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ILLDISPOSED - 1-800 Vindication (Re-Release)

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Artist ILLDISPOSED
Title 1-800 Vindication (Re-Release)
Homepage ILLDISPOSED
Label MASSACRE RECORDS
Leserbewertung
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9.5/10 (4 Bewertungen)

Wie nah Genie und Wahnsinn beieinander liegen, halten einem ja seit nunmehr 18 Jahren auch ILLDISPOSED unverhohlen vor Augen. Doch Abseits von Entziehungskuren, FKK-Liveauftritten und Streitereien mit der Folge von diversen Besetzungswechseln hat sich die dänische Formation zu einem der großen Namen im europäischen Extrem Metal gemausert. Den wohl wichtigsten Schritt dazu machten sie im Jahre 2004 mit „1-800 Vindication“, nach einer Zeit der Selbstfindung und vor der Zeit, in dem man einen Löffel auf dem Cover hatte. Darum ist es nicht verwunderlich, dass man sich nun neben einigen anderen Werken (wie z.B. das eben erwähnte „löffel-bebilderte“) auch bei diesem Album für einen Re-Release entschieden hat. Ein Entschluss, der deutlich weniger verrückt ist wie die Herren Musiker selbst und eine kleine Zeitreise für mich – öffneten sie mir damals doch mit eben jenem guten Stück die Tür in die extremeren Bereiche metallischer Musik.

Und damals wie heute begeistert mich sogleich das geniale Intro vom Opener „I Believe In Me“. Eine Situation, die jeder kennt: das Einstellen eines Radiosenders mit einem Rädchen an der Anlage. Neben Rauschen und Knarzen nimmt man allenfalls ein paar Musikfetzen diverser Kompositionen auf, ehe man Dank eines noch so kleinen wohlklingenden Bruchteils verharrt – da gibt es doch tatsächlich etwas, das sich vielversprechend anhört! In diesem Fall ist es das eingängige Riff des Eröffnungsstücks, welches nach einiger Zeit aus dem Rauschen herausbricht und in Tue Madsen-Qualität aus den wummernden Boxen bläst. Bo Summer schmeißt seine Stimmbänder an und schon fetzt er tief und böse los. Dicht auf den Fersen ist ihm Drummer Thomas Jensen, der bei dem schaurig schönen Toben munter mitmacht, während einen die mächtige Saitenfront mit Melodie und Wucht ehrfürchtig in die Knie gehen lässt. Sphärischer Cleangesang gesellt sich im späteren Verlauf noch hinzu – ILLDISPOSED setzen eine musikalische Duftmarke, die auch nach 5 Jahren nicht verfliegen mag. Moderner Deathmetal mit vielerlei Thrash Anleihen, der sie endlich aus der Kreisliga in die Major League hievt. Dort verankern sie sich auch gleich mit dem folgendem Nackenbrecher „Dark“ – der Song, der mir seinerzeit neben anderen meine Zeugnisnote „gut“ im Fach Musik sicherte, als er Teil des Samplers war, den wir zum Thema „Tanz“ (als reine Jungengruppe dem „Walzer“ nicht sonderlich zugetan und darum mal kurzerhand das Headbangen vorstellend) auswählten. Schöne Erinnerungen! Doch wer nun denkt, mein Lob ist Resultat von Bestechung durch die gute Note, der irrt. Das einzige was hier besticht, ist die Leistung des Quintetts, die hier eine tobende Dampfwalze entfesselt und mit dem treibenden Drive einfach keinen Haare unrotierend lässt (außer vielleicht man trägt sie kurz wie meiner einer – aber theoretisch würden sie‘s). Auch hier taucht neben dem Tieftöner wieder der dezente Cleangesang auf, der dennoch nicht bloßes Beiwerk ist, sondern zusammen mit den melodischen Leads der Äxte das passende Pendant zum brettharten Rest ergeben.

Der anschließende Titel ist dann auch wieder Programm: „Now we are history“: Unfassbar coole Einleitung mit stylischem Ein- und Ausfaden, der auf diesem Album erstmals im Stil der Truppe integrierten elektronischen Elemente, die sofort süchtig macht und so als Geniestreich zumindest in die ILLDISPOSEDsche Bandhistorie eingeht. Doch braucht man sich nach jener Einleitung gar nicht erst mit Entzugserscheinungen herumschlagen, die Midtempo-Nummer besticht weiter mit schönen Melodiebögen und darüber hinaus mit Wechselgesang, der neben den bekannten tiefen Shouts und dem einmal mehr gegenwärtigen Klar-Gesang im Refrain auch fieses Gekeife mit einschließt. Sehr passend zum Song, vor allem aber in Sachen Variation ein ganz wichtiger Punkt, da der gute Bo ansonsten nicht wirklich viel an Tonlage und Sprachrhythmus dreht. So wird auch das kantige „When you scream“ zu einem weiteren Schmankerl, bei dem vor allem die Instrumenten-Garde mal richtig den Hammer kreisen lässt und dem Mündungsdauerfeuer der Doublebass stampfende Riffs entgegensetzt. Im Vergleich dazu deutlich eingängiger ist da schon „Jeff“ mit feinen Stakkatos und einem von vielen tollen Soli – aber vor allem durch seinen unbändigen Drive und dem melancholischem Ohrwurm-Refrain. Das kranke Video, welches man „Still Sane“ spendierte, steht dem Song als solchem auch in nichts nach, der Rhythmus und die elektronischen Einschübe sorgen für eine unbehagliche Grundstimmung, aus dem nur das klassische Solo ein wenig ausbricht, ehe man sich in dem Strudel des Wahnsinns wiederfindet – dem hier formschön phasenweise eingesetzten Sprachgesang sei da ebenfalls gedankt. Für eine Death-Thrash-Kombo relativ rockig kommt dann „You against the world“ um die Ecke, bei dem sich das Grundgerüst mal nicht ganz so metallisch ausfällt und so weiter das ohnehin schon hohe Maß an Abwechslung im Songwriting anschiebt. So könnte man auch noch weiter über die verbleibenden Stücke des 10 Track schwerem Silberlings sinnieren – allerdings waren sie schon vor 5 Jahren schon gut bis geil und sind es noch immer! Damit man neben der nostalgischen Auffrischung aber auch etwas Neues geboten bekommt, haben die verrückten Fünf noch mal eben zwei Bonus-Bonbons dabei gepackt. Und so werden die ursprünglichen 36 Minuten nochmal um die Live-Interpretationen von „Near The Gates“ vom 1997er Release „There’s Something Rotten… In The State Of Denmark“ und dem die 2008er-Scheibe „The Prestige“ beendenden und zum Teil in deutsch getexteten „Ich bin verloren in Berlin“ verlängert. Die Aufnahmen sind ganz nett geraten, reißen einen jetzt allerdings nicht so wirklich aus dem Sessel, vom Hocker oder zu Boden. Da hätte man sich im Hause ILLDISPOSED oder bei Massacre Records ruhig etwas mehr einfallen lassen können, vielleicht irgendwas Verrücktes…

Darum bleibt „1-800 Vindication“ hier eindeutig der wahre Kaufgrund. Ein sehr starkes, abwechslungsreiches Werk, auf dem sich die Dänen endlich gefunden haben. Starkes Songwriting mit coolen Arrangements, schmetternde Drum-Exzesse und gnadenlose wie gleichermaßen schöne Riffings, Leads und Soli gepaart mit dem bösen Organ von Herrn Summer ließen ILLDISPOSED endlich wirklich auferstehen. Die Hinzunahme der elektronischen Elemente hat dem Sound der Major League Metaller wirklich gut getan und ließ Kompositionen wie „Dark“, „Now we are history“ oder „Jeff“ zu den Highlights einer deutlich überdurchschnittlichen Scheibe werden, die sie auch gemessen an heutigen Standards auch noch weiterhin ist, vor allem weil sie soundqualitativ immer noch ganz weit vorne mit dabei ist – wie erwähnt war da ja auch der Tue Madsen dran. Wer das Teil also noch nicht in seiner Sammlung hat, der sollte als Modern Death-Thrash Interessierter bei dem Re-Release jetzt zugreifen. Allen, die das gute Stück allerdings bereits aus dem Regal anlächelt, sei aber gesagt: nur wegen 2 durchschnittlichen Livemitschnitten von bekannten Songs braucht ihr nicht extra nochmal hoch vom Sofa; außer um euch die Scheibe genau jetzt mal wieder in die Anlage zu kloppen – dies sei wärmstens empfohlen.

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