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MARC ALMOND - The Velvet Trail

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Artist MARC ALMOND
Title The Velvet Trail
Homepage MARC ALMOND
Label CHERRY RED
Leserbewertung
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8.7/10 (3 Bewertungen)

In den letzten Jahren ist es stiller geworden um MARC ALMOND, zumindest hierzulande. Seit seinem schweren Motorradunfall 2004 sind gerade Tourneen im Ausland seltener geworden, seine Platten erscheinen in größeren Abständen und bei kleinen Labels. Dementsprechend muss man sich schon ein wenig Mühe geben, um mitzubekommen, dass dieser Tage ein neues Album zu haben ist – noch dazu eines, das es eigentlich gar nicht mehr hätte geben sollen: Nach „Varieté“ hatte ALMOND 2010 jedenfalls erklärt, er glaube nicht daran, noch einmal eine Platte mit selbstverfassten Songs einzuspielen. Es folgten Theaterprojekte, ein Album mit vertonten Gedichten von Rimbaud, Verlaine, Cocteau und Genet sowie 2013 eine EP, die gemeinsam mit Produzentenlegende Tony Visconti entstand, aber tatsächlich vom Material her nicht unbedingt überzeugte.

Und jetzt ist doch wieder ein ganzer Schwung neues, eigenes Material da, geboren aus der Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Songwriter Chris Braide, der in der Popliga ganz oben mitspielt und ansonsten mit LANA DEL REY, BEYONCÉ oder DAVID GUETTA arbeitet, und der ALMOND so lange mit musikalischen Ideen bestürmte, bis der sich überzeugen ließ und doch wieder eigene Texte schrieb. Texte aus der Perspektive eines inzwischen 58-jährigen, der bei aller Lebenserfahrung neugierig und verletzlich geblieben ist und sich zwar – wie im Titelsong – gelegentlich auch einen wehmütigen Blick zurück gönnt, aber altersunabhängig mit jeder Faser seines Herzens in der Gegenwart lebt, liebt und leidet.

Der ständige Begleiter von Liebe und Leid war in ALMONDS Oeuvre stets die Lust: Kein anderer Popsänger hat bessere Szenarien exotischer Dekadenz gezeichnet wie er, und mit „Pleasures Wherever You Are“ ist ihm diesmal wieder ein schwül-sinnlicher Ausflug zu den Vergnügungsmeilen der ganzen Welt gelungen, in „rooms of red velvet and salons of silk“, großartige Klischees natürlich, die bei ihm immer trotz Kitschfaktor immer echt klingen. Die Verführung ist allgegenwärtig, gepaart mit dem bittersüßen Schmerz des Verlusts, wie man ihn eben nur fühlen kann, wenn man zuvor in vollen Zügen genossen hat. Selten hat das aber selbst ALMOND so schön in Worte gefasst wie in „Scar“: Seelenverwandtschaft entpuppt sich als hohler Trick, Nähe als Illusion – und man glaubt ihm jedes Wort.

Gelegentlich übertreibt er es bei den Texten mit der eigenen Cleverness, wie beim „shape-shifting changeling“ in „Zipped Black Leather Jacket“ oder den lautmalerischen Spielereien von „Minotaur“, aber gerade dieser Track ist musikalisch die perfekte Verbindung aus einem zeitlos-modernen Sound und dem üppigen Arrangement der „Tenement Symphony“ der frühen Neunziger, der „The Velvet Trail“ in ihren lauteren Augenblicken von allen älteren Werken ALMONDS vielleicht am nächsten ist. Dabei ist die stilistische Bandbreite enorm: Beim Torch-Song „Earthly“ trifft Orchesterbegleitung auf schleppenden Electro-Rhythmus und wunderbar düsteres Klavier. „Pain Of Never“ ist eine Ode an die verpassten Chancen, eine sanfte Pop-Ballade, die vielleicht Almonds besten Gesang auf der ganzen Platte bietet, während „Demon Lover“ mit SOFT-CELL-Beats beginnt und seine verspielte Herausforderung mit einem gehörigen Schwung Siebziger-Glam versieht.

Die wahren Höhepunkte warten jedoch in der zweiten Albumhälfte. Da ist zum einen das fulminante, dynamische Feuerwerk „When The Comet Comes“, ein großartiges Duett mit BETH DITTO, das sofort ins Ohr geht. Dabei harmonieren die Stimmen der beiden nicht unbedingt ideal mit einander; DITTOS laute Rotzigkeit bringt allerdings ganz neue Facetten in ALMONDS Überschwang hervor und sorgt für herrliche Reibung zwischen den beiden Emotionsbolzen. Und da ist zum anderen „Life In My Own Way“, das ALMONDS zweite große musikalische Stärke inszeniert, den dunklen Chanson zum Klavier, ein Walzer durchdrungen von Kraft und Emotion, lebensbejahend und furchtlos und vor allem, ein offenes Bekenntnis zu sich selbst.

„The Velvet Trail“ ist in drei Akte eingeteilt, die jeweils mit einem kurzen Instrumental beginnen und verschiedene Lebensphasen darstellen, von der Suche nach der eigenen Persönlichkeit über die intensiven Erfahrungen mit Liebe und Lust bis zu den reiferen Jahren des Rückblicks und der Erinnerung. Fast könnte man „Konzeptalbum“ murmeln, und die Aufteilung ist natürlich auch wie geschaffen für die Veröffentlichung als Vinyl-Doppel-LP. Dabei ist „The Velvet Trail“ kein nostalgisches Abenteuer, sondern das unverstellte Statement eines Ausnahmekünstlers, dem hier mal wieder ein richtig großer Wurf gelungen ist.

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