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OMD - English Electric

VN:F [1.9.22_1171]
Artist OMD
Title English Electric
Homepage OMD
Label BMG
Leserbewertung
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6.8/10 (13 Bewertungen)

Für alle, die nie den musikalischen Quantensprung verstanden haben, den OMD zwischen „Architecture & Morality“ und „Dazzle Ships“ zurücklegten, gibt es jetzt endlich das erklärende Album: „English Electric“. Das neue Studio-Werk in der Originalbesetzung ist exakt das Bindeglied zwischen dem sehr auf das Melodische angelegten ersteren Album, das im Lauf der Jahre zum Klassiker schlechthin avancierte und den OMD-Stil zu einem großen Teil prägte, und dem Nachfolger, der mit seiner stark experimentellen Ausrichtung viele Käufer verstörte. Diesen Schreck ereilten natürlich in erster Linie all jene, die zur Vorgeschichte der Band nichts wussten und sie in der Phase erlebten, als OMD aus der New Wave-Ecke in den Mainstream geraten waren. Sie wussten dadurch bei „Dazzle Ships“ auch nicht, was sie mit synchron geschalteten Zeitansagen aus aller Welt und Fetzen aus Radiobeiträgen anfangen sollten. Den verspielten Kredit gewann die Band dann aber spätestens mit dem Album „Junk Culture“ und den beiden wichtigsten Single-Auskopplungen „Locomotion“/ „Talking Loud and Clear“ wieder zurück.

So viel zur Vorgeschichte, die an dieser Stelle einfach mal erwähnt werden sollte. Nun aber zu „English Electric“. 2010 brachte uns „History of Modern“ nach jahrelanger Funkstille das erste Album in der Originalbesetzung McCluskey/ Humphreys. „History of Modern“ war der gelungene Beweis, dass die beiden Köpfe der Band noch immer in der Lage waren, eingängige, aber nicht anbiedernde Melodien mit intelligenten Texten zu kombinieren. Das Problem der Veröffentlichung lag allerdings in einer gewissen Unausgewogenheit der Songs, denen man zum Teil deutlich anmerkte, dass sie schon länger rumgelegen hatten (bestes Beispiel „Sister Marie Says“) oder für andere Projekte geschrieben worden waren (das treibende „Pulse“, das wohl eine gute Single abgegeben hätte). „English Electric“ lässt diese Schwierigkeiten weit hinter sich und klingt deutlich mehr wie aus einem Guss (bis auf eine Ausnahme, dazu aber später mehr), und das trotz der „Dazzle Ships“-Elemente, die sich in „Un-Songs“ wie „Atomic Ranch“ oder „Please Remain Seated“ äußern, die mit Stimmen anstelle von Klängen arbeiten – und funktionieren. (Bei Nicht-OMDlern werden sie allerdings auch diesmal Befremden auslösen, nur mit dem Unterschied, dass diesmal mangels Radiopräsenz – wer will schon neue Songs von irgendwelchen alten Säcken hören – das Mainstream-Publikum das Album gar nicht erst mitbekommen wird, sondern ohnehin nur die eingefleischten Fans.) Die erste Single „Metroland“, die auf dem Longplayer über sieben Minuten lang ist, erreicht ihre ganze hypnotische Wirkung auch nur in der Langfassung, wenngleich es mich nicht wundern würde, wenn Ralf Hütter OMD einen Anwalt auf den Hals hetzt, weil man sich streckenweise sehr an „Europa Endlos“ erinnert fühlt. (Aber da hatte McCluskey ja schon auf „History of Modern“ vorgebeugt, indem er mit den Song „RFWK“ den Einfluss der Kraftwerker auf OMD unmissverständlich einräumte.) „Night Café“ ist einer von diesen Songs, die (wie seinerzeit „She’s Leaving“ auf „Architecture & Morality“) Hitpotenzial haben, die aber immer wieder übersehen werden. Das Gleiche gilt für „Helen of Troy“, eigentlich die perfekte Nachfolge-Single zu „Maid of Orleans“. Zu schade, dass OMD anscheinend das Gefühl dafür verloren haben, mit welchen Stücken man am ehesten wieder auf sich aufmerksam machen kann, aber das hat man schon bei „History of Modern“ beobachten können. Nicht ganz so gefällig und eingängig, dafür aber umso interessanter kommen „Our System“ und „Final Song“ daher, wobei der Ersterer sich so dramatisch steigert wie der Track „Universal“, der einem früheren OMD-Album seinen Titel gab, während Letzterer auf halber Strecke eine gänzlich unerwartete Richtung einschlägt. „Stay With Me“ fällt qualitativ ein wenig ab, nicht weil der Track schlecht wäre, aber er klingt einfach zu beliebig und wirkt dadurch wie ein Lückenfüller, der niemandem wehtut, aber auch nichts Neues zu bieten hat. Anders verhält es sich da schon mit „Dresden“ (ausgerechnet die nächste Single-Auskopplung), der zwar Neues zu bieten hat, aber irgendwie nicht richtig nach OMD klingt, sondern wie ein ungewolltes Plagiat. Das Wiederhören mit „Kissing the Machine“ vom ersten KARL BARTOS-Soloalbum „Esperanto“ ist zwar nett, aber das hätte man sich hier eigentlich sparen können, weil der Song (entgegen der Meinung von Paul Humphreys) nicht verbessert, sondern eher ein bisschen verwässert wurde, da die klaren Strukturen verloren gegangen sind. Es wird noch ein bisschen hier zugegeben, und dort lassen wir im Hintergrund auch noch mal was piepsen, aber das Ergebnis ist dem Original immer noch viel zu ähnlich, als dass sich eine Neuaufnahme rechtfertigen ließe. Nett allerdings, dass ausgerechnet Claudia Brücken von PROPAGANDA als Gaststimme zu hören ist, womit sich bei dieser Komposition von KARL BARTOS der Kreis schließt, da zwei Düsseldorfer indirekt aufeinandertreffen – zumal Frau Brücken ihre Zeilen auch auf Deutsch singt, was beim Original nicht der Fall war.

Alles in allem lässt sich das Fazit ziehen, dass „English Electric“ ein Album ist, das den Namen OMD verdient hat, weil es alles bietet, was man von den Liverpooler Band gewöhnt ist. Was wirklich zu bemängeln ist, das ist die Covergestaltung, die zwar minimalistisch anmutet, aber leider auch sehr langweilig daherkommt und viel zu nah am Cover von „History of Modern“ angesiedelt ist. Allein der Titel hätte schon ein ähnliches Motiv wie das PINK FLOYD-Album „Animals“ nahegelegt. So sieht das Ganze bedauerlicherweise etwas billig aus, was umso skurriler ist, da das Booklet mit Fotografien im Stil von „Architecture & Morality“ aufwartet, die als Cover viel interessanter gewirkt hätten als die Buntstiftcollage, mit der man nun leben muss. Offenbar hat hier bedauerlicherweise der Gedanke eines „Corporate Identity“-Looks Einzug gehalten, da die Single „Metroland“ das Albummotiv in anderer Farbkombination zitiert. Da wäre etwas mehr von der Fantasie wünschenswert gewesen, die bei den Songs auf diesem Album glücklicherweise en masse vorhanden ist.

Vom schwachen Design bleibt man beim Limited Deluxe Box Set immerhin verschont, kommt die doch in einer edlen Metallbox mit Prägung daher, zusätzlich mit einer DVD (die allerding auch in der Digipack-Version erhältlich ist), auf der die beiden OMD-Köpfe über die Entstehungsgeschichte und die Ideen der Songs reden, was sehr interessant ist (aber wie bei fast allen Making ofs natürlich frei von jeglicher Kritik). Außerdem gibt es wie bei der Deluxe-Ausgabe von „History of Modern“ eine Bonus-CD mit Demo-Versionen verschiedener Albumtracks, die sich diesmal aber wenigstens lohnt, kommen doch immerhin neun Titel zusammen, darunter auch „Dresden“ in einer immerhin vier Jahre alten Frühversion.

Für wen das immer noch nicht Kaufanreiz genug ist: Es gibt auch noch eine Vinylsingle („Our System“) mit einer B-Seite, die nicht auf dem Album zu finden ist. Da ist allerdings Vorsicht geboten, denn schon zu „History of Modern“ wurden Vinylsingles veröffentlicht, die Nicht-Album-Tracks enthielten und zum Kauf verführen sollten – nur mit dem kleinen Haken, dass die dritte Auskopplung als Maxi-CD erschien, auf der alle vorangegangenen B-Seiten enthalten waren.
Ralph Sander

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OMD – eine der Speerspitzen des Eighties-Synthie-Pops melden sich passend zum 35. Bandjubiläum mit einem neuen Studioalbum zurück. Drei Jahre nach dem erfolgreichen „History of Modern“ wollen die beiden Masterminds Andy McCluskey und Paul Humphreys erneut die Charts stürmen und schicken dafür das Dutzend Songs ihrer zwölften Langrille ins Rennen. Der Name „English Electric“ ist dabei zwar eigentlich bei einem britischen Industrieunternehmen geklaut, aber durchaus passend, da ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK zweifellos – auf die Musik gemünzt – ein Inbegriff für englische Elektrik sind.

Ok, Hits wie „Enoly Gay“, „Maid of Orleans“ oder „Souvenir” konnte man vielleicht tatsächlich nur Anfang der Achtziger schreiben, aber was da am Anfang entfernt an „ABC Auto-Industry“ vom 1983er „Dazzle Ships“ erinnert und die Bezeichnung „Please Remain Seated“ erhalten hat, ist meines Erachtens einfach überflüssig. Ganz egal, ob mit diesem digitalisierten Opener die Warnung verbunden sein soll, dass die Zukunft, wie wir sie erwarten, abgesagt wurde und man weitere Anweisungen abwarten möge. Die erste Single-Auskopplung „Metroland“ bringt hingegen genau das mit, was ich von OMD erwarte: treibende Synthies und warmen Gesang. In diesem Sinne schließt sich auch das wehmütige „Night Cafe“ an – eine Hommage an den Maler Edward Hopper, denn der Text der Nummer setzt sich aus Titeln seiner Werke zusammen. „The Future Will Be Silent“ prophezeien die Elektro-Pioniere, die sich 1988 getrennt und 2006 wieder zusammen gefunden haben, im Folgenden und zeigen sich ein wenig experimenteller, ohne jedoch Eingängigkeit einzubüßen. Mit „Helen of Troy“ nehmen sich OMD einmal mehr einer Dame der Zeitgeschichte an und auch stilistisch sind Parallelen zur berühmten „Maid of Orleans“ nicht zu überhören. Der Backing Track von „Our System“ spielt derweil mit Techniken, die es zu Beginn der OMD-Karriere noch gar nicht gab: Fragmentierte und ruhige Geräusche der Magnetosphäre des Planeten Jupiter finden sich hier wieder, nachdem das Duo die Aufnahmen auf der Website der NASA gefunden hatte. Sie stammen von einem Gerät, mit dem das Raumschiff Voyager ausgestattet ist und das es ermöglicht, die geräuschlose Umgebung akustisch wahrnehmbar zu machen. „Kissing The Machine“ entstand in Zusammenarbeit mit Karl Bartos (ex-KRAFTWERK) und Claudia Brücken (ex-PROPAGANDA), die hier als deutschsprachige Stimme der Maschine zu hören ist. Technik ist offensichtlich ein großes Thema bei OMD und findet auch bei „Decimal“ seinen Niederschlag. Der kurze Track ist eine Collage aus den Betriebsgeräuschen verschiedener Maschinen und realisiert zudem rhythmisch den Ansturm von Emails, Sprach- und Textnachrichten. Gleichzeitig unterbricht er leider jedoch auch den Flow der Stücke und wäre deshalb für mich verzichtbar. Mit wohldosierter Melancholie und perfekt arrangierten Melodien gefällt hingegen „Stay With Me“ und auch „Dresden“ setzt auf die reine Poplehre, die an dieser Stelle jedoch etwas lebhafter ausgefallen ist und sich als legitimer Nachfolger von „Enola Gay“ etablieren könnte. Die Störgeräusche von „Atomic Ranch“ hätten sich die Herren Soundtüftler meinetwegen sparen können, vielleicht bin ich aber auch einfach zu old school… Der „Final Song“ ist daher für mich auch ein akzeptierbarer Kompromiss aus Experiment und Bewährtem, mit dem der Silberling dann erwartungsgemäß endet.

Bis auf die die arg technisierten „Pausenfüller“ überzeugen OMD auf „English Electric“ mit dem, was sie am besten können. Das ist ohne Zweifel der stimmige Synthie-Pop, der einmal mehr ohne jeden Fehl und Tadel produziert wurde und trotzdem nicht glatt poliert, sondern organisch wirkt, was daran liegen könnte, dass Paul und Andy anders als bei „History of Modern“ nicht nur Soundideen per Email zwischen ihren Computern in London und Liverpool hin und hergeschickt haben, sondern wirklich gemeinsam und zeitgleich an den Liedern gearbeitet und getüftelt haben.
ump

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