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PASCAL LAUGIER - Martyrs (Kino)

VN:F [1.9.22_1171]
Artist PASCAL LAUGIER
Title Martyrs (Kino)
Homepage PASCAL LAUGIER
Label WILDBUNCH
Leserbewertung
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9.7/10 (3 Bewertungen)

DIE 120 TAGE VON SODOM – 2008

1971, ein vielleicht gerade mal 9 jähriges Mädchen entkommt einer nicht näher beschriebenen Folterkammer und wird körperlich und geistig schwer verletzt auf offener Straße aufgelesen. In einem Sanatorium wird dieses Kind offensichtlich von einer grässlichen kaum mehr als Mensch zu bezeichnenden Gestalt terrorisiert und immer wieder mit einer Rasierklinge geschnitten. Nur leider bekommt niemand diese Kreatur zu Gesicht, nicht mal die Zimmergenossin und gleichzeitig beste Freundin der Gepeinigten.

15 Jahre später klingelt es an der Haustür einer auf den ersten Blick sympathischen vierköpfigen Familie, welche gerade frühstückt. Mama, Papa, und zwei Geschwister (Junge/ Mädchen) im Teenager Alter. Als der Vater öffnet, schaut er in den Lauf einer Schrotflinte welche in den entschlossenen Händen einer jungen Frau gehalten wird. Die junge Frau erschießt den Mann ohne Gnade, feuert auf dessen Frau, fragt den am Frühstückstisch zur Salzsäule erstarrten Sohn: „Weißt Du, was Deine Eltern getan haben?“ und streckt dann auch diesen nieder. Nach kurzem Zögern tötet die scheinbar Geistesgestörte auch noch die Tochter des Hauses.

Eine weitere ungefähr gleichaltrige junge Frau (die auf diesen Anruf zu warten scheint) wird von der Berserkerin per Handy angerufen. Durch den Dialog erfährt man, dass es sich bei den Frauen um die Freundinnen aus dem Sanatorium handelt und dass die Mörderin ihre Opfer durch einen Zeitungsartikel wiedererkannt hat. Der Zuschauer bleibt im Unklaren und versteht noch nicht das „WARUM“. Die Angerufene findet sich am Tatort ein, um ihrer Freundin zu helfen, die Leichen zu beseitigen und (und das ist weitaus wichtiger) um für das physisch vollkommen zerstörte menschliche Wrack da zu sein. Denn das Unglaubliche scheint immer noch anwesend zu sein, nämlich die deformierte Terrorgestalt mit der Rasierklinge, die seit 15 Jahren auf unbeschreibliche Weise die damals Neunjährige kaputt macht….

Ich mache mal eine Pause und möchte kurz beschreiben, was während und besonders nach dem zweifelhaften Genuss des französischen Spielfilms „Martyrs“ in mir vorging. Das, was man da mit ansehen muss, kann niemanden kalt lassen. Das bewiesen mir einerseits die nach und nach das Kino fluchtartig (oder gar angewidert?) verlassenden Besucher (bei 7 habe ich aufgehört zu zählen….), oder die den gesamten Film über vor mir und links neben meinem Begleiter sitzenden tuschelnden Filmfest Besucher, für die dieser Film offenbar zu viel des Guten war. Der Film ist tatsächlich grenzwertig, ja sogar obszön. Ich würde mich eigentlich als abgebrüht bezeichnen, worauf ich keineswegs stolz bin und möchte zu diesem Thema gerne Tarantino zitieren, der einmal in einem TV Interview gesagt hat: „Hey das ist Kino, das ist für mich Cowboys gegen Indians – da kann man nicht weit genug gehen, was das Zeigen von Gewalt angeht. Aber im wirklichen Leben bin ich ein absolut moralischer Mensch und lehne jede Form von Gewalt ab“. Gut gesagt Quentin, sehe ich ähnlich.

Achtung SPOILER!

Nachdem dem Zuschauer klar wird, dass die junge Frau mit der Schrotflinte so ge-/ zerstört ist, dass sie sich die Terrorgestalt nur einbildet (sie existiert, aber bei ihr nur in ihrem kaputten Kopf) und sich alle Verletzungen selber zufügt, wird die gesamte Handlung des Streifens (scheinbar) absurd. Der folgende grausame Selbstmord der Gepeinigten verstört nur noch mehr. Nun folgt der dritte Plot Twist:
Die bis dahin einzige Bezugsperson des überforderten Zuschauers (die Freundin) findet durch ein Geräusch aufgeschreckt im Haus eine versteckte Tür, welche einen hell beleuchteten Gang freigibt. Das Ambiente ist klinisch. Es befinden sich mehrere Bilder furchtbar entstellter Menschen an den Wänden. Diese Photografien haben eine unterschiedliche optische Qualität und scheinen aus mehreren Dekaden zu stammen. Doch eines haben die darauf voyeuristisch abgebildeten armen Kreaturen gemeinsam, ihre Augen sind geöffnet und starren den Betrachter auf unglaubliche Weise an! Am Ende des Ganges befindet sich eine Leiter, die in einem Keller führt… nun wird es für die eigentliche Hauptdarstellerin von „Martyrs“ und auch den abgestumpftesten Zuschauer wirklich extrem!!! Angekettet, (durch einen auf den Kopf genagelten Stahlhelm) blind gemacht, körperlich vollkommen vernarbt und mit offenen Brüchen am Knie und Ellenbogen treffen wir die vor Schmerz und Scham wimmernde Terrorgestalt (die also doch existiert, aber auch „nur“ als Opfer) wieder. Unsere Heldin befreit dieses menschliche Etwas von ihren Ketten, zieht die Nägel aus dem Helm, badet „ES“, aber die rührende Führsorge ist sinnlos. „ES“ dreht beim Anblick seines Spiegelbildes vollkommen durch, zersägt sich die Pulsadern und geht auch auf seine Retterin los. Plötzlich ein Schuss, „ES“ ist tot und ein paar Uniformierte betreten das Szenario. Plot Twist Nummer Vier:

Bei den Uniformierten handelt es sich um Lakaien einer „Gesellschaft“ nicht näher beschriebener Kulturmenschen. Diese höchstwahrscheinlich stinkreichen Herrenmenschen sind seit fast einem Jahrhundert fasziniert von so genannten Martyrs. Martyrs sind Menschen die trotz grausamst erlebten Leides sich trotzdem noch stundenlang vor ihrem Tode in einem beachtlichen Wachzustand befinden. Der Ausdruck im Gesicht, besonders der Anblick der Augen eines Martyrs und wenn möglich der geflüsterte Erlebnisbericht des langsam Sterbenden ist das „El Dorado“ für diese „Gesellschaft“. Die junge Frau wird in den Keller gebracht und JETZT geht die Tortur erst richtig los, denn die alte Oberglucke der „Gesellschaft“ ist überzeugt, die junge Frau befindet sich genau im richtigen Alter, um eine perfekte Martyr zu werden…

SPOILER ENDE

Nachdem ich eine Nacht über diesen Film hier geschlafen habe, ist meine Empörung etwas gewichen und ich wollte mir dann doch mit einer Kritik Luft machen. Martyrs ist Hardcore! ABER der Film ist auch sehr moralisch und inszenatorisch/ handwerklich hoch professionell und in diesem Punkt sowieso über jeden Zweifel erhaben. Vielleicht muss man das Thema auf diese abartige Art filmisch transportieren. Deshalb auch gleich am Anfang meines Reviews der Vergleich mit Pasolinis Werk. Ansatz und Thema sind ja nicht unähnlich. Für meine Person muss ich gestehen, dass ich eigentlich momentan keine große Lust verspüre, mir Martyrs noch mal anzutun. Besonders die letzten 20 abartigen Minuten, in der eine vollkommen unschuldige, menschlich integere junge Frau immer wieder stupide in einem Verlies zusammengeschlagen wird, sind einfach nicht hinnehmbar. Im Gegensatz zu seinen US amerikanischen Konkurrenten (auch die härtesten US Produktionen lockern Grausamkeit immer durch freiwillige/ unfreiwillige Komik auf) ist Martyrs ein eiskalter Schocker, der seine Geschichte unbarmherzig und gnadenlos vorantreibt. Für mich zu verstörend, deshalb nicht die Höchstwertung…

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