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Ô PARADIS - La Boca del Infierno

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Artist Ô PARADIS
Title La Boca del Infierno
Homepage Ô PARADIS
Label PUNCH RECORDS
Veröffentlichung ..
Leserbewertung
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7.9/10 (15 Bewertungen)

Das katalanische Einmann-Projekt Ô PARADIS dürfte vielen von Euch in erster Linie durch seine erfolgreichen Kollaborationen mit der kultigen Wiener (inzwischen auch nach Barcelona umgezogenen) Band NOVY SVET bekannt sein. Insbesondere die zwei gemeinsamen CDs, „Entre Siempre und Jamás Suben Las Mareas, Duermen Las Ciudades“ (Nekofutschata/ Tesco) und das im September diesen Jahres erschienene „Destello de Estrellas en la Frente“ (Punch Records) wurden von der Kritik sowie vom Publikum mit größtem Enthusiasmus empfangen. Und wenn der Winter so rasch und erbarmungslos wie in vergangenen Tagen einbricht, freut man sich natürlich ganz besonders, Bands wie Ô PARADIS oder NOVY SVET, die in ihren Veröffentlichungen immer ein Stück ihrer Katalanischen Sonne einpacken, in der Stereoanlage willkommen zu heißen. Aber bei diesem neuen und schon vierten Album, darf man nicht gleich die Rückkehr des Sommers erwarten. „La Boca del Infierno“ (Der Mund der Hölle) wird vom Label zu Recht als das „dunkelste und schmerzvollste“ Werk des Projekts beschrieben. Am thematischen Inhalt lässt das Aufsehen erregende Cover gepaart mit dem o. g. Titel nicht zweifeln. Es geht hier um die zeitlosen und untrennbaren Freuden und Qualen von Eros und Thanatos. Dementsprechend ist auch die Musik dieses Albums in Tönen und Atmosphäre von Dualitäten geprägt.

Gewiss sind die Elemente noch da, die die Musik von Ô PARADIS so einzigartig und unverwechselbar machen: die reizvollen, melancholischen Balladen mit mediterranem Flair, die warme und vertraute Stimme von Demian, die unserem Ohr geheimnisvolle Erinnerungen zu erzählen scheint, die süß-sauren Texte in Spanischer Sprache, von denen man sofort hört, egal ob man die Sprache beherrscht oder nicht, dass sie bis zum kleinstem Komma gefühlt und nicht nur gesungen werden. Auch findet sich in diesem Opus, für diejenigen, die mit Spanisch etwas anfangen können, die seltsame, sehr bildhafte und eben dadurch so markante Poesie des Katalanen wieder. Auch hier tauchen diese schlichten und doch wunderbaren Zeilen auf, die man einmal hört und nie wieder vergisst, und die mich schon in der ersten Ô PARADIS CD „Ensueños“ (El Circulo Records) so beeindruckt hatten (so z.B. hier in „De Espaldas“: „No somos alejando tanto/que nos espaldas se tocan“ „Wir haben uns so von einander entfernt, das unsere Rücken sich berühren“).

Was „La Boca del Infierno“ aber so eindeutig von den vorigen Alben unterscheidet, ist eine Experimentierfreude mit Klängen und Geräuschen, die nie zuvor so im Vordergrund waren. Neben Klavier, Bass und Gitarre erklingen seltsame Samples und Collagen, die der Musik von Ô PARADIS eine neue Tiefe, und der Stimme Demians zusätzliches Relief verleihen. Der schleppende, knisternde Beat auf „Tan Lejos“, die schrägen Blech-Loops auf „Tokyo“, die Polizeisirene und gekonterte Beschwörung auf „De Espaldas“, die Theremin-Melodie und die dramatischen Orchestereinlagen auf dem großartigen „La Sangre“ sind zusammen mit den immer wiederkehrenden arabischen Perkussionen und asiatischen Saitenklängen nur ein paar von den vielen Erfindungen des Albums. Aber das wirklich bemerkenswerte dabei ist, dass diese Elemente sich immer perfekt in die Musik einbinden, um die jeweiligen Launenwechsel, von Unbehagen bis hin zur Bitterkeit oder eine plötzliche Spannung, zum Ausdruck zu bringen. Hier ist nichts dem Zufall überlassen. Der Künstler hat offensichtlich die Klänge ganz genau recherchiert und eine sehr durchdachte Kompositionsarbeit geleistet, jedes Stück ziseliert und ausgefeilt zu einem vollkommenen Kleinod. Das Gesamtbild ist das eines sehr dynamischen, dramatischen und ausgeglichenen Albums und verrät eine musikalische Meisterschaft, wie sie bei den vorherigen Werken des Projekts nie so extrem aufgefallen war. Keines der Lieder ist dabei völlig düster oder fröhlich, sondern es wohnen die gegensätzlichen Gefühle in jedem Stück bei. Wenn man sich hier nicht so wunderbar gelassen und ausgeglichen fühlen kann wie zum Beispiel bei „Ensueños“, bleibt die Melancholie von Ô PARADIS trotz der dunkelsten Aspekte eine süße, höchst genießbare Melancholie, die man sich gerne gefallen lässt. Umso mehr, da man bei jedem erneuten Hören andere Feinheiten und Köstlichkeiten entdecken kann.

Fazit: Meiner Meinung nach das Album der Reife, welche das Talent des katalanischen Projekts zum ersten mal völlig entfalten lässt. Da wo die zwei ersten Alben fast wie lounge music klingen, und das dritte gar poppig wurde, ist „La Boca del Infierno“ definitiv ein industrielles Werk mit dem Potential, alle in dieser Szene begeistern zu können – und nicht nur die Jünger des sozusagen „Mediterranen post-industrials“. Das ist das Ô PARADIS Album, das ich mir gewünscht hatte. Den Fans von Demian erwartet im Digipack auch noch eine gewagte fotographische Überraschung… Also bedenkenlos zugreifen!

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