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GOTHIC - Grim

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Artist GOTHIC
Title Grim
Homepage GOTHIC
Label EIGENPRODUKTION
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Der Name ist das einzige Normale an diesem Projekt. Seit 1989 haben James Jason und seine Mitstreiter bereits zehn Demos aufgenommen, die lediglich der Konkretisierung und genaueren Formulierung ihrer Ideen dienten. GOTHIC sehen die Albumaufnahme im Vergleich mit dem Liveauftritt als die reinere Kunstform an, weil sie „näher an dem alles auslösenden Kompositionsprozess“ steht. „Grim“ ist ein Doppelalbum mit mehr als 100 Minuten Musik, welches Lyrik und düstere Musik vereint. Davon sind sicherlich 90 Minuten eigentlich unzumutbar.

Oder ein einziger großer Stinkefinger in Richtung aller anderen Bands dieses Planeten und 50 Jahren Rock n Roll. Jameson inszeniert eine Art inversen Punk: Der Rebell in ihm sagt „Fuck You!“, der Poet würde gerne Rilke sein. Zugleich könnte man „Grim“ auch als eine ernstgemeinte Progrock-Verarschung verstehen. Die Länge der Stücke spricht Bände. „Forlorn“: 10 Minuten. „Wintered Wings“: 12 Minuten. „Splinters Inside“ satte 19 Minuten. Die Instrumente hingegen verweigern sich jeder Vereinnahmung durch Technik oder Talent: Das Pickel-Packel-Schlagzeug, offensichtlich mit viel Mühe manuell im Stepsequencer des Casio-Keyboards programmiert, haut grundsätzlich am Metrum vorbei, ganz egal ob mathematisch begabte Jazzer einem etwas anderes erzählen wollen. Immer wieder taucht eine „singende Heulboje“ auf, während die Stimme des Sängers verschütt geht. Ian Curtis war dagegen jedenfalls ein lebensfroher Charismatiker. „Barren Moore“ kreuzt Goa Trance mit Metal-Growls, in „Winters Wing“ taucht ein waschechtes Rocksolo aus der Gitarre auf. Egal ob man das nun „Gothic-Free-Wave“ oder „elektronische Kinder-Katzen-Symphonik“ nennt, diese Schule wird mit Sicherheit in diesem Jahrtausend keine Nachahmer finden. Die einzelnen Spuren scheinen vollkommen aneinander vorbeizulaufen, sich mehr oder weniger zufällig zu verbinden. Es gibt keine Songs, sondern lediglich durch den Text zusammengehaltene Collagen aus kurzen, abstrusen Passagen. Davor läuft man entweder sofort davon, oder man erlebt etwas sonderbares: Auf sich allein gestellt könnte keines dieser hässlichen Entchen überleben, doch im Rudel formen die von ihnen aufgewühlten Wellen spannende Figuren. Gerade die zweite CD, die verstärkt auf Jamesons Gedichten basiert, weiß zu überzeugen – die neurotischen Klänge kommen im Kontext der Dichterlesung bedeutend besser zur Geltung. Nach einiger Zeit leuchtet einem das alles ein, auch wenn man nicht sagen könnte, warum genau. Man kommt sich beinahe schon wie ein Spießer vor, wenn man die mit geraden Beats und verständlicher Harmonik auskommenden Stücke dem ansonsten vorherrschenden Chaos vorzieht.

GASHER G.14 versuchte gerade etwas Ähnliches, wenngleich einige Promill weniger radikal. Worum es geht, ist dies: Kunst kann nur dann absolut sein, wenn der Künstler vollständig hinter ihr zurücktritt. Das ist hier so perfekt gelungen, wie nirgendwo sonst. Wenn Jameson in „In your shrine“ ununterbrochen das Wort „Down“ brüllt, dann ist das der einzige Moment, in dem man den Menschen hinter der Kunstfigur erblickt. Diese Idee kann einem unter Umständen besser gefallen als die Musik. Wenn man sich also für „Grim“ entscheidet, dann ohne vorher hineingehört zu haben.

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