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DIE ANARCHISTISCHE ABENDUNTERHALTUNG - Domestic Wildlife

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Artist DIE ANARCHISTISCHE ABENDUNTERHALTUNG
Title Domestic Wildlife
Homepage DIE ANARCHISTISCHE ABENDUNTERHALTUNG
Label RADICAL DUKE/ PIAS
Veröffentlichung ..
Leserbewertung
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Anarchistische Abendunterhaltung!
Magisches Theater
Eintritt nicht für
Jedermann
Nur für Verrückte
Eintritt kostet den
Verstand

So kann man es nachlesen in Hermann Hesses „Steppenwolf“. Was für eine perfekte Einladung, der Musik der ANARCHISTISCHEN ABENDUNTERHALTUNG zu lauschen! Das Belgische Sextett macht seit über 10 Jahren Musik jenseits aller kommerziellen Hörgewohnheiten. Auf ihrer aktuellen, fünften CD „Domestic Wildlife“ ist dies eine wahrlich wilde Instrumental-Mischung aus Jazz, Klezmer, Folk und Punk, die jedoch bei den ersten Stücken angekündigt domestiziert daher kommt.

„Lounja la gazelle“ ist eine wunderschöne Ouvertüre, in der sich alle Instrumente vorstellen: Akkordeon, Klarinette, Kontrabass, Geigen und diverse Perkussion. Das Akkordeon und die Klarinette wechseln dabei einander mit einer sehnsuchtvollen, schwermütigen Melodie ab. Für den Titeltrack „Domestic Wildlife“ übernimmt dann nach einigen verzerrten Elektrospielereien (die Zivilisation?) die Klarinette das Zepter über eine jazzig-experimentelle Gefolgschaft. In der Mitte zieht das Tempo an und Geige und Klarinette liefern sich eine kleine Hetzjagd, ehe es leise schleichend dem Titel entsprechend mit vermeintlichen Tiergeräuschen durch die Wildnis weitergeht. Am Ende erreicht man dann wieder melodischeres (bekanntes) Terrain, bis das Stück nach fast 8 Minuten in Elektrogefiepe verebbt. Dass sich DAAU nicht nur musikalisch jenseits ausgetrampelter Pfade bewegen, sondern auch die Songtitel kreativ und leicht neben der Spur sind, beweist „Rabbit eye movement“, mein Favorit, bei dem nun der Kontrabass und weitere Streichinstrumente im Mittelpunkt stehen und zu einer mädchenhaft verträumten Melodie den Vorhang zu wunderbarem Kopfkino öffnen. Madame Tautou kommt einem da mit weit geöffneten Kulleraugen entgegen und zieht einen durch ein schrilles Panoptikum. Liliputaner und Schwertschlucker säumen den Weg, eine Seiltänzerin im rosa Tutu nimmt einen mit auf die Fahrt auf einem historischen Karussell. Doch jäh wird man mit „Dispositioning System“ aus dem Traum gerissen. Punk ist angesagt, Punk à la DAAU. Dafür übernehmen das Akkordeon und der Kontrabass den Part der Gitarren. Treibend und sehr eigenwillig klingt das, selbst wenn man schon mal APOCALYPTICA gehört hat. Nach einem schleppenden, bleischweren Mittelteil dieses 8-Minüters bekommt man dann zwischen höllentiefem Geschrubbe und tinnitusgefährdeten Höhenfahrten alles geboten, was man aus den bislang genannten Instrumenten so rausholen kann. Doch so anarchisch wie es scheint, geht es selbst hier nicht zu, denn nach mehreren Durchläufen erkennt das Ohr, dass auch dieses vermeintliche Chaos gewisse Strukturen aufweist und ungeschriebenen Regeln folgt. Mit „Pedanterie“ geht es experimentell weiter. Das Akkordeon wird hier wie ein Rhythmusinstrument eingesetzt, während die Streichinstrumente mit schwer verdaulichem Sirenengeheul aufwarten. „Wish you were hit“ gehört dank klarer, heiterer Klarinettenmelodie wieder zu den Ohrenschmeichlern. Im zweiten Teil meint man eine E-Gitarre zu hören, obgleich garantiert keine spielt. Geradezu episch präsentiert sich „Tropic of cancer“. Der Kontrabass gibt den Beat vor, über den sich die restlichen Streicher mit sakraler Erhabenheit schwingen. Der nächste Titel heißt „Aufhören“. Das könnte man nun einerseits als klare Aufforderung verstehen, die Skip-Taste zu verwenden, was angesichts der gebotenen Chaotik plus psychedelischer Klarinette nahe liegt, vielleicht ist es aber auch als Einladung im Sinne von „Aufhorchen“ gemeint. “Highway Tiger“ ist sehr groovig, fast Swing, expressiv mit galoppierender Klarinette. Nun folgt das dritte 8-Minuten-lange Stück „Nowhere Beach“. Was als Partytrack beginnt, wird alsbald wieder eine Klangkollage aus Tiergeräuschen, Gebrüll, Sirenen und quietschenden Türscharnieren. Minimal-Musik, anstrengend und/ oder faszinierend. Schwebend um einen Ausgangston dann zum Abschluss „Lost soles“, das assoziativ zum Titel bedrohlich und morbide anwächst.

Eine knappe Stunde Abendunterhaltung, die ein konzentriertes Ohr verlangt. Als ob GIORA FEIDMAN, APOCALYPTICA, die SEX PISTOLS und eine Horde Zigeuner zusammen eine CD aufgenommen hätten, bei der nicht ein Track den üblichen Songstrukturen gehorcht. Ein Wechselbad zwischen flockig-leichten Passagen und kompromissloser Abgedrehtheit. Nicht tanzbar, nicht mitsummbar, schwer erklärbar. Aber für mich bislang die genialste Entdeckung des Jahres!

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