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EMIR KUSTURICA - Maradona by Kusturica (DVD)

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Artist EMIR KUSTURICA
Title Maradona by Kusturica (DVD)
Homepage EMIR KUSTURICA
Label ARTHAUS/ KINOWELT
Leserbewertung
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10.0/10 (3 Bewertungen)

Rechtzeitig zur Fußball-Europameisterschaft 2008 spendierte Kinowelt im Juni 2008 in Kooperation mit dem 11-Freunde-Fußball-Magazin allen Anhängern des runden Leders eine ganz besondere Sammlung von Filmen: Die 11 Freunde Gesamtedition, welche 11 außerordentliche Filme über den (nach Meinung aller Europäer und Südamerikaner) großartigsten Sport der Welt in wahrlich kaiserlicher Aufmachung: 11 aufwändige Digipaks mit je 16-seitigem integrierten Booklet der 11-Freunde-Redaktion in einem edlen Sammelschuber. Pünktlich zur kommenden Fußball-Weltmeisterschaft wird diese Edition nun durch eine weitere Box mit 6 sechs wunderschönen, anrührenden und spannenden Fußballfilmen ergänzt, welche in einem hochwertigen Digipak mit 32-seitigem Booklet präsentiert werden. Einige dieser Filme sind allerdings noch so taufrisch, dass sie sich den Klassiker-Status erst einmal erspielen müssen.

Die neue Box enthält folgende DVDs:
– “Maradona by Kusturica” (Dokumentarfilm über Diego Armando)
– „Awaydays“ (ein Hooligan-Drama)
– „Referees at Work“ (rasante Schiedsrichter Dokumentation)
– „Offside“ (Dokumentation über Fußball im Iran)
– „Spiel der Götter“ (Dokumentation über Fußball in Indien)
– „Die besten Frauen der Welt“ (das Gegenstück zum Herren-Sommermärchen aus der Sicht der Frauen-Nationalmannschaft)

Den ersten Film von EMIR KUSTURICA möchte ich nun einmal in den Fokus stellen. Herr Kusturica, zweimal in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, ein ganz Großer unter den Filmemachern (so der Verleih, meine Meinung ist da eher eine Andere), fasst den Entschluss, eine Dokumentation über Diego Armando Maradona zu drehen. Er, bekannt für seine zappligen Filme über das Leben im Balkan, reist in Richtung Argentinien, um den Größten aller Fußballer filmisch zu verewigen, sein Idol, Diego Armando Maradona. 2008 (der Film lief dort außer Konkurrenz) wurde der Film bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt. Der als kommerziell eher weniger erfolgreich zu bezeichnende Film erscheint nun nochmals im Rahmen dieser Edition auf DVD. Wie man schon am Filmtitel erkennen kann, ist dieser Film nicht einfach eine Dokumentation, sondern wirklich eine Abbildung des extravaganten wie skandalträchtigen Fußballstars Maradona. Mehr als einmal wird die Zuneigung des Filmemachers für den amtierenden Trainer der argentinischen Fußballnationalmannschaft in vielen filmischen Verbeugungen vor ihm nur allzu deutlich. Diese Anerkennung beschränkt sich nicht nur auf die (zweifelsohne immer da gewesenen) sportlichen Talente Maradonas, sondern behandelt auch dessen inkulanten Charakter und Vita sowie nicht zuletzt seine Ansichten im politischen Bereich.

Den Film könnte man in folgender Weise kurz so zusammenfassen: Maradona feiert mit seiner Tochter Geburtstag – schildert seine Kindheit im Hause seiner Eltern in einem Armenviertel südlich von Buenos Aires – in Aufnahmen aus seiner Jugend balanciert er den Fußball in gewohnt artistischer Weise und gibt Auskunft über seine Zukunftspläne – besucht Kusturica in Serbien und winkt aus dem Wagen den Passanten auf der Strasse zu und wird dabei nicht nur in Neapel begeistert bejubelt – scherzt mit seinem Kumpel Fidel in Kuba und protestiert mit Chavez und Morales gegen Bush – bangt in der Bombonera mit seinem Club mit und wettert gegen die FIFA und erzählt dabei aus seinem Leben. Der Film ist das Ergebnis einer Vielzahl von Erlebnissen und Akklimatisierungen zwischen diesen beiden abnormen Männern, die eine untrügliche Affinität miteinander verbindet, was sich auch aus dem salbungsvollen Untertitel des Films ergibt:

„Die Hand Gottes – Emir Kusturica trifft Diego Maradona“.

Zu Beginn des Films steht dieser unzugängliche Filmemacher mit seiner Gitarre in Buenos Aires auf der Bühne und wird als „Diego Maradona des Kinos“ angekündigt: Mit dieser Eröffnungssequenz einer Art verklärten Heldenverehrung gelingt dem eigensinnigen Regisseur eine (für Fans) höchst abwechslungsreiche Dokumentation mit mitunter vor Eitelkeiten nur so strotzenden Selbstinszenierungen über dem extravaganten Ausnahmefußballer, die sich durch sentimentale Bekenntnisse ebenso adelt wie durch einen doppelbödigen Humor, nicht frei von selbstironischen Momenten. Diego selbst bekommt im Verlaufe des Filmes auch die Möglichkeit, ine Kostprobe seiner Sangeskünste zu geben. Er intoniert ein lobpreisendes Lied auf sich selbst, in das die versammelte Familie mit begeisterten Diego-Rufen einstimmt. Gegen Ende des Filmes stimmt der politisch engagierte Weltmusiker MANU CHAO auf offener Straße eine Serenade auf Maradona an, welche diesen augenscheinlich die Tränen in die Augen treibt, auch wenn sich der Wortlaut einer gewissen Ironie nicht entziehen kann.

In Argentinien feiert die sich selbst als „Iglesia Maradoniana“ ausgerufene Fangemeinde ihren „Heiland“, der all diesen schrulligen Aufwartungen mit selbstverliebter Natürlichkeit begegnet. Dieses Kollektiv präsentiert sich dabei mit einer Miniatur-Kapelle inklusive Fußball im Glockenturm und hat im Verlaufe der Dokumentation immer wieder Gelegenheit, ihre Ansichten über Ihren Gott kundzutun. Vor allem Emir Kusturica verehrt die sagenhafte Fußball-Ikone (allein schon durch diesen Film) und lässt ihn Teil werden im Universum seiner eher schrägen Filme, wie entsprechend eingestreute Sequenzen beispielsweise aus „Schwarze Katze, weißer Kater“/ „Crna mačka, beli mačor“ verdeutlichen. Diese Ausschnitte werden ausgerechnet bei Diegos Beschreibungen über seine Beinahetoderlebnisse eingestreut, was dem ganzen zusätzlich noch einen recht morbiden Charakter verleiht. Als Emir seinen Freund Diego dann auch noch in Belgrad empfängt, trifft dieser dann auf dessen kranke Mutter, die am Tage darauf verstirbt: Maradona sehen und sterben – so lautet dann das Motto des Filmes.

Kusturica findet in Diego einen politischen Gesinnungsgenossen im „antiimperialistischen“ Kampf der Länder in der „Dritten Welt“. Einen offenbar von seinen Drogenexzessen und privaten Probleme „gereinigten“ Maradona mit einer nach überstandener Adipositas gestählten Figur. Man kann es schon als kleines Wunder bezeichnen, dass Maradona nach seinem ausschweifenden Kokainkonsum immer noch lebt, ein Mysterium, wegen dem Maradona immer wieder auf Gott verweist. Für Kusturica bedeutet das, dass er den Mythos Maradona abfeiert, seiner Hauptfigur Raum lässt über dessen politische Ansichten und sein Leben als Halbgott zu erzählen. Im Gegenschluss wird Diego von heiklen Fragen verschont und lässt sich selbst lieber filmisch verewigen – das ist es, woran der Film schlussendlich auch scheitert. Vor allem kritische Töne sind bei Betrachtung eines derart polarisierenden Menschen einfach notwendig und würden diesen Film von einem simplen Nachruf (bei dem meistens nur Positives über den Verstorbenen zur Sprache kommt) abheben. Maradona schneidet die von ihm begangenen Fehler zwar kurz an, jedoch begeht Kusturica wiederum den Fehler, dann nicht mehr nachzuhaken. Maradona kann in aller Ausführlichkeit seine Hetzreden gegen England und Amerika (= Bush) vortragen (er trägt im Verlaufe des Filmes sogar ein Anti-Bush-T-Shirt), präsentiert seine ureigensten Verschwörungstheorien und lässt seiner Begeisterung für die Helden der Revolution – Che Guevara, Fidel Castro und wie sie alle heißen, freien Lauf.

Dazwischen kommen natürlich die Torszenen nicht zu kurz, die Iglesia Maradoniana stellt sich immer wieder vor und zu „God Save The Queen“ von den SEX PISTOLS rächt sich ein Zeichentrick-Diego an allen „Bösen dieser Welt“… Für den altbewährten Maradona-Fan befindet sich diese nicht selten geradezu megaloman anmutende Zusammenstellung von Zeitdokumenten der schwärmerischen wie absonderlichen Töne und Bilder sicherlich jenseits der Hoffnungen, auch wenn das berühmte „Tor des Jahrhunderts“ und andere bedeutende Fußballereignisse gezeigt werden – und mitunter durch animierte Figuren genauso grotesk zur Schau gestellt werden. Die vorherrschende Stimmung der halbernsten (Selbst-) Schmeichelei lässt auch die gegen sich selbst gerichteten kritischen Aussagen Maradonas vor allem in Bezug auf seine Drogenvergangenheit merkwürdig arrangiert erscheinen, auch wenn der medienerprobte Argentinier offenbar mit unverhohlener Aufrichtigkeit erzählt. Nicht unbedingt wegen ihrer ungezählten, gleißenden Doppelwertigkeiten bereitet diese unfassbare, skurrile Dokumentation einen übergroßen vergnüglichen Zeitvertreib, die von der ironisierenden Musik (komponiert durch Emir Kusturicas Vater, Stribor Kusturica) welche immer wieder an dessen Filme erinnert) übermütig ergänzt wird.

Die DVD präsentiert Kusturicas Film im zeitgemäßen 16:9 – Bildformat. Tonal kann an sich wahlweise in Dolby Digital (DD) 2.0, Deutsch oder DD 5.1, Englisch berieseln lassen. Als Extras gibt es lediglich 2 (identische) Trailer zum Film selbst. Einmal auf Deutsch und in Englisch. Dazu gibt es noch die obligatorische Werbe-Trailershow anderer Arthaus-Titel. Ob man diesen Film kaufen sollte, muss jeder selber wissen und sollte ihn sich zunächst einmal ausleihen, um ihn vorab zu sichten, denn er ist nicht jedermanns Sache. Aber sind das nicht alle Filme Kusturicas?

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