Band Filter

NICK GREY & THE RANDOM ORCHESTRA - Regal Daylight

VN:F [1.9.22_1171]
Artist NICK GREY & THE RANDOM ORCHESTRA
Title Regal Daylight
Homepage NICK GREY & THE RANDOM ORCHESTRA
Label SENSITIVE RECORDS
Leserbewertung
VN:F [1.9.22_1171]
0.0/10 (0 Bewertungen)

Im kunst- und liebevoll gestalteten Booklet zu „Regal Daylight“ steht neben den üblichen Angaben und den nur fragmentweise abgedruckten Texten ein hochinteressanter Satz: „Please don’t play this record on Sundays.“ Aber doch, genau das tue ich gerade. Und obwohl der aktuelle Longplayer von NICK GREY & THE RANDOM ORCHESTRA mit „Regal Daylight“ betitelt ist, ist es doch ein Album, dass am besten wirkt, wenn es draußen dunkel ist, die Welt leiser geworden ist und sich langsamer dreht. Dann hat man die idealen Hörbedingungen für die fragilen Soundkonstruktionen, die der Wahlfranzose und die kreativen Musikerköpfe um ihn herum gezaubert haben. Mutet das Intro mit einer atonalen Mixtur aus Klarinette, Trompete, Didgeridoo und Tenorgesang noch sehr schräg und experimentell an, entpuppen sich die folgenden Lieder als zarte, melancholische Perlen mit bildhaften expressionistischen Lyrics, die bittersüß direkt ins Herz tropfen. Ja, man könnte dieses Album als Avantgarde-Pop bezeichnen, doch wird keine Schublade dem kreativen Output von NICK GREY & THE RANDOM ORCHESTRA gerecht, denn was man hier hört, ist einzigartig und jeder Song für sich unverwechselbar. Nicks Stimme ist dabei so abwechslungsreich wie die Instrumentierung und die stilistische Bandbreite, trotzdem klingt das Album in seiner Gesamtheit homogen und in sich geschlossen.

„Look like Moses“ – mein persönlicher Favorit – und „Song for Wyatt“ kommen schwermütig und trotzdem leichtfüßig in einer Symbiose von elektronischen Klängen mit Klarinette und Trompete daher. „Intruders (of the family grief)“ dagegen ist deutlich von der Gitarre dominiert und „Zealot“ eine tieftraurige, fast schon minimalistische Ballade, in welcher Pianistin Jasmine Pinkerton auch für die Backing Vocals verantwortlich zeichnet. Die folgenden zwei Tracks verlassen die gängigen Songstrukturen für einen Ausflug in experimentellere jedoch trotzdem harmonische Gefilde. „Structure and Faith“ gibt wieder der Gitarre Raum zur Entfaltung und überrascht für einige Wimpernschläge mit einem dezent integrierten Melodieverlauf aus dem 80er-Jahre-Hit „Voyage, voyage“. „November fading“ ist der perfekte Soundtrack zu einem neblig-regnerischen Herbstmorgen mit Sinnkrise, so deprimierend kriecht die Pianoballade ins Ohr, einzig kurz aufgelockert von ein paar wenigen flickernden Beats. Das dramatische „Obedient Fathers“, welches von William Blakes „Gwin, King of Norway“ inspiriert wurde, holt den Hörer mit Drumrhythmen und ätherischen Frauenstimmen wieder ins Leben zurück, bevor man beim Schlußtrack „Hiding in Seaweed“ bei dezentem Conga-Getrommel und dem bezaubernden Sopran von Pinkerton in eine andere Welt driftet.

Der Name RANDOM ORCHESTRA scheint Programm zu sein, denn auf der Webseite wird das Projekt definiert als „a constantly mutating musical cell whose selection varies with its maestro’s inspirations and desires“. Mit dem rumänischen Tenor Vasile Moldoveanu holte man sich für „Regal Daylight“ zusätzlich einen prominenten Gast ins Boot, der einige Stücke des Albums um opernhafte, italienischsprachige Gesangspassagen bereicherte. Ebenfalls auf der Website zu finden sind Hörproben im mp3-Format von „Look like Moses“ und „Structure and Faith“; „Zealot“ liegt sogar komplett zum Download bereit. Wer also den stilistischen Blick über den Tellerrand nicht scheut, dem sei „Regal Daylight“ wärmstens ans Herz gelegt, mit dieser CD erwirbt man sich eine zeitlose, künstlerisch wertvolle und nicht zuletzt wunderschöne Dreiviertelstunde Musik, die sich dank der Repeat-Taste ins Endlose ausdehnen lässt.
helianthe

—————————————————————————————————————–

Wir haben nie daran gezweifelt, dass Klassik und Pop sich treffen könnten. Mit Projekten wie VSOP oder RONDO VENEZIANO und Opernstars, die hilflose Chart Hits vergewaltigen, war die eigentliche Frage vielmehr, ob sie dabei so verdammt hässlich aussehen müssen.

„Regal Daylight“ macht da einen entschiedenen Unterschied und bietet einen der erstaunlichsten und idiosynkratischten Ansätze der letzten paar Jahre. Man betrachte „Look like Moses“, den ersten track, welcher einer kurzen, einminütigen Einleitung folgt: Drums aus Pappe, stotternd wie SCATMAN JOHN am Sonntag, flirten mit einer strahlenden Klarinette, deren Klänge wie Lichtstrahlen durch orange Wolken scheinen, während klassische Harmonien sich mit der frischen Luft eines offenfenstrigen Appartments an einem Sommertag verbinden. Keine Angst – dieses Album ist weder so abgefahren, dass man es erst nach einem tiefen Zug aus der Bong versteht, noch ist es intellektuell abgeschmackt. Es vermeidet lediglich den geradlinigen Weg und überrascht den Hörer stattdessen in jeder Sekunde. Was am meisten Spaß daran macht: „Regal Daylight“ geht jeglicher Kategorisierung aus dem Weg – „The Zealot“ oder „November fadeline“ könnten entweder Songs oder „Lieder“ (im klassischen Sinne) sein, abhängig davon, wie man die Sache betrachtet. Und die Opernstimme des wunderbaren Vasile Moldoveanu (Nicks Vater) scheint sich zwischen knackenden Klängen und flüsternden Stimmen, die unmittelbar einem David Lynch Film zu entstammen scheinen, recht wohl zu fühlen. Das Ergebnis ist eine Art Traumzustand, in dem alles seinen Platz zu finden scheint – auch wenn man nicht genau erklären könnte, warum.

„Regal“ bedeutet majestätisch, was nun genau eines der Adjektive benennt, welches dieses Album nicht ist. Ganz im Gegenteil erfüllt sich hier Nick Greys Versprechen, Musik zu schaffen, die den Hörern Frieden und Unschärfe beschert. Klassik und Moderne schienen Welten voneinander getrennt zu sein. Dank „Regal Daylight“ sieht ihre gemeinsame Zukunft nun hell und schön aus.

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu NICK GREY & THE RANDOM ORCHESTRA