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DIE KRUPPS - The Machinists of Joy

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Artist DIE KRUPPS
Title The Machinists of Joy
Homepage DIE KRUPPS
Label SYNTHETIC SYMPHONY/ SPV
Leserbewertung
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7.3/10 (3 Bewertungen)

DIE KRUPPS sind Legende. Darüber gibt es keine 2 Meinungen. Seit über 33 Jahren sind Jürgen Engler und Co. nun schon aktiv, länger als so manch ein Cybergote auf dieser Erde wandelt. Dass man sich dabei so manche Kunstpause gönnte – geschenkt bei dem stilprägenden Output. War man früher quasi die Blaupause für EBM, spielte die Gitarrenlastige Phase eine wichtige Rolle in der Entwicklung des mittlerweile ausgelutschten Crossover-Genres. Zugegebenermaßen entdeckte auch Meiner Einer die Band erst 1993 mit der überaus erfolgreichen „II – The Final Option“-VÖ. „To the hilt“, „Crossfire“ und vor allem „Fatherland“ entwickelten sich weit über die schwarze Szene hinaus zu Hits, mal ganz zu schweigen von der sehr löblichen und überaus klaren antifaschistischen Haltung. Nach einigen Jahren Pause stellte man sich ab 2005 wieder auf die Bühnen dieser Welt, ich erinnere mich noch gut an unser Hannoveraner Interview im Januar 2006, wo die Herren Dörper und Engler auch menschlich über jeden Zweifel erhaben waren.

Nun also endlich wieder ein „echter“ Longplayer, streng genommen der erste nach der 1997er-Scheibe „Paradise Now“. Dazwischen gab es zwar diverse Releases wie die gelungene „Comeback“-Single „Wahre Arbeit, Wahrer Lohn“ (mit dem Gast Douglas McCarthy), 2 Best Of-Sammlungen oder die EP „Als wären wir für immer“ (mit einem UNHEILIG-Remix), doch für ein komplettes Studio-Werk brauchte es satte 16 Jahre. In dieser Zeit reifen Menschen heran oder auch Ideen, für DIE KRUPPS bedeutet „The Machinists of Joy“ eine Rückbesinnung auf alte Zeiten, ohne die „Moderne“ außen vor zu lassen. Was die Live-Auftritte bereits andeuteten, führte die 2012er Single „Industriemädchen“ (ein S.Y.P.H.-Cover) fort: Der elektronische Anteil wurde wieder deutlich erhöht, den Gitarren-Riffs kommt nur noch eine Nebenrolle zu, die berühmten Ringe kehren abermals aufs Cover zurück. Auch der Titel „Machinists of Joy“ ist natürlich eine Referenz an die eigene Vergangenheit, in der die Maschinen noch Freude produzierten. Da auch der Rezensent mittlerweile den elektronischen Klängen sehr zugewandt ist, konnte im Grunde ja nicht mehr viel schiefgehen…

Das Ergebnis ist dann ein wenig zwiespältig, zwar zeigt man dem Gros der aktuellen Garde, wo die Tasten glühen, das ist aber auch nicht besonders schwierig, bei dem heutzutage oft üblichen Niveau. Andererseits sind doch ein paar Titel recht sagen wir mal austauschbar bis unspannend ausgefallen. Das gute Teil startet aber furios mit dem Uptempo Knaller „Blick zurück im Zorn“, was hoffentlich nicht autobiographisch gefärbt ist. Auch das nachfolgende „Schmutzfabrik“, ein klassischer EBM-Track, der die Sequenzer glühen lässt, weiß zu gefallen, wenngleich ich mir den Gesang hier etwas „schärfer“ gewünscht hätte. Das bereits auf der gleichnamigen „Vorab-EP“ ausgekoppelte „Risikofaktor“ rundet den sehr gelungenen Eröffnungsdreier bestens ab, hier dürfen Zürchers Gitarren dann auch ein wenig mehr in Aktion treten, eine gelungene Symbiose der verschiedenen Bandphasen. Der erste englisch-sprachige Song „Robo Sapien“ (nettes Wortspiel) geht dann noch als ordentlich durch, wobei mich der Refrain irgendwie an die SISTERS zur „Vision Thing“-Phase erinnert. Ausgerechnet der Titeltrack danach kommt dann irgendwie gar nicht aus dem Quark, wobei ich durchaus nicht erwarte, dass EBM nun immer mega-innovativ klingen muss. Ganz im Gegenteil. „Essenbeck“ spielt natürlich auf den Visconti-Klassiker „Die Verdammten“ mit u.a. Helmut Berger an, der seinerseits wiederum die Essener (sic) Krupp-Dynastie ins Fadenkreuz genommen hatte. Dementsprechend ein pathetischer, filmischer Track. „Im falschen Land“ schlägt noch mal in die Kerbe des Openers und geht ordentlich nach vorne – bestens tanzbar imho. Damit ist allerdings auch der letzte Höhepunkt erreicht, zwar sind die vielen selbstreferentiellen Parts gerade für altgediente Fans sicher amüsant, doch einen seichten NDW meets WITT meets BLUTENGEL-Rohrkrepierer wie „Eiskalter Engel“ hätten Engler und Co. sicher nicht nötig gehabt. „Nocebo“ kupfert strukturell gerade in den Strophen stark bei „Wahre Arbeit, Wahrer Lohn“ ab. Und das war es dann auch schon.

Zumindest in der normalen Version, denn die Limited Edition bietet noch eine interessante Zusatzscheibe, die mir leider nicht vorlag, aber das ist ja heutzutage kein Problem mehr. Neben dem bereits angesprochenen „Industrie-Mädchen“ befindet sich darauf auch eine „überraschende“ Kollaboration: Niemand Geringeres als DERNIÈRE VOLONTÉS Mastermind Geoffroy steuerte seine einprägsamen Vocals zu „Sans Fin“ bei. Abgesehen von der hohen musikalischen Qualität dürfte dies auch ein Schlag ins Gesicht derjenigen sein, die bei dem Herren immer gleich voreilig die braune Karte gezückt haben. Und um dem ganzen eine Krone aufzusetzen, wird mit „Nazis auf Speed“ auch gleich noch einmal unmissverständlich Position bezogen. Und das als Quasi-RAMMSTEIN Hommage/ Persiflage.

Ergo sollte sich der Fan unbedingt die Doppel-CD-Variante zulegen, die in diesem Falle einen echten Mehrwert bietet. Damit lassen sich auch problemlos die etwas müderen Tracks der Hauptscheibe kompensieren, was insgesamt zu einem milden Urteil führt. Die Legende hat sich nicht selbst demontiert und ist immer noch in der Lage, heißen Elektro-Stahl zu schmieden, wenngleich das in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft fast anachronistisch anmutet.

1 Kommentar

  1. Gidorah sagt:

    Zumindestens das Beste seit „Volle Kraft voraus“ !

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