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KULTUR SHOCK - Kultura-Diktatura

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Artist KULTUR SHOCK
Title Kultura-Diktatura
Homepage KULTUR SHOCK
Label KOOLARROW RECORDS
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Kultur ist eine Diktatur, jawohl! Billy Gould hat nach eigenem Bekunden sein Kool Arrow Label gegründet, um endlich die Musik hören zu können, die er selbst in den best sortiertesten Plattenläden nicht finden konnte und zurecht darauf hingewiesen, dass allein schon dieser bescheidene Akt einer politischen Geste gleichkommt. Die musikalische, literarische und gestalterische Basis einer Gesellschaft beruht immer auf einem Konsens und steht somit von ihrer ganzen Veranlagung her im Widerspruch zur ursprünglichsten Bedeutung von Kreativität: Der vollkommen individuellen Äußerung des anderweitig Nicht-Äußerbaren. Somit kann man „Kultura-Diktatura“ zugleich als Sozialkritik und feurigen Aufruf zur Selbstbestimmung verstehen.

Muss man aber gar nicht und wer an dieser Stelle Angst vor einer weiteren Platte für das Kultur-Spiegel Feuilleton hat, sei beruhigt: KULTUR SHOCK hauen ordentlich auf die Klötze, doch macht ihr stilistischer Hexenkessel auch außerhalb von Demokratie-Diskursen und Visionen des Sozialismus verdammt viel Spaß. Genauer gesagt haben in den letzten paar Monaten wenige Scheiben derart viel Spaß gemacht wie diese, mit der Ausnahme vielleicht von BRUJERIAs „Greatest Hits“ und die stammte ja auch schon aus Goulds Schmiede. Wenn jetzt die Figuren auf dem Cover lustige Hüte und Bärte tragen, die Musik an manchen Stellen leicht exzentrisch daherkommt und die Stücke orientalisch angehauchte Titel tragen, sollte man dennoch nicht sofort an die chaotischen Kauze von SYSTEM OF A DOWN denken, auch wenn einige Kritiker das bereits getan haben. Tatsächlich bedient sich die Band aber keineswegs aus dem armenisch-kaukasischen Raum, sondern vielmehr aus Klezmer, Independent Rock und slawischer Folklore und steht somit den hierzulande noch immer sträflich missachteten Annäherungsversuchen zwischen Ost und West eines GORAN BREGOWIC näher als der Durchsetzung des Metal mit Ethno-Zitaten. Diese Musik ist bei unseren polnischen, tschechischen und jugoslawischen Nachbarn längst Teil der Radio- und Klubkultur und man kann leicht verstehen, warum: Zu dem Polka-Potpourri von „Tutti Frutti“ oder „Mustafa“ kann man genauso gut mit dem Po wackeln, wie sich zu den kristallklar realisierten Brechern „Kamarage“ und „Da Ye“ die Matte schwingen lässt und die Beiträge aus der eher Rock-orientierten Ecke demonstrieren recht eindringlich, welch verblüffende Effekte sich einstellen, wenn die knackigen Gitarrenriffs parallel von Geige oder Trompete unterstützt werden.

Auch die Einbindung von dezenten Housebeats bringt dieses Albums nicht aus dem Gleichgewicht, das erst mit dem launischen Rausschmeißer „Too late to Fornicate“ in die Steillage gerät – aber lustig ist der trotzdem. Mit dem Tabla-Hop von „Hashishi“ ist der Gruppe zudem ein kleiner Hit gelungen, der geradezu darauf wartet, von einem breiten Publikum entdeckt zu werden. Darin liegt natürlich ein gewisses Paradoxon begraben: Werden KULTUR SHOCK von der Masse akzeptiert, werden sie Teil des kulturellen Konsenses. Und damit Teil der Diktatur.

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