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MICHAEL WINTERBOTTOM - 24 Hour Party People (2-DVD)

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Artist MICHAEL WINTERBOTTOM
Title 24 Hour Party People (2-DVD)
Homepage MICHAEL WINTERBOTTOM
Label ARTHAUS
Leserbewertung
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In meiner zweiten Besprechung (siehe auch das Review zu „Once“) über die vom Rolling Stone veröffentlichte DVD-Edition in Zusammenarbeit mit Arthaus möchte ich mich mit einem semidokumentarischen Film über die aufstrebende Musikkultur im Manchester der 70er und 80er-Jahre beschäftigen. Titel des Werks von Michael Winterbottom (“Road to Guantanamo”): „24 Hour Party People“. Leider wurde der Film bei seinem Erscheinen damalig nicht im deutschen Kino (welches leider nur noch überwiegend aus Multiplexen besteht) gezeigt (wie fast alle Filme von Winterbottom, da sie nicht für das „gemeine Volk“ tauglich sind). Verdient gehabt hätte er es, schließlich war er sogar für die goldene Palme nominiert. Der Film wurde auch nicht synchronisiert, was ein Glücksfall ist, denn so kann man ihn authentisch mit der rotzigen Aussprache der Beteiligten genießen.

Mittelpunkt der Handlung ist die reale Gestalt von Tony Wilson, seines Zeichens Mitinhaber von Factory Records, welche die Britikonen JOY DIVISON, NEW ORDER oder auch die HAPPY MONDAYS unter ihren Fittichen hatten. Zusätzlich war er einer der Gründer des legendären Hacienda Clubs in Manchester, der die Club- und Ravekultur etablierte. Der Film ist daher entsprechend strukturiert: Er thematisiert Aufstieg und Fall des Labels Factory Records und des hieraus geborenen Hacienda-Clubs in Manchester, wobei zunächst die Historie von JOY DIVISON und in der zweiten Hälfte die der HAPPY MONDAYS behandelt wird. Wilson (er verstarb leider im Jahre 2007) war ein sprachfertiger jedoch geradezu selbstverliebter Exzentriker. Zunächst trat er als Fernsehmoderator in Erscheinung um (nach Absetzung seiner Musiksendung) dann schließlich das Label zu gründen – mit JOY DIVISON als erste große Entdeckung, wobei Ian Curtis (ein noch größerer aber auch sehr depressiver Egozentriker) im Film nicht so gut wegkommt. Bei seinem ersten Aufeinandertreffen mit Wilson will er diesem direkt die Bügelfalte nachdämpfen, was dieser jedoch geschickt umgehen kann. Die Bandgeschichte von JD wird eher kurz abgehandelt (das reichte jedoch schon, damit mir dieser Film besser gefiel als das Biopic „Control“). Bekanntlich hat sich Curtis vor Beginn der Amerika Tournee seiner Band erhängt.

Aus „Joy Divison“ gingen dann „New Order“ hervor, deren größter Hit auch der größte ihrer Plattenfirma war: „Blue Monday“. Wilson wird vom Stand Up Comedian Steve Coogan (kommt auch aus Manchester) verkörpert, womit eine Idealbesetzung gefunden wurde, da er den nötigen Stadt-Slang perfekt herüberbringt und eine perfekte One-Man-Show abliefert. Alfred Molina gratulierte ihm augenzwinkernd für seine brillante Performance in Jim Jarmuschs „Coffee & Cigarettes“. Multiplexbesucher kennen in als Phileas Fogg im Jackie Chan-Vehikel „In 80 Tagen um die Welt“. Coogan (nein, wegen ihm habe ich mein Pseudonym nicht gewählt) beherrscht Wilsons Humor und dessen Verrücktheiten perfekt und bringt sie genial und dabei immer sympathisch und tiefschürfend rüber. Getoppt wird er hierbei nur noch vom überragend maskierten Andy Serkis. Dieser Darsteller ist bei weitem wandelbarer als es de Niro je sein wird. Er verkörpert den selbstzerstörerischen Produzenten Martin Hannett mit einer unglaublichen Intensität und legte hierfür auch an Gewicht zu.
Der Film versteht es schnell den Zuschauer mit seiner neuartigen, schnell geschnittenen und abwechslungsreichen Machart mitzureißen und legt dabei ein großes Tempo vor. Tatsachen und Fiktionen werden perfekt miteinander vermengt und in den Film integriert (so wendet sich Wilson selbst oder eine andere Figur immer wieder an das Publikum, um das Geschehen zu kommentieren).

Viele Ikonen der englischen Musikkultur (z.B. die SEX PISTOLS) werden sehr gekonnt mittels Archivmaterial in den Film geschnitten und der Zuschauer lernt so einiges über die Geschichte der englischen Pop- und Rockmusik (SIMPLY Mick Hucknall ist laut Wilson einfach nur eine Schwuchtel). Zusätzlich vermittelt der Film so manches Detail der damaligen politischen und gesellschaftlichen Situation im England der 70er und 80er-Jahre.
Höhepunkt ist m. E. (und auch nach Meinung vieler anderer Rezensenten) eine Sequenz, in welcher die HAPPY MONDAYS Paul & Shaun Ryder die Ratten der Lüfte (Tauben) auf einem Hausdach vergiften und schließlich töten. Hierbei verwendet Jim Jarmuschs Stamm-Kameramann Robby Muller irrwitzige Stuka- bzw. Kamikaze-Montagen, in welcher die Tauben wie Steine auf das Hausdach stürzen, wobei die beiden Brüder dieses so richtig abfeiern und bei dieser wahren Begebenheit die Schwelle zu einem neuen Musikabschnitt in Manchester überschreiten: Der Madchester-Bewegung, in der die Mondays einer der größten Bands waren, die unglaubliche Sex- und Drogenparties in ihrem Tourbus abfeierten und mal eben 200.000 Pfund auf Barbados verjubelten, anstatt sie für die Aufnahmen eines neuen Albums zu verwenden. Damit brachten sie Factory Records an den Rand des Ruins.
Zusätzlich baut Winterbottom witzige Ufo- und Gott-Sequenzen in den Film ein, was wohl dem Drogenkonsum Wilsons geschuldet ist. Dennoch ist und bleibt sein Film ein sehr apodiktischer Film, der von Wilson aus der Ich-Perspektive erzählt wird, was hier erstaunlich gut funktioniert. Selten wirkte dieses Stilmittel im Vergleich zum Restmaterial so homogen. Zeitzeugen werden vom Erzähler an die Seite genommen, interviewt und kommentieren die Ereignisse. So wendet sich zum Beispiel der echte Howard Devoto am Ende einer Szene zur Kamera und erläutert, dass er sich an das gerade gezeigte Ereignis „auf keinen Fall erinnern“ könne. Parallel zum Bandgeschehen von Factory Records wird dabei noch der Aufstieg und Fall des Hacienda Clubs thematisiert (was ein wenig an das Biopic „Studio 54“ erinnert).
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Zur Rezension lag mir DVD 1 der Arthaus Special Edition vor, welche lediglich die Audiokommentare von Tony Wilson, Steve Coogan und Produzent Andrew Eaton Deutsch untertitelt enthält. Die Special Edition enthält darüber hinaus ein Porträt über Michael Winterbottom, Featurettes, ein Musikvideo von NEW ORDER, eine Behind the Scenes [B-Roll]-Dokumentation, Deleted Scenes, eine Fotogalerie, Trailer, Interviews, sowie ein 24 seitiges Booklet mit Informationen über Tony Wilson und dem Manchester der 70er Jahre. Eine Anschaffung (die ich mit Sicherheit noch tätigen werde) ist also auf alle Fälle lohnenswert.

Fazit:

Die wichtigste Band Manchesters (THE SMITHS!) wird zwar leider nur am Rande erwähnt (was angesichts der Thematik schändlich ist), dennoch ist dieser Film DER Pflichtstreifen für jeden Musikfanatiker, der auch englischen Punk- und Rockklängen nicht angeneigt ist. Mit Sicherheit einer der besten semidokumentarischen Filme überhaupt!

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