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JOACHIM WITT - Neumond

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Artist JOACHIM WITT
Title Neumond
Homepage JOACHIM WITT
Label OBLIVION/ SPV
Leserbewertung
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8.8/10 (6 Bewertungen)

JOACHIM WITT hat ohne Zweifel seine Fußspuren in der deutschen Musiklandschaft hinterlassen. Angefangen mit einer (erfolglosen) Single unter dem Pseudonym JULIAN (und mit einer Wahnsinns-Haarpracht auf dem Cover) über den Westcoast Rock à la DUESENBERG Ende der 70er bis hin zu seinem kommerziell ersten Höhepunkt der NDW-Ära – der Mann hat ohne Zweifel popkulturelle Bedeutung. Der Mainstream wird ihn bis heute vor allem als „Goldenen Reiter“ und Mit-Initiator einer gewissen „Flut“ in Erinnerung haben, doch sein musikalisches Oeuvre ist weitaus grösser. Fast ebenso groß ist die Zahl der Verrisse, die „seriöse“ Kritik lässt schon seit vielen Jahren kein gutes Haar mehr an dem eigenwilligen Pop-Provokateur. Der mittlerweile 65-Jährige hat seit geraumer Zeit in der „schwarzen“ Szene Anklang gefunden, so war er beispielsweise mit den Hamburger Gothic Rockern MONO INC. auf Tour, was auch zum Feature bei der Single „Kein Weg zu weit“ führte. Der „Neumond“ ist nun sein 14. Studioalbum unter „eigenem“ Namen, der Vorgänger „DOM“ konnte immerhin Platz 6 in den Charts erreichen und düster angehauchte Sounds sind ja nicht zuletzt seit UNHEILIG en vogue.

Irgendwo angesiedelt zwischen des umtriebigen Grafen Pop Gothic und EISBRECHERs Electronic Rock finden dann auch die 12 neuen WITT-Titel der Standard Edition einen Heimathafen. Mit der „Neuen Deutschen Härte“ der „Bayreuth-Arä“ hat das Ganze nur noch wenig gemein, eher altersmilde und ohne viele Ecken/ Kanten gehen die Tracks sofort ins Ohr. Melodien, die man schon tausendfach gehört hat, gut produziert und arrangiert fürwahr, aber ohne jedweden Willen zur Innovation. Eigentlich handelt es sich nur um „Geschmacksträger“ für die weiterhin sehr verquaste Lyrik des Herrn Witt. Merkwürdige Metaphern irgendwo zwischen Religiosität und Spiritualität. Erlösungsthemen, Wagnereskes Pathos, Sprachbilder von Flammen und Stürmen und großen Gefühlen. Kann man vieles hineindeuten, muss man aber nicht. Wo UNHEILIG beispielsweise mit einfachsten Mitteln den kollektiven Gemeinschaftssinn beschwört, bleib WITT abstrakt in seiner Sprache, wirkt allerdings oft eher bemüht als intellektuell kreativ. Stört mich persönlich weniger, die Ausstrahlung seiner Stimme, die immer noch einzigartig ist, tröstet über manche Ungereimtheit hinweg. Und die Songs an sich sind ganz einfach gut hörbarer Electronic Pop Rock mit Düsterschlagseite, den man wunderbar nebenbei hören kann. Die Scheibe läuft ohne Widerhaken von vorne bis hinten durch, in Erinnerung bleiben allerdings auch nur wenige Momente. Die beiden tanzbarsten und gleichsam aufregendsten Exponate sind das als Single ausgekoppelte „Mein Herz“ und das von einem schönen elektronischen Leitmotiv getragene „Ohne Dich“, wobei der Refrain textlich etwas ungelenk wirkt. Daneben wird es an seltenen Stellen („Bis ans Ende der Zeit“) etwas getragener, der Rest sind einfache Midtempo Nummern zum Mitsummen, die zumindest keine völlige Anbiederung ans Formatradio darstellen.

So ist der „Neumond“ eine zwiespältige Sache. Für einen Künstler wie JOACHIM WITT scheint das alles eine Fingerübung zu sein, das Abhaken von Genre-Elementen ohne erkennbare Vision. Lyrisch hingegen bleibt er seinen kryptischen Auslassungen treu, die seit vielen Jahren typisch sind und letztendlich zwiespältig bleiben. Für die anstehende Tour genügend Futter, um die obligatorischen Hits seiner langjährigen Karriere entsprechend zu umrahmen, doch weit entfernt davon, längerfristig von Bedeutung zu sein. Vielleicht ist das aber auch die Leichtigkeit des Seins eines in die Jahre gekommenen Querdenkers…

P.S.: Die mir nicht vorliegende Bonus CD enthält ein Duett mit Lisa Gerrard (DEAD CAN DANCE), was sich auf dem Papier erstmal recht interessant anhört

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