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EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN - Live At Rockpalast 1990 (DVD/ CD)

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Artist EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN
Title Live At Rockpalast 1990 (DVD/ CD)
Homepage EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN
Label MIG MADE IN GERMANY
Leserbewertung
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4.0/10 (6 Bewertungen)

1990, als dieser Mitschnitt entstand, befanden sich die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN inmitten einer spannenden Metamorphose: Nach dem experimentellen Industrial der frühen Jahre hatten sie sich mit dem Album „Haus der Lüge“ zunehmend ruhigeren Tönen zugewandt, die Blixa Bargelds ausgeklügelter Lyrik mehr Raum ließen als zuvor. Für den „Prolog“, in dem sie ihren Flirt mit dem Feuilleton selbst auf die Schippe nahmen, hatten sie zwar einiges an Häme einstecken müssen (unter anderem die spaßige Parodie „Der gespielte Witz“ der alten Weggefährten von ABWÄRTS), aber trotzdem wählte die Band dieses Wechselbad aus Proklamation und Metalllärm als Opener für die damalige Tour. Für das Rocknacht-Publikum, das an diesem Abend nicht nur für die NEUBAUTEN, sondern auch für Bands wie THE MISSION, DREAD ZEPPELIN oder JAMES in die Düsseldorfer Philipshalle gekommen war, vielleicht ein bisschen schwere Kost.

Aber immerhin: Dass auch eine ganze Reihe von NEUBAUTEN-Fans unter den Zuschauern ist, zeigten die zahlreichen „Blixa!“-Rufe zu Beginn. Und ohnehin spielt die Resonanz für diesen vorliegenden Mitschnitt keine große Rolle, denn Ton und Bild konzentrieren sich auf die Band und das Geschehen auf der Bühne; das dank des Schrott-Instrumentariums aus Einkaufswagen, Stahlfedern und Bohrmaschinen optisch ja auch einiges bietet. Wobei es Blixa Bargeld ist, der mit seiner Diven-Performance zwischen Knef und Kinski die Blicke auf sich zieht, ob ironisch distanziert wie beim „Prolog“, selbstvergessen im Electro-Rhythmus von „Feurio“ oder emotional und schamanisch wie bei „Sehnsucht“. Zwar hat er die Bondage-Hosen und Gummistiefel bereits gegen einen Anzug getauscht, und seine Frisur ist auf dem Weg vom punkigen Stachel zum gediegenen Seitenscheitel, aber konventionell ist an seiner Bühnenpräsenz nichts – dafür sorgt spätestens der brennende Blick.

Bargeld ist ein herausragender Frontmann, der den kontrollierten Kontrollverlust auf faszinierende Weise beherrscht und bei aller Entrücktheit Band und Publikum meisterlich im Griff hat. Die Neubauten mögen bereits zum Abheben ins Vergeistigte ansetzen, aber live beweisen sie noch immer eine enorme physische Präsenz. Alex Hacke windet sich in ekstatischen Zuckungen, während er versucht, seiner Gitarre bei „Der Tod ist ein Dandy“ ebenso viel Lärm zu entlocken wie Endruh Unruh mit seinen übereinander schabenden Stahlplatten. F.M. Einheit attackiert schwitzend im ausgeleierten Promo-T-Shirt seine Metallperkussion, und selbst Bassist Mark Chung, der wie Bargeld in Schlips und Kragen auftritt, verströmt entfesselte Aggressivität.

Dabei besteht der Set durchaus aus vielen vordergründig ruhigen Titeln, die ihre Energie weniger aus harten Rhythmen als aus angespannter Intensität ziehen, wie „Armenia“, „Der Kuss“ oder auch „Letztes Biest am Himmel“. Sie werden dramaturgisch clever ergänzt um die pulsierenden Klangkreationen, auf die der Begriff Rocksong allenfalls nach Verwurstung durch DEPECHE MODE passt, wie der NEUBAUTEN-Klassiker „Yü Gung“, bei dem Bargelds Grinsen andeutet, dass er sogar richtig Spaß bei der Sache hat.

Der ureigene Humor der NEUBAUTEN offenbart sich dabei am ehesten in einer der Zugaben, dem genial in bestem Country-Industrial präsentierten LEE-HAZLEWOOD-Cover „Sand“, aber auch die fulminante Fassung von „Zeichnungen des Patienten O.T.“ und das brüchig-schöne „Letztes Biest am Himmel“ hat sich die Band für den Schluss aufgehoben. Der Mitschnitt ist mit knapp über einer Stunde nicht besonders lang, aber trotz der relativ sterilen Kameraführung wird die Intensität spürbar, die damals die Konzerte der NEUBAUTEN auszeichneten, und die emotionale Kraft, die Sound und Texte durch die Verquickung von ungezügelter Härte und enorm großer Präzision erhalten.

Ton- und Bildqualität sind solide, die Ausstattung der DVD eher spartanisch, auch wenn das Digipak zusätzlich noch die Audio-Fassung des Auftritts auf CD sowie ein schmales Booklet mit einem einleitenden Text von NEUBAUTEN-Kenner Ecki Stieg enthält. Spannendes Bonus-Material war im Rahmen der Rockpalast-Reihe wohl auch nicht zu erwarten, wäre aber natürlich trotzdem schön gewesen. So ist „Live At Rockpalast“ dann weniger großes Kino als vor allem ein aufschlussreiches Dokument, das einer der wohl bedeutendsten deutschen Bands der letzten vierzig Jahre in einer entscheidenden Phase ihrer Karriere zeigt.

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