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MORGAIN - Abandoned in the Forest of Weariness

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Artist MORGAIN
Title Abandoned in the Forest of Weariness
Homepage MORGAIN
Label METAL AGE PRODUCTIONS
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Ein frostiger Wind fegt durch die Straßen und über die menschenleere Plätze des winterlichen Bratislava, wirbelt Fontänen aus Schnee auf und peitscht feine Hagelkörner gegen Fenster und Windschutzscheiben. Das Gesicht tief in den Schal vergraben und die Arme vor der Brust verschränkt, lehne ich mich in den Sturm und kämpfe mich durch die dicken Schwaden aus Eis und Kälte. Eine enge Seitengasse bietet mir Schutz und rasch schlüpfe ich durch den engen Spalt der sich nur mühsam öffnenden Tür eines Lädchens.

Innen empfängt mich eine Welle aus Wärme und Klang und ich stelle erfreut fest, dass ich in einem Plattengeschäft stehe, klein zwar aber liebevoll eingerichtet mit scheinbar selbstgebastelten Holzregalen. Hinter der Theke steht eine junge, hübsche Verkäuferin mit einem roten Reif im Haar. Ich sehe mich um: Die Auswahl beschränkt sich weitestgehend auf traditionelle slowakische Musik, doch neben der Theke steht ein blauer Plastikkasten, an dem ein handgeschriebener Zettel klebt: „Metal“. Schwerfällig sichte ich mit blauen Fingern die darin enthaltenen Scheiben und nehme aufs Geratewohl das erste Album heraus, das mich interessiert: „Abandoned in the Forest of Weariness“ von MORGAIN. Auf einem aus morschen Holzbrettern zusammengezimmerten Tisch steht ein alter Plattenspieler, ich setze die Kopfhörer auf, lasse das Vinyl auf den Teller und die Nadel in die Rille gleiten. Chöre erklingen, mächtig und erhaben, wie der Gesang urwüchsiger Bäume, dann setzen Gitarre und Schlagzeug ein und eine finstere, dunkel blutende Stimme erhebt sich: „I’m feeling so tired, and never-ending seems to be this way.“ Die Riffs deuten auf Metal, doch sind sie nur ganz dezent verzerrt und an allen Ecken und Enden bahnen sich unwiderstehliche Melodien einen Weg durch den Hass, erstrahlen kleine Sterne aus Akkordeon und Mundorgel am Firmament und stets ist da die zartbittere Süße einer weniger ätherisch denn abgeklärt singenden Elfe. Das Lagerfeuer prasselt dabei gemütlich, doch in den Schatten der umliegenden Nacht sammelt sich eine böse Armee. „Dying“ beginnt als einfacher und betörender Folksong, dessen schwarz schimmernde Schale im Refrain in einem Regen aus kochender Lava auseinanderbricht und der beschwingt beginnende Stampfer „World is buried“ scheint voller Hoffnung, ist aber nur auf der panischen Flucht vor der Ausweglosigkeit der Realität: „World is buried, I won’t cry/ All my warnings are drowned in lies.“ Kurz vor dem Morgengrauen werden diese acht Geschichten erzählt, eingewickelt in eine Decke, die Hände vor den Augen und in der bangen Sehnsucht nach dem Sonnenaufgang. Eine halbe Stunde vergeht wie eine Ewigkeit, und ich erwache aus einem Traum. Als die letzten Töne von „The Seducer“ verklungen sind, nehme ich das Album, gehe zur Kasse und zahle. Draußen tanzen Sonnenstrahlen auf dem blendenden Weiß der Welt und mit der Hülle unter dem Arm stapfe ich nach hause.

Am nächsten Tag laufe ich erneut zu der kleinen Straße, doch in dem Laden ist nun eine Metzgerei mit Wurstspezialitäten. Bei einem dicken, kleinen Mann kaufe ich ein paar Scheiben Salami, obwohl ich Vegetarier bin. Als ich nach draußen trete, drehe ich mich noch einmal um. Durch einen Vorhang aus bunten Perlen erkenne ich die Umrisse einer jungen Frau. Sie huscht schnell vorbei, doch ich kann deutlich ihr wehendes Haar erkennen, in dem ein roter Reif steckt.

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