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DOT LEGACY - s/t

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Artist DOT LEGACY
Title s/t
Homepage DOT LEGACY
Label SETALIGHT
Leserbewertung
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10.0/10 (1 Bewertungen)

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.“

So klingt es, wenn Goethes Faust seine innere Zerrissenheit zwischen Körper und Geist offenbart. DOT LEGACY aus Paris beherrschen die Gratwanderung zwischen diesen Bedürfnissen dagegen geradezu meisterlich. Wie sie den Konflikt für sich auflösen, lässt sich auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum eindrucksvoll nachhören. Es ist schließlich musikalisch auch nicht immer einfach, Kopf und Bauchgefühl miteinander zu vereinen. Besteht doch ständig die Gefahr, zu sehr in eine Ecke abzugleiten, die nur einen Teil der eigenen Persönlichkeit widerspiegelt. In der Rockmusik kann der Output dann entweder dermaßen anspruchslos direkt geraten, so dass die Songs im Strohfeuer des flüchtigen Moments verheizt werden. Oder zu vertrackte Strukturen und verkopfte Arrangements lassen lediglich die Herzen verkopfter Noise-Experten höher schlagen, wobei es dann häufig am notwendigen Arschtritt fehlt, der die niedrigen Instinkte anspricht. DOT LEGACY fahren diesbezüglich mit den Hörern auf einer Achterbahn voller Widersprüche, deren Berge und Täler sich aber wunderbar ergänzen. Selbst Hip-Hop-Elemente wirken hier nicht fehl am Platz, und schon gar nicht überambitioniert.

Allein schon der Opener „Kennedy“ schleift den Hörer hakenschlagend mit wahnwitziger Geschwindigkeit durch die Genres und bringt dabei eine ganze Reihe von Schubladen zum Bersten. Zwischen Jazz, Stoner- und Postrock liegen plötzlich nur noch Sekundenbruchteile. Wenn man sich an das Tempo gewöhnt hat, kommt zusätzlich noch die ein oder andere Ohrwurmmelodie zwischen den frickeligen Gitarren zum Vorschein. Anschließend macht „Think of a Name“ seinem Namen alle Ehre. Hier werden dann noch Seventies-Hardrock-Elemente ins Spiel gebracht und ziehen sich auch nicht mehr zurück. Der wahnsinnige Höllenritt durch sämtliche Rockclubs einer imaginären Großstadt geht weiter bis zum Schluss des Albums. Überall dröhnt, grölt und zischt es. Erst ganz am Ende entlässt das akustische „3 am“ den Hörer in die Morgendämmerung. Keine zwei Minuten, dann heißt es: Hinten anstellen oder umfallen. Das große Verdienst der Platte ist neben der Originalität vor allem die Tatsache, dass DOT LEGACYs Stücke trotz ihrer Komplexität nie verkopft oder konstruiert wirken. Den Franzosen gelingt es durchgängig, Kopf und Bauch abwechselnd in schneller Folge anzusprechen. Oder beides gleichzeitig. Dieser unmittelbaren Dringlichkeit kann man sich schon beim ersten Hören kaum entziehen, und dennoch werden hier permanent so viele Schichten übereinandergelegt, dass auch nach dem zehnten Durchlauf noch nicht jedes Detail entdeckt ist.

Geschmackssache sind die gelegentlich etwas grölend geratenen Vocals, die Songs wie „Rumbera“ zwar eine gewisse Dynamik verleihen, dabei aber auch einen Teil seiner Erhabenheit nehmen. Aber auch das gehört zur Konfliktlösungsstrategie der Band und ist somit nur ein kleiner persönlicher Abzug in einem stürmischen Meer voller Pluspunkte.

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