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KETTCAR - Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich) (EP)

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Artist KETTCAR
Title Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich) (EP)
Homepage KETTCAR
Label GRAND HOTEL VAN CLEEF
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Heute ist ein ganz besonderer Tag für KETTCAR-Fans, denn ab 17.30 Uhr kann man unter diesem Link youtu.be/ZjkyVhSWvxI die Premiere der neuen EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ verfolgen. Digital werden die fünf Songs dann am kommenden Freitag veröffentlicht. Ab dem 17.05.2019 gibt es die Tracks auch auf farbigem 10″ Vinyl.

Eineinhalb Jahre nach dem fulminanten „Ich vs. Wir“ gibt es also einen kleinen Gruß aus dem Studio von der Hamburger Indie-Institution, der nicht ohne Grund im Titel die Klammer „(Wir vs. Ich)“ trägt. Der Fokus hat sich dieser Tage geändert – von Makro auf Mikro haben KETTCAR ihre Sichtweise auf dieser EP umgestellt und ausdrücklich keine Fortsetzung des 2017er Albums gemacht! ‚Was hat das Private mit dem Politischen zu tun?‘ lautet jetzt die Frage und die Antwort geben Marcus Wiebusch und Konsorten natürlich gleich selbst: alles! So beschäftigt sich der Opener „Palo Alto“ mit den unterschiedlichsten Digitalisierungsverlierer, die in einem Waschsalon versammelt werden: Ein Kulturjournalist, ein Pornosternchen, ein Plattenhändler und ein Bankangestellter nehmen ihre Plätze ein auf der Liste der aussterbenden Berufsarten. Überall abgemeldet, nur nicht beim Jobcenter. War früher alles besser? Für die vier wahrscheinlich schon. Wobei die Frage ist, was einem übrig bleibt: Nach Kalifornien ins Mekka der IT-Industrie fahren und den ganzen Laden in die Luft sprengen? Oder die Waffe nach innen, auf sich selbst richten, und die blutige Stille genießen, wenn die Erde aufhört sich zu drehen? Der Referenzbogen, den KETTCAR hier schlagen, reicht von ‚Vernon Subutex‘ über Gina Wild bis zu Herrn Kaiser, dem Werbemaskottchen der Hamburg-Mannheimer  – das muss man auch erstmal hinbekommen, ohne in Kitsch oder Albernheiten zu versinken! „Scheine in den Graben“ verhandelt das Thema Menschlichkeit und humanitäre Hilfe mit Blick auf Charity-Events und das illustre Personal, das sich dort tummelt: Reich an Aktien, reich an Barmherzigkeit. ‚Tue Gutes und rede darüber‘ ist in diesem Zusammenhang ein gern benutzter Slogan – der von KETTCAR natürlich hinterfragt wird. Darf man sich gut und erhaben fühlen und sich selbst dafür feiern, dass man Wohltaten vollbringt? Und was ist davon zu halten, wenn das Ganze zu einem neokapitalistischen Nullsummenspiel verkommt, bei dem die Perlenohrring-Lady aus Blankenese mit großer Geste die Not zu lindern versucht, die ihr Mann mit seinem globalen Finanzdienstleistungsunternehmen mitverursacht hat? Moderner Ablasshandel, anyone? Wobei natürlich die Frage bleibt, ob es die Menschen im Norden Ruandas wirklich kümmert, ob das Geld für ihren neuen Brunnen von Ute Ohoven besorgt wurde oder von einer Menge anonymer Spender ohne Kamerabegleitung. Da ist er wieder, dieser süße Duft, dem das Indie-Urgestein in diesem Song allerdings nicht alleine nachspürt, sondern mit Verstärkung: Im Hintergrund schreit David von FJØRT, die dritte Strophe singt SCHORSCH KAMERUN, und am Ende geben sich beim Refrain Jen von GROSSSTADTGEFLÜSTER, BELA B, Jörkk von LOVE A, SOOKEE, Felix von KRAFTKLUB, Marie von  NEONSCHWARZ, GISBERT ZU KNYPHAUSEN und SAFI die Zeilen in die Hand. Eine Runde, die unterschiedlicher kaum sein könnte und so wohl nur auf einem KETTCAR-Song zusammenfinden konnte. „Notiz an mich selbst“ ist dann klassisch KETTCAR, und zwar im besten Sinne: Ein Essay über Kunst und Moral, Potenzial und Ideale – und was davon übrigbleibt, wenn man nicht aufpasst. Ist am Ende mehr vorhanden als die Frage, ob man alles aus sich gemacht hat und ob man der geworden ist, der man werden wollte? Oder lauert in solchen Sätzen dann schon wieder die Floskelfalle, das neoliberale Selbstoptimierungsgelaber? Man zuckt die Schultern, hört sich den Song direkt noch einmal an und zieht den Hut vor einer Band, die man längst auch nach literarischen Kriterien bewerten kann. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Zeilen ‚Egal, jeder fühlt sich schuldig / Waren’s alle, war’s keiner / Und der Wolf im Schafspelz hat den gleichen Schneider‘, die in ihrer Bildhaftigkeit, ihrem Assoziationspotenzial und ihrem Kern aus Haltung, Fantasie und Freude an der Sprache einen Ablauf in einem auslösen, den nur große Texte schaffen: Lesen, Hängenbleiben, Nachdenken, erneut Lesen, Einpacken, Immer-mit-sich-herum-tragen. Nicht das Ausrufezeichen und der Punkt, sondern das Fragezeichen und das offene Ende sind hier das Stilmittel. Hier geht es eben nicht darum, Komplexität zu reduzieren, wie das Journalisten so gerne machen. Die Wirklichkeit wird nicht zugespitzt, sondern aufgeschlitzt – wie ein Sofakissen, dessen Federn und Innereien dann herausquellen und wild durch die Wohnung schweben und nicht mehr eingefangen werden können. Auf der letzten Langrille sang Marcus in „Die Straßen unseres Viertels“: ‚Der Bio-Supermarkt ist nichts für Schwächlinge‘. Und hierhin kehrt man in „Natürlich für alle“ zurück und geht eine Runde einkaufen, während auf den Beats-Kopfhörern Adorno schlaue Sätze deklamiert. Ob es ein richtiges Leben im falschen gibt, ist eine Frage, über die KETTCAR seit ihrer Gründung immer wieder nachdenken, und die hier konkret in der Warenwelt verhandelt wird: Gibt es so etwas wie kritischen Konsum? Kann man ‚korrekt kaufen‘ – und wenn ja, bringt das wirklich Veränderungen? Oder beruhige ich damit nur mich selbst und mein schlechtes, kapitalismuskritisches Gewissen? Und warum zur Hölle wirft mein ethisch korrekter Hedgefonds so wenig Rendite ab? Gestützt von einem treibenden Synthie-Fundament, ist der Song wie für die Indie-Pop-Dancefloors gemacht und zeigt deutlich, dass diese Kapelle immer wieder neue musikalische Ansätze verfolgen – und das auch nach knapp 20 Jahren. Den Abschluss auf „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ markiert „Weit draußen“, und tatsächlich kann danach erst einmal nichts kommen. Reduziert, vorsichtig und sensibel wird die Geschichte eines Wiedersehens mit einer alten Freundin erzählt, die mit ihrem behinderten Sohn aufs Land zieht, um sich den Mitleidsblicken zu entziehen. All die Wut und Scham und Verzweiflung und Verlogenheit einer solchen Situation wird spürbar. Und Zeilen wie ‚Ich schwör, ich liebe mein Kind / Aber ich hasse mein Leben‘ oder ‚Zeig mir einen Helden / Und ich schreib dir `ne Tragödie‘ sind dann endgültig der Stoff, der sechs Sorten Tränen aus einem rausprügelt.

EPs sind manchmal Zwischenschritte, manchmal Fingerübungen, manchmal nicht viel mehr als ein Lebenszeichen. Hier liegt der Fall allerdings anders. Denn „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ hat eigentlich alles, was ein komplettes Album braucht: Struktur, Tiefe, inhaltliche Balance und musikalische Abwechslung. Das einzige was man darauf vermisst, sind ein paar weitere Songs, aber immerhin wird das Warten auf eben diese Songs mit einer Tour versüßt, die bereits läuft.

Quelle: Ingo Neumayer

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