. Für Überraschungen ist man also immer gut, und so findet sich am Ende des Longplayers dann sogar mit „Vergesst mich nicht“ ein Deutsch getextetes Stück. Die melancholisch bewegende Ballade bildet nicht nur einen schönen Album-Abschluss, sondern trumpft auch mit einem spannenden Ende inklusive kurzem Crossover-Part auf. Entzückend!

„Whiteout Walls“ bietet elf Kompositionen ohne stiltechnisch einengende Grenzen, ohne Gefühle einsperrende Wände, bei denen sich der Konsument direkt angesprochen fühlt – auch ohne dass sein Name statt der drei Punkte im Bandnamen auftaucht. Es ist schon wirklich beeindruckend, wie viel Dichte und vor allem auch Facettenreichtum das Duo hier in den überaus abwechslungsreichen 38 Minuten auffährt. Egal ob Gesang, Lyrik oder die Arbeit mit Gitarre, Schlagzeug, Piano und elektrischen Einspielungen – das alles in Eigenleistung ergibt auch ohne Label im Hintergrund zusammen mit der wiedereinmal sehr guten Abmischung von Niels Löffler einen mitreißenden, frischen Sound, der einen sofort gefangen nimmt. Mit Songs wie „Walking Away“, „Surrender“, „Marked by sorrow“ oder auch dem rockigen „Flashlights“ liefert man Hits und starke Nummern auf einem Debütalbum, bei dem wirklich keinerlei Ausfälle zu verzeichnen sind. Freunde von frühen LINKIN PARK-Sachen oder ruhigem BREAKING BENJAMIN-Material finden hier einige Qualitätsmerkmale dieser Bands. Meinen „Glückstaler“ bekommen die Jungs von DEAR… auf jeden Fall schon mal für ihren Geldspeicher!

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