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MIND.IN.A.BOX - R.E.T.R.O

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Artist MIND.IN.A.BOX
Title R.E.T.R.O
Homepage MIND.IN.A.BOX
Label DEPENDENT
Leserbewertung
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7.0/10 (21 Bewertungen)

Endlich neues Material von MIND.IN.A.BOX, meine Lieblings-Österreicher neben Haas und Murnberger (siehe die Brenner-Trilogie). Doch Obacht, das vierte Vollzeit-Album überrascht mit einer ungewöhnlichen Ausrichtung, Cover Artwork und Titel hätten mich gleich stutzig machen müssen. Das, was die MP3-verseuchte Jugend möglicherweise gedanklich nicht mehr einordnen kann, ist eine Datasette – ein schwer zu handelndes Speichermedium des legendären C64-Homecomputers. Damals „durfte“ man die Spiele noch langwierig von Tapes einlesen, sodenn der Tonkopf nicht gerade dejustiert war und man stundenlang mit einem Schraubenzieher daran rumfummeln musste. Mit „R.E.T.R.O“ macht mir das Duo Poiss/ Hadwiger eins der schönsten Geschenke, seitdem Mönchengladbach wieder auswärts gewinnen kann. Eine Reise in meine eigene nerdige Vergangenheit und die war so:

Mitte der 80er war der Lord ein eher unsportliches, unförmiges, blasses Kind, welches seine sozialen Defizite mit Leistungen in der Computer Szene kompensieren wollte. Es war die Zeit der Postlagerkarten, der Commodore-Rechner und der miteinander konkurrierenden Computergruppen. Wir waren die „Mindkillers“, eine eher semiprominente Ansammlung egozentrischer Freaks, die das Prinzip „gemeinsam einsam“ hinter dickklobigen Brotkästen (so wurde der C64 liebevoll genannt) über mehrere Jahre lebten. Jedem Mitglied der „Mindkillers“ (übrigens ein ziemlich schlechter Horrorfilm) wurde eine spezielle Aufgabe zuteil und in Ermangelung von Konkurrenz und anderer Fähigkeiten durfte ich den Sound-Mann machen. Das war derjenige, der dem berühmten SID-Soundchip und seinen 4 Soundkanälen irgendwie annehmbare Klänge entlocken sollte. Und wer waren die großen Vorbilder des pubertären jungen Jedi-Ritters? Natürlich Chris Hülsbeck und Rob Hubbard, 2 Namen, die auch heute noch ein Leuchten auf die Augen der aktuell Midlife-Geschädigten Old Schooler zaubern. Und genau diese beiden Herren finden sich auf „R.E.T.R.O“ wieder, bzw. ihr schönsten Lieder, welche MIAB respektvoll in die Jetzt-Zeit transferiert haben.

So sorgte beispielsweise Hülsbecks „Shades“ (damals einer Computerzeitschrift beigelegt) 1986 gleich reihenweise für feuchte Hosen unter den 64ern, Derartiges hatte man dem Kasten nicht zugetraut und fortan ahmten nicht wenige ihrem Vorbild nach. Darunter auch Baba von den… ja genau… „Mindkillers“, der seine armen Eltern stundenlang mit den modulierten Klängen terrorisierte. Nicht zu vergessen der Brite Hubbard, der unzählige Spiele-Klassiker vertonte, man denke etwa an „Monty on the Run“, jener Geschichte eines unschuldigen kleinen Maulwurfs oder was pixelmässig davon übrig blieb. Und ausgerechnet mein absolutes Lieblingsstück „Lightforce“, ebenfalls aus dem Jahre 86, darf ich nun ein Vierteljahrhundert später wieder auf Endlosschleife legen. DANKE, MIND.IN.A.BOX! Neben diesen beiden Titeln finden sich weitere Cover wie „Last Ninja 3“ neben 80er-Hommagen à la „8 Bits“ (ein richtiger Ohrwurm!), das auch als limitierte Single erschienen ist. Hier kommt dann wieder der von der „Lost Alone“-Saga bekannte und stark verfremdete Gesang zum Einsatz, der mir in meinem ersten Interview mit dem Projekt zum Verhängnis wurde.

Eine wahrhaft außergewöhnliche Veröffentlichung einer der interessantesten zeitgenössischen Elektro-Formationen. Ein Brückenschlag von Vergangenheit zu Moderne, der zeigt, dass ein guter SONG immer funktionieren wird. Der respektvoll mit den Original-Sounds umgeht und eine Ära ins Gedächtnis zurückholt, in der Computer noch eine Art Abenteuerland für Entdecker waren. Möglicherweise werden Fans der älteren Werke ein wenig Zeit brauchen, um sich mit der etwas anderen Stilistik anzufreunden, doch auch diese sollten schlussendlich den Hut ziehen vor „R.E.T.R.O“, einer von vorne bis hinten perfekt durchdachten Zeitmaschine, die meine eigenen Wurzeln für die Dauer einer CD wieder lebendig macht.

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