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INA MÜLLER - Liebe macht taub

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Artist INA MÜLLER
Title Liebe macht taub
Homepage INA MÜLLER
Label 105 MUSIC
Leserbewertung
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7.4/10 (20 Bewertungen)

Jetzt neu und improved: Mit Impressionen von der Record Release Party und anschließender Goldverleihung! Es kommt ja schließlich nicht alle Tage vor, dass Mitarbeiter der Terror-Crew bei solchen Events zugegen sind, aber Ina Müller schafft es eigentlich, jeden von 20 – 50 zu begeistern, sei es männlich oder weiblich. Und da der Rezensent mit Stolz das ostfriesische Wappen im Herzen trägt, also ein ausgemachtes, platt sprechendes Landei ist, gefällt die „B-Prominente zum Anfassen“ (wie sie sich selbst jüngst in einem Spiegel-Interview titulierte) noch einmal so gut. Also wurde die Einladung dankend angenommen am 10.03.08 im Stage Club zu Hamburg (wo sonst?) an der Präsentation des neuen Albums „Liebe macht taub“ teilzunehmen. Die Tochter einer niedersächsischen Bauernfamilie wurde erstmals einem größeren Publikum als Teil des Duos QUEEN BEE bekannt, widmete sich ab 2005 vermehrt ihren eigenen Projekten, wie eine kleine Buchreihe und natürlich ihren Sendungen auf N3. „Inas Norden“ und „Land und Liebe“ waren schon sympathische Fernsehunterhaltung, aber „Inas Nacht“ sollte selbst das Terroraffine Publikum im Auge behalten, denn wo sonst treffen sich LOTTO KING KARL, JAN FEDDER und SCHILDKRÖTE auf ein kühles Blondes und die ewigen Underdogs ERDMÖBEL dürfen dazu aufspielen. Bitte unbedingt im Auge behalten! 2006 erschien dann ihr erstes Solo-Album „Weiblich, Ledig, 40.“ mit dem sie stets ausverkaufte Konzerte zum Besten gab.

Im schwummrig rot ausgeleuchteten Ambiente des Clubs in der Neuen Flora fand sich ein bunt gemischtes, geladenes Völkchen ein, welches sofort von netten Damen umsorgt wurde (in Bezug auf weltliche Gelüste, auch bekannt unter den Namen Hunger und Durst). Einige Pressefotografen und eine stationäre Kamera sollen den heutigen Abend für die Nachwelt dokumentieren und pünktlich gegen 20:00 Uhr schleichen wir uns zur Bühne, ohne aber dem etwas gesetzten Publikum, welches in den Cocktailsesseln residiert, die Sicht zu versperren. Nach Ankündigung durch einen der Geschäftsführer des Labels huscht die komplette Live-Band an mir vorbei und nimmt hinter den Instrumenten Platz. Ina Müller huscht mit und mein erster Gedanke kreist natürlich (typisch Mann!) um ihr Erscheinungsbild: Die Dame ist in Natura doch um einiges kleiner und vor allem schlanker als gedacht. Also macht das Fernsehen doch dick, oder Frau Müllers Texte sind sehr biografisch. Denn als aufmerksamer Mann weiß ich, dass Frauen gerne erschlanken, wenn sie sich von ihren Partner trennen. Und da die Texte der neuen Scheibe einen förmlich erschlagen mit ihren Trennungs- und Beziehungsgeschichten liegt dieser Umkehrschluss doch sehr nahe. Während ich also noch meinen pseudopsychologischen Gedanken nachhänge, fängt doch die Band glatt zu spielen an. Und das überraschenderweise mit einer Reggae-Ska Nummer, namens „Small Talk“ die ein höchst sommerliches Flair verbreitet. Textlich ist das Lied gleich ganz vorne mit dabei: “Sie moderieren, wie schön, aber was machen sie beruflich? Die beim Fernsehen tun so cool und sind in Wahrheit aber alle schwul. Jetzt auch die Frauen, aber scheinbar schadet es ihren Ruf nicht.“ Auch herrlich die beiden hübschen Background-Sängerinnen, die noch ein süffisant gesungenes „Schwul“ hinterherschicken (Oder ein hübsches „TröRö“ bei „Maxi Cosi“). Die erste Single „Drei Männer her“ könnte ebenfalls zu einem kleinen Sommerhit taugen. Erst Recht, weil Frau Müller den Drum-Beat so dufte findet. Zwischendurch macht sich die Künstlerin über die eigene Plattenfirma, wenn auch nett gemeint, lustig, indem sie die Chefs daran erinnert, dass sie Ina Müller wäre und die neue CD „Liebe macht taub“ heißt. „Es wäre nett, wenn sich die Herren das einmal merken könnten“ (Bei den einleitenden Worten vergaß der Redner, den Namen der CD zu erwähnen). Ein weiteres Highlight war der Song „Mark“, der textlich und musikalisch unheimlich Laune macht. Zu einem flotten Country-Beat und coolen Gitarren-Licks, gespielt von der Hamburger Gitarrenlegende Hardy Kaiser, sinniert Frau Müller über das Dilemma zwischen dem Jens und dem Mark: „Jetzt habe ich Jens und der ist auch ganz okay. Ich freu mich auch immer wenn ich ihn mal seh. Doch ganz egal, was der Jens mit mir tut. Ich denke jedes Mal mit Mark war es doppelt so gut. Ich weiß, dass soll man ja nicht, das ist albern und dumm. Doch ich rechne noch immer in Mark um!“ Gute Idee, tadellos umgesetzt.

Die famos aufspielende Band untermalt aber auch die vermehrte Anzahl an ernsten (Nicht-) Liebesliedern sorgsam und kompetent, zwischendurch auch durch ein Cello verstärkt. Besonders hervorzuheben ist hier „Der Grund“, dessen Textzeile „Du brauchst keinen Grund, um zu gehen, wenn Du keinen mehr hast, um zu bleiben“ kaum mehr aus Kopf will. Wer hätte gedacht, dass es doch noch jemand schafft solch ein Lied in deutscher Sprache darzubringen, ohne peinlich oder unbeholfen zu wirken, oder wahlweise in einer abgehobenen Meta-Lyrik-Ebene eines Distelmeyer zu entschwinden. Der Titel-Song kommt in seiner Klasse gleich dahinter, denn zu lockerem Schlagzeug-Beat erzählt das Lied von dem Unvermögen, sich in einer Beziehung gegenseitig zuzuhören. Auch schön, dass hier trotzdem eine selbstreferentielle kleine Stichelei gegen die Konkurrenz eingebaut wurde: „Da war im Hintergrund ein Schuhgeschäft, dass weiß ich ganz genau. Und das die Kellnerin die Haare trug, wie diese Sprecherin bei „Bauer sucht Frau“.

Richtig sympathisch ist zu sehen, dass Ina Müller durchaus aufgeregt ist und sich sehr beobachtet fühlt. Überspielen tut sie dieses in ihrer ureigenen charmanten Art mit lockeren Bonmots und kleinen Tanzeinlagen. Auch gewinnt ihre Stimme live gegenüber dem konservierten Gesang, was nicht bei vielen Künstlern der Fall ist. Das Rauchige, aber dennoch zarte kommt live einfach viel direkter herüber und ihre Bühnenpräsenz tut ein Übriges. Weiterhin erzählte sie, dass die Scheibe eigentlich „Mein Liebesleben“ heißen sollte („So von wegen Doppeldeutig und so…“), aber der passende Song dazu nicht fertig wurde.

Nachdem sich die Ina samt Band mit großer Verbeugung eigentlich verabschiedet hatte, spielten sie dann doch noch ein Lied der neuen Platte, das schon vorher erwähnte „Maxi Cosi“. Zu samtenen und leicht groovigem Jazz-Mambo-Rhythmus erzählt Ina von lustigen Begebenheiten, die einer Frau beim Abschleppen so passieren können: „Er räumt ganz hektisch auf und sagt: Das ist mir aber peinlich, Mann. Er dreht den Schlüssel um, es brüllt uns Benjamin Blümchen an. Das Handy klingelt, ne Frau ist dran und das Gespräch verläuft extrem ökonomisch. Ich sag: Ich steig mal besser aus. Er fragt: Was bist Du denn so komisch? Es war der Maxi-Cosi auf dem Beifahrersitz…“

Dann war aber Schluss, aber wiederum doch noch nicht ganz. Denn Ina musste noch einmal nach vorne kommen, denn für 105.000 verkaufte Einheiten des ersten Albums gab es noch eine gerahmte, goldene CD zu verleihen. Mit der Bemerkung, dass sie ihr Exemplar gerne als Grabstein haben wollen würde, gab es im Anschluss noch diverse weitere Exemplare zu verteilen, sodass die Bühne zum Schluss keinen Platz mehr für alle Beteiligten bot. Unter den weiteren Beschenkten war auch Songwriter Frank Ramond, der unter anderem auch für seine Arbeit mit Annett Louisan, Lotto King Karl und, ähem, Roger Cicero bekannt und mit Preisen überhäuft wurde. So fragte Ina Müller denn auch noch in die Runde, wer noch keinen Award abbekommen hätte und dann war der Spaß aber endgültig vorbei.

Bleibt mir nur abschließend zu sagen, dass die CD kompetent produziert wurde, vielseitig und überraschend instrumentiert ist, aber im Endeffekt doch eher nur als Appetizer für die kommenden Konzerte fungiert. Denn den Aufnahmen fehlt einfach die sympathische und einnehmende Präsenz der, in meinen Augen, zurzeit besten deutschen Allround-Künstlerin.

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