Band Filter

MORRISSEY - Your Arsenal (Re-Release)

VN:F [1.9.22_1171]
Artist MORRISSEY
Title Your Arsenal (Re-Release)
Homepage MORRISSEY
Label PARLOPHONE/ WARNER MUSIC ENTERTAINMENT
Leserbewertung
VN:F [1.9.22_1171]
0.0/10 (0 Bewertungen)

Zugegeben, ich war nie ein großer Fan von MORRISSEY. Genau genommen war sein Gesang schon der Grund, weshalb ich mich trotz Johnny Marrs großartiger Gitarre nie für die SMITHS erwärmen konnte, vielmehr war ich immer geneigt, BLIXA BARGELDs Einschätzung „der weinerlichste Arbeitslose, den England je hervorgebracht hat“ vorbehaltlos zuzustimmen. Dabei hat MORRISSEY eigentlich immer versucht, mir alles recht zu machen, gerade mit „Your Arsenal“, seinem dritten Soloalbum aus dem Jahr 1992, das dieser Tage neu aufgelegt und um eine Live-DVD ergänzt wieder in die Läden kommt: Er wandte sich vom Pop zum Rock, ließ die Platte für einen Hauch von Glam von MICK RONSON produzieren und lud sie mit einem kräftigen Schuss Rockabilly auf.

Das Resultat: immerhin weniger weinerlich. Von echtem Glamrock kann trotz RONSON keine Rede sein, denn dazu bräuchte man wesentlich mehr Humor, als „Your Arsenal“ auf ganzer Länge anzubieten hat. Aber man muss neidlos anerkennen, dass MORRISSEY ein geradezu unheimliches Gespür für Melodien mitbringt: „We Hate It When Our Friends Become Successful“ ist in seiner Leichtigkeit unübertrefflich. „You’re The One For Me, Fatty“ erinnert mit seinem frei schwebenden, mühelosen Gitarrenriff in seinen besten Augenblicken an die STONE ROSES, die ihrerseits den SMITHS fraglos auch viel zu verdanken hatten. Aber da lässt sich MORRISSEY dann wieder in diesen typischen, leidenschaftslos leiernden Vortrag fallen, der mich ewig daran zweifeln lassen wird, wieso zahllose andere namhafte Kritiker ihn stets als echten Gefühlsbolzen feierten. Wenn es allerdings richtig melodramatisch wird wie bei „I Know It’s Gonna Happen Someday“, dann passt plötzlich wieder alles – wohl auch, weil bei all den großen Gesten und der gelungenen VERA-LYNN-Pose endlich einmal ein kleines Augenzwinkern durchblinzelt.

Bei seinem Erscheinen war „Your Arsenal“ Gegenstand heftiger Kontroversen, nicht zuletzt wegen „National Front Disco“ und der Textzeile „England for the English“. MORRISSEY hat sich seitdem verschiedentlich gegen Rassismus engagiert und alle Faschismus-Vorwürfe stets bestritten; betrachtet man den Text heute ganz nüchtern, so erschöpft er sich in einer reinen Beschreibung und enthält sich einer Stellungnahme – was allerdings bei einem derart sensiblen Thema auch keine kluge Entscheidung ist, ebenso wenig, wie bei Konzerten mit dem Union Jack zu posieren. Ansonsten gibt es textlich viel zu entdecken – von der ergreifenden Schlichtheit von „I Know It’s Gonna Happen Someday“ bis zum einfühlsamen „You’re Gonna Need Someone On Your Side“.

„Your Arsenal“ wurde, so steht es auf dem Promotionzettel, anlässlich dieser Wiederveröffentlichung natürlich remastered, wie das ja inzwischen jedem Album droht, das älter als ein halbes Jahr ist. Ansonsten wurde an der Ausstattung eher gespart: Pappschuber, hinten drauf winzig klein die Tracklist, fertig ist die Laube. Bei einem intellektuellen Poeten wie MORRISSEY wären zumindest der Abdruck der Texte eine schöne (und sinnvolle) Ergänzung gewesen. So ist wohl der einzige Kaufanreiz für Fans die beigelegte DVD.

Die wiederum zeigt den einstündigen Mitschnitt eines Auftritts aus dem Jahr 1991, der ein bisschen lieblos ohne Vorspann oder Titel losgeht, aber gleich im ersten Track die leidenschaftliche Begeisterung der Fans zeigt, die nicht nur entfesselt nach vorn drängen, als der Meister sich zum Händeschütteln hinkniet, oder Blumen werfen, sondern auch auf die Bühne stürmen, um ihn in einer wilden Umarmung von den Füßen zu reißen, mit ihm zu tanzen oder anderweitig seine Nähe zu suchen. MORRISSEY, stilsicher angetan mit einem Goldlaméhemd, genießt diesen Fankontakt zweifelsohne und gibt sich ausgesprochen volksnah. Die Show konzentriert sich auf den reduzierten Indiepop, für den er in erster Linie bekannt ist, mit dem vom trockenen NEW-ORDER-Bass geprägten „November Spawned A Monster“ als gelungenem Opener, und wechselt hin und wieder zu Rockabilly, komplett mit Stehbass – schließlich trägt nicht nur MORRISSEY selbst die vertraute Teddyboy-Tolle, sondern die gesamte Band. Höhepunkt des Gigs ist zweifelsohne das sehr bewegende, emotionale „Asian Rut“.

Dass es ihm offensichtlich gar nichts ausmacht, sich von den Fans außer Atem bringen zu lassen, auch wenn es zu Lasten des Gesangs geht, tut das der Qualität dieses Konzerts keinen Abbruch, im Gegenteil. Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um das Gemeinschaftserlebnis, und das ist gerade in der heutigen Zeit, in der sich Künstler danach beurteilen lassen müssen, ob sie bei Live-Events die makellose Reproduktion der bekannten Songs „abliefern“ können, ausgesprochen erfrischend. Und: Es macht die Faszination MORRISSEY auch für Zweifler ein wenig nachvollziehbarer. Weinerlich geht offenbar auch mit Charisma. Chapeau.

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

MORRISSEY - Weitere Rezensionen

Mehr zu MORRISSEY