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MUDVAYNE - s/t

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Artist MUDVAYNE
Title s/t
Homepage MUDVAYNE
Label SONY
Leserbewertung
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7.7/10 (6 Bewertungen)

Musik ist Kunst! Ein gutes Album ist wie ein gutes Gemälde: Ein Meisterwerk, wenn man es als solches versteht. Und somit steht den van Goghs, Rembrandts und Picassos auch eine Garde von Musikern gegenüber, zu denen sich spätestens jetzt auch MUDVAYNE zählen dürfen. In ihren Anfangstagen vor allem durch ihre Brachial-Musik erfolgreich auf sich aufmerksam machend, weitete das Quartett seine musische Ader über die Bemalung der Gesichter in den folgenden Jahren konsequent aus. Über vier Alben hinweg ist man nun mit dem aktuellen Werk nicht nur (wie es die Selbstbetitelung schon deutlich macht) sich selbst näher gekommen, sondern hat etwas erschaffen, das über den bloßen Status eines weiteren Longsplayers hinausreicht.

Aus „Mudvayne“ ist nicht lediglich ein mit Musik bespielter Silberling geworden, den man in seinen Player wirft und der einen dann möglicherweise dabei hilft, sich zu entspannen, eine Unterhaltung untermalt oder die Party in Schwung bringt – es ist ein komplexes, anspruchsvolles Werk geworden, das einen beschäftigt und mit dem man sich auch beschäftigen muss! Leichte Kost waren MUDVAYNE nie, dafür gingen sie mit ihrem modernen Metal zu sehr in die Extreme, doch hatte man stets mit den bisher sechs Top10-Hits wie „Happy?“ oder „Do what you do“ einige Earcatcher, die einem die Tür aufhielten und den Mutigen unter den Rezipienten den Eintritt in ihre Welt gewährten. Und auch auf dieser Scheibe gibt es natürlich Single-Material wie etwa „Scream with me“, das die dafür entsprechenden typischen Eigenschaften der Amis aus Peoria, Illinois mit sich bringt. Doch ist dies ein nicht einmal ganz dreiminütiger Teil eines gut 48 Minuten langen, verstörenden, unangepassten, emotionalen und genialen Bastards, der (im Vergleich zum Rest!) schon fast in der Belanglosigkeit verkümmert. Was bei dieser Komposition mehr oder weniger nur so dahin tröpfelt, entpuppt sich bei den zehn „Kollegen“ als reißender Strom aus Wut, Trauer, Dynamik, Chaos, Melancholie, aber auch Hoffnung und Inspiration. Passend dazu betitelte man auch den Opener „Beatiful and strange“, der nach einem kleinen Intro mit dem infernalen Drumming von Matt McDonoughs beginnt und sich dann mit einem treibenden Killer-Rhythmus im Ohr festbrennt. Auf ein melodisches Break folgt Melancholie, dann aber wieder große Verbissenheit – die Achterbahnfahrt durch das Hirn des genialen Schöpfers und Sängers Chad Gray hat die Fahrt aufgenommen, die so schnell nicht enden soll. „1000 Mile Journey“ als nachfolgendes Stück stützt diesen Eindruck nicht nur dank seines Titels, das groovige Songwriting bietet hier auch wieder ein wahres Schätzchen in Form eines tollen, ruhigen, intimen Mittelparts, der einfach nur mitreißt. Erstaunlich ist dabei immer wieder, wie Chad Gray seine Stimme einzusetzen weiß. Er ist keine Nachtigall, die einfach nur seinen Schnabel öffnen muss und dann mit ihrem wundervollen Gesang betört, er ist wie ein Rabe mit der Gabe, seinen Gefühlen vielschichtig Ausdruck zu verleihen. Er ist längst nicht der beste Sänger, wohl aber ganz sicher einer der stärksten „Worker“ seiner Zunft; wie er mit seiner Stimme arbeitet, ist schwer beeindruckend! Ob er nun wie beim megastarken Stampfers „I can’t wait“ mit einem bestialischen Schrei eröffnent und dann mit seinen wütenden Shouts nachlegt, beim fesselnden „Burn the bridge“ neben seinem kratzigen Gesang auch mit den gepressten Vocalparts seine Stimmbänder foltert oder ihn beim finalen Lagerfeuer-Song „Dead inside“ gefühlvoll und teils etwas nasal zur Akustikgitarre gestaltet – die starken und ebenso oft krassen Lyrics aus seiner Hand vertont er mit enormer Präzision. Doch selbst das würde alleine nicht reichen, um aus dem Album das zu machen, was es ist. Der bereits erwähnte Mr. McDonough an der Schießbude schwebt nur so zwischen Groove und Blast und spielt geschickt mit Tempi, während Greg Tribbett an der Gitarre sich immer wieder zu wahren Genie-Streichen verleiten lässt! „Heard it al before“ fängt gitarrentechnisch beispielsweise in bester FEAR MY THOUGHTS-Manier ziemlich dicht und paranoid an, tritt dann aber mit Anlauf die Tür zum Metal ein und frickelt sich mit dem Solo seine wohlverdiente Anerkennung zusammen. Tolle Melodien wie bei „All talk“ oder Ausbrüche wie bei dem rockigen Solo in „Closer“ tragen zur unglaublichen Unberechenbarkeit der insgesamt elf Klangwerke bei, so wie natürlich auch Bass-Virtuose Ryan Martinie, über den man wohl eigentlich nichts mehr sagen und schreiben müsste – sein Stempel prägt den Sound der Band wie ein Qualitätssiegel, das nur das beste verspricht. Dieses Zusammenspiel der vier absoluten Könner funktioniert unfassbar gut – selbst dann, wenn sie mal nicht wirklich zusammenspielen! Doch selbst in dem dann gewollt inszenierten Chaos verliert man sich nicht aus den Augen und schafft es trotzdem, die Geschichte der Komposition songdienlich weiter zu erzählen – wie gesagt: Kunst! Komplettiert wird das Meisterwerk dann durch eine Vielzahl von verschiedenen Parts, die wie eine Art Interlude das Liedgut verbinden, teilen, zerschlagen oder glätten. All das schafft über die Gesamtheit des Albums eine einmalige Atmosphäre, der man die Abgeschiedenheit und Isolation direkt anmerkt (man höre hier nur mal „Out to pasture“), für die man sich in die Sonic Studios nahe der mexikanischen Grenze zurück zog; dorthin, wo der Rio Grande das magische Tor zu einem neuen Leben zu sein scheint – einige schaffen es hier von Mexiko nach Amerika, einige nicht; einige überleben den Versuch nicht einmal.

All diese Bausteine bilden die Farben für dieses musikalische Gemälde, dieses Meisterwerk – und das, obwohl es ohne Farben im eigentlichen Sinne auskommt, zumindest auf den ersten Blick. Denn das gesamte Design des Albums mitsamt Cover und allem drum und dann ist komplett (bis auf den Barcode) in weiß gehalten. Kein Motiv, kein Schriftzug, nicht einmal Tracklist oder Songtexte sind im bleichen Inlay oder auf dem Cover zu erkennen. Einzig Schwarzlicht bringt das zum Vorschein, was Tattoo-Legende Paul Booth sich für das Cover hat einfallen lassen und enthüllt Texte und Song-Titel. Eine geniale Idee für ein geniales Werk, dessen Schönheit man sich erarbeiten muss. Wer sich nicht die Mühe macht, das Cover mit Schwarzlicht zu bestrahlen, der wird auch dessen Pracht nicht erkennen. Und wer sich nicht die Mühe macht, sich mit dem Liedgut zu beschäftigen, der wird auch dieses nicht schätzen lernen können. Wer es nicht erkennt, der hat es nicht verstanden. Es ist kein Album, das sofort zündet – doch jeder Hördurchgang lässt die Blüte sich mehr und mehr entfalten. Wie ein Buch, das man mehrfach lesen muss, um die Intention des Autors zu entschlüsseln. Wie ein Film, bei dem einen viele Details erst beim zweiten, dritten, vierten Durchlauf auffallen. Wie ein Gemälde, das man verstehen muss. Und genau diese Kunstwerke sind es, die die schönsten von allen sind.

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